«Die Taliban können sich als politischer Player etablieren»

Ist Frieden mit den Taliban möglich? Afghanistan-Expertin Nicole Birtsch über die anstehenden Friedensgespräche.

Gesprächs-, aber auch kampfbereit: Talibankämpfer in der Provinz Farah im Westen Afghanistans.

Gesprächs-, aber auch kampfbereit: Talibankämpfer in der Provinz Farah im Westen Afghanistans. Bild: Keystone

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Ende Februar sollen Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban beginnen. Warum sind die Taliban plötzlich gesprächsbereit?
Kontakte und Gespräche mit den Taliban gab es schon vorher. Entscheidend war nun, dass die sogenannte Afghanistan-Runde mit Afghanistan, USA, Pakistan und China ein Format geschaffen hat, das die Taliban motivieren kann, an Vorgesprächen teilzunehmen. Dazu gehört auch das Bemühen der afghanischen Regierung um ein besseres Verhältnis zu Pakistan. Nicht zuletzt erhalten die Taliban die Chance, sich als politischer Player zu etablieren. Jetzt geht es darum, sich auf ein Format für Friedensverhandlungen zu einigen.

Seit der Bekanntgabe des Todes des langjährigen Chefs Mullah Omar ist bei den Taliban ein Machtkampf im Gange. Omars vormaliger Stellvertreter Mullah Mansur wird von einem Teil der Taliban nicht anerkannt. Wer wird Gesprächspartner der afghanischen Regierung sein?
Das ist noch unklar. Es besteht eine Bruchlinie zwischen der politischen Führung der Taliban und den Kommandanten auf dem Feld. Einige vertreten die Ansicht, dass sie nicht ausreichend ins Auswahlverfahren einbezogen wurden und stellen aus diesem Grund die Legitimität von Mullah Mansur als neuen Chef in Frage. Die Taliban müssen sich nun darüber einig werden, was sie eigentlich sind – ob sie als geschlossene Gruppe auftreten oder als Gruppe mit verschiedenen Fraktionen. Das ist eine Hausaufgabe, die auf Talibanseite vor den Gesprächen gelöst werden muss.

Aus westlicher Perspektive haben die Taliban Merkmale einer terroristischen Organisation. Sie sollen Kontakte zum Terrornetzwerk al-Qaida unterhalten und den internationalen Terrorismus fördern. Wann ergibt es Sinn, mit Terroristen zu verhandeln?
Die Taliban sind eine regionale Bewegung, die dem Vernehmen nach kaum noch Kontakte zu al-Qaida hat. Die afghanische Regierung bezeichnet die Taliban nicht als Terroristen, sondern als Aufständische oder auch als bewaffnete Oppositionsgruppen. Aufgrund der Rivalität mit dem afghanischen Ableger des Islamischen Staats können sich die Taliban positiv abgrenzen und ihre Legitimität als politischer Player anheben. Bei der Schaffung des Friedensrats vor sechs Jahren hatte der damalige Präsident Hamid Karzai die Taliban als Brüder angesprochen. Karzai sagte, dass die Taliban wieder in die afghanische Gesellschaft eingegliedert würden, wenn sie die Verfassung anerkennen, Menschen- und Frauenrechte respektieren sowie der Gewalt und dem Terror abschwören. Damit gab die Regierung Bedingungen für Gespräche mit den Taliban vor. Das wird auch die Grundlage sein für die neuen Friedensgespräche zwischen Regierung und Taliban.

Wie könnten die Gespräche mit den Taliban verlaufen? Welchen Preis wird die Regierung in Kabul für einen Frieden mit den Taliban bezahlen müssen?
Aus afghanischer Sicht ist es noch zu früh, konkret über Szenarien nachzudenken. Die Ausgangslage ist offen, Friedensgespräche ziehen sich oft über Jahre hin. Die afghanische Regierung hat zwar die roten Linien vorgegeben – wie tragfähig diese aber in den Gesprächen sein werden, ist offen. Sind Frauenrechte wichtiger als Frieden? Um solche Fragen wird es auch innerhalb der afghanischen Gesellschaft gehen. Letztlich steht eine zentrale Frage im Vordergrund, nämlich die nach der politischen Teilhabe der Taliban auf nationaler Ebene, aber auch in den lokalen Institutionen.

In der Afghanistan-Runde, die einen Friedensprozess anstossen möchte, ist neben den USA und Pakistan auch China dabei. Welche Rolle spielt hier China?
Zwischen Afghanistan und China haben sich unter der neuen afghanischen Regierung die Beziehungen intensiviert, nicht zuletzt aufgrund wirtschaftlicher Interessen. China spielte eine wichtige Rolle, um Pakistan an den Gesprächstisch zu bekommen, das China traditionell als verlässlichen Partner betrachtet. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen hat China ein Interesse an mehr Stabilität in Afghanistan, sondern auch weil es seine eigene Sicherheit in der Nordwestregion Xinjiang bedroht sieht.

In der Zwischenzeit verüben Talibanattentäter neue Anschläge. Das ist kein gutes Omen für die bevorstehenden Friedensgespräche.
Es gibt Talibangruppierungen, die sich positionieren und ihre Stärke markieren wollen, solange es keinen Waffenstillstand gibt. Auch die Regierungstruppen kämpfen weiter gegen die Taliban. Die Hoffnung der Menschen in Afghanistan ist, dass die Gewalt abnimmt, sobald die Friedensverhandlungen aufgenommen werden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.02.2016, 19:05 Uhr)

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Nicole Birtsch arbeitet als Afghanistan-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Zuvor lebte und arbeitete sie viele Jahre in Afghanistan. An der Universität Kabul baute sie eine Abteilung für Friedens- und Konfliktstudien auf. Zudem war sie als Beraterin am Hohen Friedensrat in Afghanistan tätig.

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Seit dem Abzug der internationalen Nato-Truppen Ende 2014 haben die afghanischen Streitkräfte Probleme, die Taliban zurückzudrängen. Diese hatten von 1996 bis zur US-geführten Invasion 2001 in grossen Teilen Afghanistans geherrscht. Seit dem Ende der Nato-Mission verschärften sie ihren Machtkampf mit Kabul durch zahlreiche Anschläge und Überfalle, etwa auf die nordafghanische Stadt Kundus, die sie im Oktober 2015 drei Tage besetzt hielten.

Die letzten direkten Gespräche zwischen Kabul und den Taliban waren nach nur einer Runde 2015 abgebrochen worden, als der Tod des langjährigen Taliban-Chefs Mullah Mohammad Omar bekannt wurde. Seitdem sind die Taliban intern über die Nachfolge zerstritten. (vin/sda/afp)

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