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Ganze Familien im Opiumrausch

Von Rukmini Callimachi, AP. Aktualisiert am 14.08.2009 1 Kommentar

Wenn sich die Tür zu Islam Begs Haus öffnet, quellen die Opiumschwaden heraus in die kühle Bergluft Afghanistans wie Wasserdampf. Seine Familie stürzt in bitterste Armut ab. Und die Sucht springt von Haus zu Haus.

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Raihan betäubt ihren Sohn regelmässig mit Opium. Denn durch den Opium-Konsum der Mutter kam das Kind schon süchtig auf die Welt.

   
Ihre Gesichter sind eingefallen, das Haar verfilzt, sie riechen streng: Islam Beg (M.) mit Familienmitgliedern.

Ihre Gesichter sind eingefallen, das Haar verfilzt, sie riechen streng: Islam Beg (M.) mit Familienmitgliedern. (Bild: Keystone)

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Kurz nach acht Uhr früh liegt die ganze sechsköpfige Familie schon um die Opiumpfeife herum. Beg raucht und reicht die Pfeife an Frau und Tochter weiter. Die Tochter bläst ihrem einjährigen Sohn Rauch in den Mund. Der Kleine verdreht die Augen. Ihre Gesichter sind eingefallen, das Haar verfilzt, sie riechen streng.

In vielen abgelegenen Bergdörfern in Afghanistan wie Sarab sind ganze Familien abhängig, vom Grossvater bis zum Enkel. Die Sucht springt von Haus zu Haus und ergreift ganze Dorfgemeinschaften. Vor Jahren noch war eine Familie betroffen, heute ist es mindestens die Hälfte der 1850 Einwohner von Sarab.

Fast die gesamte Weltproduktion des Heroin-Grundstoffs Opium kommt aus Afghanistan. Das meiste wird exportiert, doch es bleibt genug, um den Teufelskreis der Sucht in Gang zu bringen. Mindestens 200'000 Menschen in dem vom Krieg zerrütteten und bitterarmen Land waren nach UN-Zahlen von 2005 abhängig; inzwischen dürften es deutlich mehr sein. Der traditionell enge Zusammenhalt macht die Sucht zur Familiensache: Die Mutter macht es der Tochter vor, der Vater dem Sohn.

Stoff statt Essen für die Kinder

Bis auf ein paar schmutzige Matten ist Begs Haus leer. Er hat alle Habe versetzt. «Ich schäme mich, was aus mir geworden ist», sagt der 65-Jährige. «Ich habe meine Selbstachtung verloren. Ich habe meine Werte verloren. Ich nehme diesem Kind hier das Essen weg, um mein Opium zu bezahlen», sagt er und deutet auf seinen fünfjährigen Enkel Mamadin. «Dann bleibt er eben hungrig.»

Begs Familie besass viel Land in dem Weiler, an einem rauschenden Flusslauf in einem engen Tal in der Provinz Badachschan gelegen. Er hatte einmal 1200 Schafe. Nach und nach verkaufte er sie, um Opium zu kaufen. Das Land folgte. Das geräumige, einst mit Teppichen ausgelegte Haus wurde zur staubigen Höhle. Auf seinem letzten Feld baut er Kartoffeln an und muss bei jeder Ernte entscheiden, ob die Kinder Essen bekommen oder er seinen Stoff. Meistens gewinnt der Stoff. Grundbedarfsmittel wie Seife sind längst auf der Strecke geblieben.

Suchtkliniken gibt es wenige und nur in Städten, weit weg von Orten wie diesem. Die nächste Klinik von Sarab aus, in der Provinz Tachar, hat 2000 Menschen auf der Warteliste und nur 30 Betten. So versinken die Dorfbewohner im Opiumrausch. Meistens fängt es damit an, dass sie es als Schmerzmittel nehmen. Von Sarab aus, 2438 Meter hoch gelegen und winters drei Monate lang eingeschneit, ist es ein Tagesmarsch über Gebirgspfade bis zum nächsten Krankenhaus. Im Dorf gibt es nicht einmal Aspirin zu kaufen.

«Opium ist unser Doktor»

«Opium ist unser Doktor», erklärt Beg. «Wenn der Bauch wehtut, rauchst du. Dann nimmst du ein bisschen mehr. Und noch ein bisschen. Und dann bist du abhängig. Wenn du einmal drauf bist, ist es aus. Du bist fertig.» Als sich der einjährige Schamsuddin den Finger in der Tür quetschte, blies er ihm gegen die Schmerzen Opiumrauch in den Mund. Natürlich wolle er seinen Enkel nicht abhängig machen, aber er habe keine andere Wahl, verteidigt der Grossvater die gängige Praxis: «Was sollen wir machen, wenn es hier keine Medizin gibt?»

Voriges Jahr liess das Gesundheitsministerium 120 Abhängige aus Sarab in eine Entzugsklinik bringen. Nach drei Monaten waren 115 rückfällig. Den Preis der Sucht zahlten auch diejenigen, die nicht betroffen seien, sagt Dorfvorsteher Sahib Dad. «Wer abhängig wird, hat nichts mehr zu essen. Das betrifft auch seinen Nachbarn, denn der muss ihm etwas von seinem Essen abgeben. Deshalb sind wir alle ärmer.» Manche abhängigen Familien verkaufen den Dealern ihre Töchter als «Opiumbräute» oder lassen ihre Söhne die Schulden abarbeiten.

Distanz zum Selbstschutz

Noch verschärft wird das Problem durch die Nachbarländer Iran und Pakistan mit ihren Drogenlaboren, die afghanisches Opium zu Heroin verarbeiten. Mit zurückkehrenden Flüchtlingen exportieren diese Länder auch die Sucht nach Heroin zurück nach Afghanistan. Auch dieses Rauschgift zerstört ganze Familien.

In Sarab halten die übrigen Dorfbewohner Distanz zu den Abhängigen. Sie laden sie nicht nach Hause ein und halten sie davon ab, zu Dorfversammlungen zu erscheinen, als ob sie sich selbst in Quarantäne begeben wollten. Beg sagt, für ihn sei alles zu spät. Seine Hoffnung seien die Enkelkinder - die einzigen Familienmitglieder, die noch nicht abhängig sind. Während der Grossvater sich zudröhnt, krabbelt der einjährige Enkel heran und spielt mit der Opiumpfeife. Er schüttelt sie wie eine Rassel. Und dann führt er sie zum Mund, ganz wie der Opa. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.08.2009, 13:58 Uhr

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1 Kommentar

Robert Harper

14.08.2009, 17:57 Uhr
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Genau wie in Zürich, nur, da sind die Eltern meistens nicht süchtig, dafür aber die verwöhnten Kinder. Schuger gibt es auf der Strasse, junge Frauen bezahlen mit Geschlechtsverkehr. Und die Eltern bezahlen brav Schweigegeld oder lassen die selbstsüchtigen Hobbypsychologen Drogenexperimente mit ihren Kindern machen. Jaja, Zürich ist weit weg von Sarab. Antworten



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