Ausland
Der Drache in der Wüste
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Rund 50 überwiegend staatliche chinesische Unternehmen haben von der algerischen Regierung Bauaufträge im Wert von umgerechnet fast 15 Milliarden Euro erhalten. In der Hauptstadt Algiers gibt es nun ein Chinatown, in arabischen Staaten ist das bislang nur selten zu finden.
Schon seit den 60er Jahren, als das Land seine Unabhängigkeit von Frankreich erklärte, wird Algerien von der Regierung in Peking unterstützt. Die meisten Ausländer nach den Franzosen sind heute Chinesen, insgesamt etwa 35.000. Nach Angaben der chinesischen Botschaft in Algier stieg der Handel zwischen beiden Staaten von umgerechnet 147 Millionen Euro im Jahr 2001 auf 3,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Nur Frankreich bringt mehr Güter nach Algerien.
Investitionen trotz Menschenrechtsverletzungen
Die Exporte aus Algerien nach China liegen dagegen bislang nur bei etwas über 220 Millionen Euro, weil China erst spät in das von US-Unternehmen dominierte Geschäft mit algerischem Öl und Erdgas eingestiegen ist. «Wir sind jedoch sehr aktiv bei der Erschliessung neuer Felder», sagt der stellvertretende Direktor der chinesischen Botschaft in Algier, Ling Jun. Von den algerischen Öleinnahmen profitieren die Chinesen allerdings schon jetzt: Zwei Drittel der 1.200 Kilometer langen Ost-West-Autobahn werden von einem chinesischen Staatsunternehmen gebaut. Vor wenigen Wochen wurde das mit Hochgeschwindigkeit umgesetzte Projekt nach nur drei Jahren beendet.
Grund für den Erfolg Pekings in Algerien und anderen Teilen Afrikas ist nicht nur die Finanzkraft der chinesischen Wirtschaft, sondern auch die Nachsichtigkeit gegenüber Menschenrechtsverletzungen und Korruption. Im Gegensatz zu einigen westlichen Ländern stellt China hier keine Bedingungen für Investitionen. Scharfe Kritik dagegen kommt von Menschenrechtsgruppen, die den Chinesen etwa vorwerfen, für sudanesisches Öl das Waffenembargo in Darfur zu brechen. Andere kritisieren, China vergebe zu wenig Arbeit an Einheimische und behandle algerische Arbeiter schlecht.
Warnung vor chinesischem Neokolonialismus
«Afrika sollte sich nicht von einer Form des Neokolonialismus kopfüber in einen chinesischen Neokolonialismus stürzen», warnt der Vorsitzende der Wirtschaftskommission der Afrikanischen Union, Rene N'Guettia Kuassi, in der französischen Wochenzeitung «Jeune Afrique».
Im vergangenen Sommer kam es zu Krawallen, als auf einem Markt nahe Algier ein Algerier mit einem chinesischen Händler wegen eines Parkplatzes in Streit geriet. Berichten zufolge verprügelte der Chinese den Mann, worauf eine Gruppe von Algeriern chinesische Geschäfte plünderte und Autos beschädigte. Jetzt patrouilliert im chinesischen Viertel des Vororts Bab Ezzouar die Polizei, während chinesische Händler importierte Bettwäsche, Turnschuhe und gefälschte Markenkleidung aus China verkaufen.
Als die Regierung in Peking vergangenen Sommer Proteste der muslimischen Minderheit im Westen Chinas unterdrückte, eskalierten auch die Spannungen zwischen Muslimen und Chinesen in Algerien. Der algerische Ableger von al-Qaida drohte mit Vergeltung, die chinesische Botschaft warnte vor Sicherheitsrisiken. Die Mehrheit der Muslime in Algerien zeigen jedoch keine Ablehnung gegen die Chinesen.
«Chinesen arbeiten besser und beschweren sich nicht»
Was viele Algerier aber kritisieren, sind die geringen positiven Auswirkungen der chinesischen Investitionen auf die algerische Wirtschaft. Von Kränen bis zu Trinkwasserbehältern importieren die Unternehmen benötigte Güter und Geräte aus China. Zudem werden selbst einfache Aufgaben von chinesischen Arbeitern erledigt. Eine neue Vorschrift verpflichtet die Firmen zwar, für jeden chinesischen Arbeiter mindestens zwei Algerier einzustellen und auszubilden. Doch bereits jetzt klagen die wenigen algerischen Angestellten über die Arbeitsbedingungen.
Einige Algerier streikten im September vergangenen Jahres beim Bau der neuen Autobahn und verlangten die Bezahlung von Überstunden. Zwei Monate später berichteten Zeitungen, algerische Arbeiter hätten die Unterkünfte ihrer chinesischen Kollegen gestürmt. Verschärft werden die Spannungen von Gerüchten, bei den Chinesen handele es sich um verurteilte Kriminelle, die im Gegenzug für mildere Strafen dem Arbeitseinsatz im Ausland zugestimmt hätten.
Tang, leitender Ingenieur eines Projektes für den Bau hunderter Wohnungen in der Nähe von Algiers, nennt diese Vermutung «pure Fantasie». Für Staatsunternehmen dürften nur Chinesen mit tadellosem Führungszeugnis arbeiten. Auf seiner Baustelle arbeiten 40 Chinesen und zehn Algerier. «Ehrlich gesagt», erklärt Tang, «arbeiten die Chinesen besser, länger, und ohne sich zu beschweren.» (bru/ddp/Alfred de Montesquiou/)
Erstellt: 14.03.2010, 14:30 Uhr



