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«Die Schweizer sind wegen des Lösegelds interessant»

Interview: Monica Fahmy. Aktualisiert am 05.07.2011 33 Kommentare

Das entführte Schweizer Paar soll sich in den Händen der Taliban befinden. Der aargauische Grossrat und schweiz-pakistanische Doppelbürger Yahya Hassan Bajwa sagt, was den Geiseln drohen könnte.

1/16 Konnten sich in der Gefangenenunterkunft offenbar relativ frei bewegen: Daniela W. und David O. nach der Rückkehr. (17. März 2012)
Bild: Keystone

   

«Belutschistan ist sehr nationalistisch eingestellt»: Yahya Hassan Bajwa

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Yahya Hassan Bajwa ist schweiz-pakistanischer Doppelbürger. Der Grüne Politiker sitzt im Aargauischen Grossen Rat.
Er ist Gründer und Präsident des gemeinnützigen Vereins LivingEducation (www.livingeducation.org). Vor sieben Jahren hat der Verein in Belutschistan in der Nähe von Islamabad eine Internatsschule für verwaiste und arme Mädchen gegründet. Es handelt sich um ein interreligiöses Projekt, die Hälfte der Mädchen sind Musliminnen, die andere Hälfe Christinnen. Zudem führt die Organisation ein Fluchthaus für Frauen, hilft ihnen mit Anwälten vor Gericht und auf Jobsuche.

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Herr Bajwa, die entführten Schweizer sollen in den Händen der Taliban sein, sagt ein Sprecher. Von der Regierung ist noch keine Bestätigung gekommen. Was ist davon zu halten?
Es ist gut, dass sich jemand gemeldet hat, denn das zeigt, dass die beiden Schweizer höchstwahrscheinlich am Leben sind. Ob es sich bei den Entführern tatsächlich um Taliban handelt, ist mit Vorsicht zu werten. Die pakistanische Regierung will offenbar prüfen, ob es wirklich Taliban sind, oder bloss Kriminelle, die so versuchen, ihre Spuren zu verwischen.

Wenn es Taliban sind, was wollen sie?
Wie bei den Kriminellen dürfte hier die Lösegeldforderung im Vordergrund stehen. Dass die Entführung politisch motiviert ist, halte ich für weniger wahrscheinlich. Es handelt sich ja nicht um Amerikaner oder Bürger einer Nation, bei der man politische Zugeständnisse erpressen könnte. Möglich, dass Druck auf die pakistanische Regierung gemacht werden soll, Gefangene freizulassen. Das macht aber weniger Sinn. Die Taliban müssten damit rechnen, dass die Regierung nicht darauf eingeht, weil die Geiseln keine Pakistani sind.

Was ist als nächstes zu erwarten?
Die Schweizer wurden entführt, weil sie Weisse sind. Ausländer. Die Taliban würden auf den Medienrummel spekulieren. Andere Kidnapper auf das Lösegeld. Jedenfalls müsste bald eine Forderung gestellt werden.

Die Schweizer wurden bei Loralai in Belutschistan entführt. Sie kennen diese Gegend aufgrund ihres humanitären Engagements, wie sieht es vor Ort aus?
Mein Team war vor zehn Tagen dort, ich selbst im Mai diesen Jahres. Es handelt sich um ein sehr rückständiges Gebiet, weil die ganzen Entwicklungsgelder von der Regierung und den Stammesfürsten veruntreut werden. Der Bau von Strassen, Schulen, Spitälern, alles wird vernachlässigt.

Wer hat dort das Sagen?
Vor allem die Stammesführer. Der einflussreichste Stamm ist der Bugti-Stamm. Sein Anführer Akbar Khan Bugti wurde 2006 von der pakistanischen Regierung umgebracht, was im Gebiet zu Unruhen führte. Belutschistan ist sehr nationalistisch eingestellt, die Leute sind zwar religiös, aber nicht fundamentalistisch. Die Taliban haben demzufolge keine allzu grosse Macht.

Es soll sich um eine ressourcenreiche Region handeln.
Das meiste Erdöl und Erdgas von Pakistan wird in Belutschistan gefördert. Iran drohte früher mit Krieg, wenn Pakistan nach Erdöl bohren sollte. Da die Erdölschichten tiefer liegen als diejenigen des benachbarten Irans, hiess es, Pakistan würde iranisches Erdöl fördern.

Pakistanische Medien berichten von täglichen Entführungen und Anschlägen. Können Sie das bestätigen?
Ja. Es gibt in der Gegend keine Polizei, keine Richter. Nur Städte und Strassen, die geschützt sind, wenn die Armee dort ist. Nach 17 Uhr fährt aber kein Bus mehr dorthin. Topografisch ist das Gebiet sehr bergig, vor allem in Richtung Südwaziristan. Jemanden zu finden ist extrem schwierig. Es gibt ausgebaute Höhlen, welche nur die lokale Bevölkerung kennen. Darum hat die Schweizer Botschaft und Pakistans Regierung die Stammesfürsten miteinbezogen. Die wissen von den Verstecken und haben Kontakte in das Gebiet. Jetzt muss man abwarten, was die Entführer fordern.

Wie viel kostet eine Geisel?
Um die 50'000 Franken oder Pfund. Die letzten, die entführt wurden, waren ja Briten.

Die Schweizer sind alleine in ein Gebiet gereist, vor dem alle Behörden warnen. Entführungen, Anschläge und Morde sind an der Tagesordnung.
Das ist richtig. Unsere Hilfsorganisation LivingEducation hat seit eineinhalb Jahren keine Europäer mehr mitgenommen, aus Sicherheitsgründen. Andererseits, wenn man in Pakistan ist, nimmt man das nicht so wahr. Es gab und gibt immer wieder Leute, die durch das Gebiet fahren und ihre Reise wegen der Gastfreundschaft als sehr positiv erlebt haben. Wären die beiden Schweizer eine Stunde früher oder später losgefahren, wären sie vielleicht nicht entführt worden.

Müssen sie um ihr Leben fürchten? Immerhin werden dort ständig politische Aktivisten, Journalisten, Anwälte und Politiker umgebracht.
Es handelt sich dabei um Pakistani, die getötet werden. Es geht um pakistanische Politik, um Machtfragen, um Land. Die Leute werden aus diesen Gründen entführt und umgebracht. Bei den Schweizern handelt es sich aber um Touristen, die sind wegen des Lösegelds interessant. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.07.2011, 17:59 Uhr

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33 Kommentare

beat merkli

05.07.2011, 18:17 Uhr
Melden 62 Empfehlung

Dummheit,naivität und Selbstüberschätzung hat zu dieser Geiselnahme geführt,anders kann ich mir das ganze nicht erklären,ich hoffe das die beiden das überleben,wenn nicht sind sie selber schuld,sorry! Antworten


Roland Rawyler

05.07.2011, 18:52 Uhr
Melden 50 Empfehlung

Die ganze Welt weiss es : wer in solche Länder auf Expeditionen geht oder Ferien-Reisen unternimmt, ist seines Lebens nicht sicher, oder löst grossen Schaden ( Lösegeld ) für sein Land aus !
Das ausgerechnet Polizisten, die ja die Gefahren besser kennen, wie jeder andere, solchen Unfug machen, irritiert in besonderem Masse !
Mein persönliches Bedauern hält sich desswegen hier absolut in Grenzen !
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