Ausland
Die Partner schielen zum Ausgang
Von Stephan Israel. Aktualisiert am 05.12.2009
Solidarität lässt sich am einfachsten in nackten Zahlen bemessen: Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen konnte nach dem Nato-Aussenministertreffen in Brüssel die frohe Botschaft verkünden: Die Nato-Partner lassen die USA in Afghanistan nicht im Stich. 25 Staaten wollen insgesamt 7000 zusätzliche Soldaten entsenden, gefordert hatten die Amerikaner mindestens 5000. «Die Staaten lassen ihren Worten nun Taten folgen», sprach Rasmussen.
Doch die Zahlen sagen nicht die ganze Wahrheit: Die USA stocken ihr Kontingent um 30 000 Mann auf; die internationale Afghanistan-Truppe (Isaf) wird in Zukunft noch stärker von den Amerikanern geprägt werden. Zum Bild der Solidarität tragen Nichtmitglieder wie Südkorea, Georgien oder Montenegro bei, die 500, rund 1000 respektive 40 Soldaten nach Afghanistan schicken wollen. Von den grösseren europäischen Nato-Mitgliedsstaaten ziehen einzig Grossbritannien und Italien mit 500 beziehungsweise 1000 zusätzlichen Soldaten mit.
Einsatz überall unpopulär
In allen Nato-Mitglieds- und Partnerstaaten ist der Afghanistan-Einsatz inzwischen unpopulär, Länder mit bisher grossen Kontingenten wie die Niederlande oder Kanada überlegen grundsätzlich, ihre Soldaten 2010 abzuziehen. US-Präsident Barack Obama hatte Aussenministerin Hillary Clinton nach Europa geschickt, um Druck auf die Verbündeten zu machen und für die neue amerikanische Strategie zu werben. «Wir sind einen langen Weg gegangen», sagte die US-Aussenministerin zufrieden und zeigte gleichzeitig Verständnis, dass noch nicht alle Partner Zahlen nennen wollen.
Vor allem Frankreich und Deutschland wollen mit einem Entscheid über eine Truppenverstärkung bis zur Afghanistan-Konferenz am 28. Januar in London warten. Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle kritisierte in Brüssel, dass sich die Diskussion nur noch um die Zahl der Soldaten drehe. Obama habe an seiner Rede über die neue Afghanistan-Strategie mehrere Wochen lang gearbeitet. «Niemand erwartet von uns, dass wir drei oder vier Tage nach der Rede schon zu allem Ja und Amen sagen.» Im Mittelpunkt müsse ohnehin der zivile Wiederaufbau stehen.
Clintons Beschwörung
Anders Fogh Rasmussen ist um seinen Job nicht zu beneiden: Er muss das heterogene Bündnis zusammenhalten und nach endlosen Debatten um die richtige Strategie Zuversicht verbreiten: «Wir haben jetzt die Mittel zum Erfolg», machte der Chef der Militärallianz Mut. Rasmussen wies auch Spekulationen über einen Abzugstermin für die internationalen Truppen zurück. US-Präsident Obama will die Übergangsphase mit mehr Truppen und mehr Geld für Wiederaufbau nutzen, um ab Juli 2011 schrittweise die Verantwortung an afghanische Kräfte übergeben zu können. Danach könnte der Abzug der internationalen Truppen beginnen.
«Eine Übergangsphase ist nicht mit einer Exitstrategie zu verwechseln; hier findet kein Rennen Richtung Ausgang statt», versuchte Rasmussen den Eindruck zurückzuweisen, dass die Nato sich in Afghanistan mangels Erfolg auf dem Absprung befinde. «Wir werden Afghanistan nicht im Stich und das Land nicht in die Hände von Terroristen zurückfallen lassen», sagte der Nato-Chef. «Wir wollen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen», mahnte Clinton. Ähnlich die Beschwörungsformel vom deutschen Aussenminister. Der Einsatz in Afghanistan sei auch im Interesse der deutschen Bevölkerung, erklärte Westerwelle: «Wir verteidigen in Afghanistan unsere eigene Freiheit.» Doch auch Westerwelle hatte am Freitag ein Ende des unpopulären Einsatzes im Kopf: Die nächsten vier Jahre müssten genutzt werden, um einen Abzug vorzubereiten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.12.2009, 04:00 Uhr



