Ausland
«Fast alle Supermärkte wurden geplündert»
Interview: Marc Brupbacher. Aktualisiert am 08.04.2010 3 Kommentare
Es droht ein ein Nord-Süd-Konflikt: Helvetas-Programmdirektor Karl Göppert. (Bild: Helvetas)
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Haus von Bakijew geplündert
Nach den blutigen Unruhen in Kirgistan ist das Haus des gestürzten Präsidenten Kurmanbek Bakijew geplündert worden. Dutzende Kirgisen durchsuchten die in Brand gesetzte Residenz in der Hauptstadt Bischkek nach Brauchbarem.
Sie trugen Bücher, Wertgegenstände, aber auch Pflanzen und Heizkörper aus den qualmenden Ruinen in den Garten. «Guckt euch an, wie die Bakijews gelebt haben», rief ein Mann, der ein zerrissenes Foto von Bakijews Frau in der Hand hielt, den Plünderern zu. «Guckt euch die Diamanten an, während die Leute gerade mal genug zum Leben haben.»
«Die Mächtigen haben die Menschen ausgeraubt, jetzt raubt das Volk die Mächtigen aus», sagte der Schulleiter Nurali Baimatowitsch, der Bakijews Heizungen in seiner Schule anbringen wollte. So wolle er den Kindern helfen, «sich selbst eine Zukunft aufzubauen». Von Plünderungen könne daher nicht wirklich gesprochen werden, sagte er.
Wie ist die Lage vor Ort in der Hauptstadt Bischkek?
Seit heute Morgen ist es ruhig. Es sind keine Soldaten und keine Polizisten zu sehen. Nur einige wenige Demonstranten. Es gibt aber keine Kämpfe mehr.
Die Lage ist dramatisch eskaliert. Warum hat sich die Wut genau jetzt entladen?
Die Wut hat sich langsam aufgebaut und nun entladen. Dafür gibt es viele Gründe: Hohe Arbeitslosigkeit, die ständige Polizeipräsenz auf den Strassen, die plötzliche und dramatische Kostensteigerungen von Strom und Wasser um 200 bis 500 Prozent.
Helvetas hat alle 30 Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen nach Hause geschickt. Wie brenzlig war die Situation?
Es gab keine Probleme. Aus Sicherheitsgründen bleiben aber alle Büros bis auf Weiteres geschlossen.
War der Umsturz von Anfang an das Ziel, oder führte eine Eigendynamik zur Eskalation?
Wahrscheinlich etwas von beidem. Revolutionen haben immer eine Eigendynamik. Und natürlich ist jede Opposition in jedem Land lieber selber an der Macht.
Weiss man, wo sich Präsident Kurmanbek Bekijew befindet?
Man munkelt im Süden, entweder in Dschalalabad oder in Osch, aber niemand weiss es genau. Nun droht ein bewaffneter Konflikt zwischen Nord und Süd: Und zwar dann, wenn der Präsident im Süden, wo er herstammt, eine Machtbasis etablieren kann.
Medien berichten von schweren Plünderungen.
Ja, fast alle grossen Supermärkte wurden geplündert. Fernseher und Kühlschränke wurden abtransportiert.
Im Land herrscht bittere Armut. Die Proteststimmung ist enorm hoch. Warum kommt das Land nicht auf die Beine?
Hier fällt alles zusammen, die Infrastruktur ist veraltet, die Arbeitslosigkeit gross. Das Land verfügt auch nicht über Bodenschätze wie Gas oder Öl. Nur Schafe und Rinder gibt es hier im Überfluss. Kirgisien ist auch stark nach Russland ausgerichtet und orientiert sich nicht am Westen. Die Regierung versteht gar nichts von der westlichen Denkweise oder Art zu wirtschaften.
Bakijews Behörden vermuten ausländische Geldgeber hinter den Krawallen - namentlich Russland. Was ist da dran?
Nein, die Revolution ist hausgemacht. Die Demonstranten sind einfache und arme Leute, nur Einheimische waren an den Protesten beteiligt. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.04.2010, 14:04 Uhr
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3 Kommentare
"Kirgisien ist auch stark nach Russland ausgerichtet und orientiert sich nicht am Westen. Die Regierung versteht gar nichts von der westlichen Denkweise oder Art zu wirtschaften. " Ach dann ist ja alles klar. Das erklärt natürlich alles. Jetzt ist sonnenklar, warum die so arm sind. Man muss sich ja nur das prowestliche Georgien anschauen- denen gehts prächtig. Antworten
Die TV-Bilder von gestern befremdeten mich etwas. Mir kam es vor wie der 1. Mai bei uns. Kleine Kinder und Minderjährige laufen mit und haben noch Freude an der Zerstörung. Wenn Stromkosten bis zu 500% steigen, ist es natürlich auch absolut sinnvoll einen Fernseher zu klauen... Antworten



