Ausland
Chinas reichste Frau – und erbitterte Feindin
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 08.07.2009
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Es gibt den Moment, in dem Rebiya Kadeer zur Staatsfeindin der Volksrepublik China wurde. 1997 war es, als Kadeer vor dem Nationalen Volkskongress Chinas eine Rede hielt. Fünf Jahre zuvor hatte die kommunistische Partei sie als Volksvertreterin in dieses Gremium gewählt, um eine Uigurin in die Staatsführung einzubinden. Sie galt etwas zu jener Zeit: Als Textilhändlerin war sie Anfang der 1990-er Jahre zur reichsten Frau des Landes aufgestiegen.
Dann aber zerriss die kleine, drahtige Frau beim Auftritt im Kongress überraschend den zuvor genehmigten Redetext und geisselte den Umgang der regierenden Han-Chinesen mit der uigurischen Minderheit, deren Land Mao 1949 dem Reich einverleibt hatte. «Die Chinesen haben unser Land besetzt», rief Kadeer in die erstaunte Runde. «Ist es etwa unsere Schuld, dass wir unter solchen Bedingungen leben müssen?» Sie, der man doch alle Privilegien gewährt hatte, forderte offen Gleichberechtigung, für die Uiguren und ganz besonders für die uigurischen Frauen.
Ein bisschen Gold veränderte alles
Das war der Moment, als die bisherige Vorzeige-Uigurin zur Staatsfeindin wurde. Und als Peking sie hochkant aus dem Volkskongress warf. Seither schiebt das Regime Kadeer gerne die Schuld für Unruhen in der Uiguren-Provinz Xinjiang zu – auch diesmal: «Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der separatistische uigurische Weltkongress unter seiner Anführerin Rebiya Kadeer die Gewalt geschürt hat», berichtete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua laut der «Süddeutschen Zeitung».
Ein Geschenk des Schicksals legte einst die Wurzeln für den Stolz und die Widerspenstigkeit dieser Frau. Am 15. Juli 1948 wurde Rebiya Kadeer im zentralasiatischen Altai-Gebirge geboren. Ihr Vater war ein einfacher Goldgräber, ihre Mutter Wäscherin – bis der Vater eines Tages fündig wurde. Wenige Tage nach ihrer Geburt kommt die Familie zu bescheidenem Reichtum. Der flösste der Familie, insbesondere der glücksbringenden Tochter, Selbstvertrauen ein.
Das Regime hoffte auf Ruhe
Als sie mit 27 Jahren genug hat von ihrem kontrollsüchtigen Ehemann, lässt sich Kadeer, inzwischen ebenfalls Wäscherin und sechsfache Mutter, scheiden. Sie baut mit zähem Ehrgeiz erst eine eigene Wäscherei, dann ein Handelsunternehmen für Textilien auf – und expandiert derart, dass sie 1991 mit geschätzten 45 Millionen Franken Vermögen zur reichsten Frau Chinas wird. Wenige Monate später holen die Han-Chinesen die erfolgreiche Leitfigur der Uiguren – die sich immer mal wieder kritisch über die Lebensbedingungen in ihrer Heimat äussert – zähneknirschend in den Nationalen Volkskongress, in der Hoffnung, sie ruhig zu stellen. Vergeblich.
1999, nach Jahren inzwischen öffentlichen Aufstands, wird Kadeer festgenommen. Sie soll mehrere Uiguren-Proteste angezettelt und Spionagematerial – laut ihren Aussagen harmlose Zeitungsartikel – in Umlauf gebracht haben. 2005 lässt Peking sie auf Drängen der USA frei, und Kadeer zieht zu ihrem zweiten Mann, einem intellektuellen Exil-Uiguren, nach Washington. Sie wird ein Jahr später Präsidentin des Weltkongresses der Uiguren mit Sitz im deutschen München. «Kadeer gehört zu den gemässigten Kräften der Autonomiebewegung», wird Thomas Heberer vom Ostasienlehrstuhl der Universität Duisburg in der «Financial Times» zitiert. Für China jedoch ist die Leitfigur der Uiguren eine Terroristin. Sie fördere «Separatismus, Terrorismus und religiösen Fanatismus», so das Statement aus Peking. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.07.2009, 16:21 Uhr
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