Ausland

Ein Land liegt am Boden

Aktualisiert am 14.08.2010

Die Taliban verbreiten Terror, die Wirtschaft liegt am Boden und nun auch noch die Flutkatastrophe - Pakistan ist in einem desolaten Zustand. Die Menschen verlieren die Hoffnung.

1/13 Die Regierung in Islamabad hat von Anfang an ein schlechtes Bild abgegeben: Präsident Asif Ali Zardari während einem Interview am 6. August 2010.
Bild: Keystone

   

Zwölf Tote bei US-Luftangriff

Bei einem den USA zugeschriebenen Raketenangriff im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan sind nach Geheimdienstangaben zwölf Menschen getötet worden. Bei mindestens zweien der Opfer handele es sich um mutmassliche Extremisten, verlautete aus pakistanischen Geheimdienstkreisen.

Der Luftangriff auf ein Haus in der Ortschaft Issori in Nord-Waziristan war der erste seit Beginn der Überschwemmungskatastrophe Ende Juli. Die USA sind wegen der Raketenangriffe in die Kritik geraten und haben versucht, mit Hilfsgütern ihr Ansehen bei der Bevölkerung zu verbessern.

Artikel zum Thema

Stichworte

Heute jährt sich die Unabhängigkeit von britischer Kolonialherrschaft zum 63. Mal, doch Grund zu feiern gibt es keinen. Die schwerste Flutkatastrophe in der Geschichte des verarmten Landes hat mehr als 1300 Menschen das Leben gekostet, ein Ende des Hochwassers ist nicht in Sicht.

Und die Fluten sind längst nicht das einzige Problem der südasiatischen Atommacht, die international immer mehr Sorgen bereitet.

Die britische Zeitschrift «The Economist» fasste die Lage in ihrer Online-Ausgabe vor wenigen Tagen so zusammen: «Pakistan taumelt von Krise zu Krise, mit einer kraftlosen Wirtschaft, religiösem Extremismus und einer ungewissen politischen Situation.»

Bereits vor den Fluten, die Milliarden Euro Schäden anrichteten, wäre Pakistan ohne Unterstützung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und anderer ausländischer Geber längst bankrott gewesen. Grundnahrungsmittel wurden schon in den vergangenen Jahren immer teurer, nun hat das Hochwasser auch noch grosse Teile der Ernte vernichtet: Die Preise explodieren.

Kollektiver Pessimismus

Vor der jüngsten Katastrophe hatten Berichte über kollektive Selbstmorde verarmter Familien Pakistan aufgeschreckt. «Gibt es irgendetwas zu feiern in diesem Land?», fragt ein Wachmann namens Malik Sabir in Islamabad. «Haben wir die Unabhängigkeit von den Engländern bekommen, damit Menschen ihre Familien töten, weil sie ihnen kein Essen und keine Kleidung bieten können?»

Sabir ist nicht allein mit seinem Frust. In einer Umfrage des amerikanischen «Pew Research Center» sagten 84 Prozent der Befragten, sie seien mit der Lage ihrer Nation nicht zufrieden. Zur Wirtschaft meinten 78 Prozent, diese sei in einem schlechten Zustand - der sich nach Ansicht der Hälfte der Interviewten in den nächsten zwölf Monaten weiter verschlimmern wird.

Die Werte dürften inzwischen noch deutlich pessimistischer ausfallen. Die Menschen wurden im Frühjahr befragt, als noch keiner etwas von der Flutkatastrophe ahnen konnte.

Gewalt nicht im Griff

Auch die Gewalt bekommt die Regierung nicht in den Griff. Trotz Militäroffensiven gegen die Taliban bedrohen die radikalen Islamisten weiter die Stabilität der Atommacht. Seit 2007 kosteten allein Anschläge von Selbstmordattentätern nach Behördenangaben mehr als 3500 Menschen das Leben.

Zugleich bleibt der Verdacht, dass der Terror im benachbarten Afghanistan aus Pakistan heraus geschürt wird. Die Taliban und ihre Gesinnungsgenossen sind nicht allein für Gewalt verantwortlich. Zwischen Sunniten und Schiiten kommt es regelmässig zu tödlichen Zusammenstössen.

In der südwestlichen Provinz Baluchistan (Belutschistan) proben Stämme, die sich von Pakistan lösen wollen, einen blutigen Aufstand. Mitten in der Millionenmetropole Karachi bekriegten sich jüngst über mehrere Tage hinweg Angehörige verschiedener ethnischer Gruppierungen, Dutzende Menschen starben.

Zardari am Tiefpunkt

Kaum verwunderlich also, dass die Bevölkerung schon vor der Flut mit ihrem Präsidenten Asif Ali Zardari hochgradig unzufrieden war. Nach dem Sturz von Militärmachthaber Pervez Musharraf im Jahr 2008 war der Witwer von Ex-Premierministerin Benazir Bhutto von den Menschen noch als Hoffnungsträger gefeiert worden.

Internationale Beobachter hatten allerdings schon damals wenig Zuversicht, dass der wegen Korruptionsvorwürfen als «Mister Ten Percent» verspottete Zardari die Probleme des Landes lösen kann. Bei einer Umfrage des «Pew Research Center» verbuchte Zardari vor zwei Jahren noch stolze 64 Prozent Zustimmung.

Bei der jüngsten Befragung äusserte sich nur noch jeder Fünfte positiv über den Staatspräsidenten. Dass Zardari sich trotz der Flut standhaft weigerte, seine Europa-Reise abzubrechen, dürfte selbst diesen miserablen Wert noch weiter abstürzen lassen. Zardaris fadenscheinig wirkende Begründung, er habe im Ausland eifrig für Katastrophenhilfe geworben, nimmt ihm im Volk kaum jemand ab. (bru/sda (Can Merey und Nadeem Sarwar))

Erstellt: 14.08.2010, 19:08 Uhr

Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!