Ausland
Grosser Feind Mao Zedong: Heute vor 50 Jahren erhob sich Tibet
Von Christof Münger. Aktualisiert am 09.03.2009
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Tabubruch in Bern: Demo vor Parlament
In der Schweiz wohnhafte Tibeter und Sympathisanten protestieren am Dienstag auf dem Bundesplatz, obwohl im Bundeshaus getagt wird. Dies ist normalerweise verboten. Am Dienstag ab 15 Uhr dürfen aber Parlamentarier der SP, der SVP, der CVP und der Grünen Reden halten. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät tönte gegenüber der «NZZ am Sonntag» an, bei der Ausnahmebewilligung handle es ich um eine Kompensation: Während des Besuchs von Chinas Premier Wen Jiabao im Januar unterband ein massives Polizeiaufgebot Proteste der Tibeter.
Im Januar 1950 war Mao Zedong zu Gast in Moskau. Erst seit kurzem an der Macht, wollte Mao wissen, wie man sich dort hält. Und wer wusste das besser als Genosse Stalin? Der gab ihm den Rat, religiöse und ethnische Minderheiten zu unterjochen. Das war in Maos Sinn: Seit er am 1. Oktober 1949 nach Bürgerkrieg und Revolution die Volksrepublik ausgerufen hatte, war er entschlossen, Tibet dem kommunistischen China einzuverleiben.
Joseph Stalin fand deshalb nur lobende Worte: «Die Tibeter müssen unterdrückt werden.» Stalin schlug vor, Tibet und andere Grenzregionen mit Han-Chinesen zu besiedeln, die über 90 Prozent der Bevölkerung ausmachten, um ein Gegengewicht zu den ethnischen Minderheiten herzustellen. Genau dies tat das kommunistische Regime dann auch.
Mao folgte dem Rat Stalins
Zunächst aber folgte Mao Stalins Empfehlung und entsandte 20'000 Soldaten nach Tibet, das seit 1913 unabhängig war. Die Truppen blieben aber auf sich gestellt, da noch keine richtige Strasse ins himalayische Hochland führte. Der Nachschub an Essen und Munition blieb aus, die Chinesen litten unter der dünnen Luft und konnten die schlecht ausgerüstete tibetische Armee nicht besiegen.
Also änderte Mao seine Taktik und verhandelte mit dem Dalai Lama, wie die chinesische Dissidentin Jung Chang in ihrer Mao-Biografie schreibt. 1951 einigten sie sich auf ein Abkommen, das vorsah, dass Tibet als autonome Region in China fortbestehen sollte. Drei Jahre später reiste der 19-jährige Dalai Lama als geistiger und politischer Führer Tibets nach Peking. Mao bemühte sich, seinen Gast für sich einzunehmen und damit dessen Reich, das er als historischen Teil Chinas betrachtete.
Der Dalai Lama erhielt einen Brief von Mao Zedong
Der Dalai Lama wiederum versuchte seine Unabhängigkeit zu stärken, indem er beantragte, in die Kommunistische Partei aufgenommen zu werden, was aber abgelehnt wurde. Nach seiner Rückkehr erhielt der Dalai Lama allerdings von Mao einen Brief, worin dieser schrieb, wie sehr er ihn vermisse.
Derweil trieb Mao, wie ebenfalls von Stalin empfohlen, den Bau von zwei Strassen nach Tibet voran. Sie öffneten der Volksarmee das Tor zu Tibet. Die Streitkräfte wurden jedoch bereits in den ans Hochland angrenzenden Gebieten in Kämpfe verwickelt. Die Volksarmee konnte die Aufstände nur mit Artillerie und Flugzeugen sowjetischer Herkunft niederschlagen.
Deshalb verschob Peking den Plan nochmals, Tibet zu «maoisieren». Die Rebellen waren ortskundig und hatten einen «starken Kampfgeist», wie Mao feststellte. Auch dank ausländischer Hilfe: Der amerikanische Geheimdienst CIA warf per Fallschirm Waffen ab. Die USA betrachteten Tibet als Aussenposten im Kampf gegen den Kommunismus.
Peking spricht von «Befreiung»
Es war allerdings nur eine Frage der Zeit, bis der Widerstand in Tibet brechen würde. Als die Volksrepublik 1958 zum «Grossen Sprung nach vorn» ansetzte – ein Wirtschaftsförderungsprogramm, das in einer Hungersnot mit 20 bis 40 Millionen Toten endete –, waren die Tage des unabhängigen Tibet gezählt. Mao entsandte seine Volksbefreiungsarmee, die erneut auf erbitterten Widerstand stiess. Das war ganz in Maos Sinn. Das sei der beste Anlass, um «das Problem gründlich lösen zu können».
Am 10. März 1959 war es soweit. Der tibetische Volksaufstand begann, als sich das Gerücht verbreitete, die Chinesen wollten den Dalai Lama entführen. Hunderttausende demonstrierten in Lhasa. Zunächst schauten die Besatzer zu. Am 17. März begannen sie, Lhasa zu beschiessen, drei Tage später fiel die Hauptstadt. Gemäss übereinstimmenden Quellen wurden 86'000 Tibeter getötet, unter ihnen viele Mönche; Zehntausende wurden in Straflager verschleppt, gefoltert oder zu Zwangsarbeit gezwungen. Die Chinesen plünderten und zerstörten Tempel und Klöster.
Flucht auch in die Schweiz
Peking interpretiert die Ereignisse bis heute als Befreiungskrieg. Dabei sei die Feudalherrschaft in Tibet beendet worden. In der Tat lag die politische Macht traditionell bei der religiösen Elite. Den Klöstern gehörte das Land, das die Bauern als Leibeigene bebauten. Allerdings wollten die «befreiten» Tibeter nichts wissen vom «neuen sozialistischen Tibet». Und sie halfen dem Dalai Lama, am Tag des chinesischen Angriffs zu fliehen. Er überquerte die Gebirgszüge des Himalaja und gelangte ins indische Exil in Dharamsala, gefolgt von einem anwachsenden und anhaltenden Strom von mehr als 100'000 Flüchtlingen. 1000 fanden in der Schweiz eine neue Heimat.
Dass dem Dalai Lama die Flucht gelang, lag offenbar im Interesse des Regimes: Gemäss Biografin Jung Chang hatte Mao angeordnet, den Dalai Lama entkommen zu lassen. Er befürchtete, dessen Tod würde die Weltöffentlichkeit gegen China aufbringen, vor allem die buddhistischen Länder und Indien.
«Es wäre besser, der Dalai Lama wäre in einem Sarg»
In Moskau war man anderer Meinung. Nach Stalins Tod war Nikita Chruschtschow zum starken Mann aufgestiegen. Und der hätte den Dalai Lama nicht entkommen lassen. «Es wäre besser, er wäre in einem Sarg», ärgerte sich Chruschtschow, als er im Oktober 1959 in Peking zu Gast war. Gemäss dem sowjetischen Gesprächsprotokoll des Gipfeltreffens fürchtete Moskau den lebenden Dalai Lama aus demselben Grund wie Peking den toten. Chruschtschow hatte die propagandistische Chance erkannt, die sich dem Westen im Kalten Krieg bot: «Jetzt ist der Dalai Lama in Indien, und vielleicht geht er in die USA.»
Das hat das Oberhaupt der Tibeter seither immer wieder getan. Heute ist er ein politischer Popstar – nicht nur in den USA, sondern im Westen allgemein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.03.2009, 23:27 Uhr



