Ausland

In China zensuriert sich das «Wall Street Journal» gleich selbst

Peking-kritische Beiträge fehlen in der chinesischen Onlineausgabe des «Wall Street Journal». Verleger Rupert Murdoch möchte das Regime nicht verärgern.

Unzensuriert: Eine Mitarbeiterin in der Druckerei wirft einen Blick in die neuste Ausgabe des «Wall Street Journal».

Unzensuriert: Eine Mitarbeiterin in der Druckerei wirft einen Blick in die neuste Ausgabe des «Wall Street Journal».
Bild: Keystone

Um in China Geld zu verdienen, greifen die Verleger des «Wall Street Journal» zur Selbstzensur. Sie publizieren eine chinesische Onlineausgabe, die auf den ersten Blick wie eine übersetzte Version ihrer angesehenen Publikation daherkommt und auch den illustren Journal-Namen trägt. Doch bei genauem Hinsehen gibt es einen entscheidenden Unterschied: China-kritische Kommentare und Nachrichten, die die kommunistische Führung in Peking ärgern könnten, fehlen in der chinesischen Ausgabe weitgehend.

Ein paar Beispiele aus jüngster Zeit belegen, dass auf Chinesisch eine Art «Wall Street Journal Light» erscheint. Am 24. Dezember zum Beispiel war auf der englischen Website der Zeitung eine Meldung der Nachrichtenagentur AP zu lesen mit der Überschrift: «China verurteilt Dissidenten wegen Subversion zu elf Jahren». In der chinesischen Ausgabe erschien die Meldung nicht, und es wurde auch sonst nicht über die langjährige Haftstrafe für den Initiator der Charta 08 und ehemaligen Präsidenten des unabhängigen chinesischen PEN-Zentrums, Liu Xiaobo, berichtet.

Die Auslassung ist kein Einzelfall. Sie ist System: Berichte der englischsprachigen Kollegen, die Chinas Regierung verärgern könnten, sucht man in der chinesischen Onlineausgabe der Zeitung vergebens.

Brav und staatstragend

China hatte Ärger bei der Frankfurter Buchmesse? Leser, die des Englischen mächtig sind, konnten darüber im «Wall Street Journal Asia» einen Bericht der Sonderkorrespondentin Kirsten Tatlow lesen, in dessen Überschrift von der «Frankfurter Buchmesse und Pekings Zensoren» die Rede ist. Auf Chinesisch aber fiel der Bericht über die Zensur offenbar der Selbstzensur zur Opfer. Chinesische Leser des «Wall Street Journal» wurden nicht darüber informiert, dass Chinas erster grosser Auftritt als «Soft Power» in Frankfurt gründlich misslang.

Bisweilen, etwa zum Gründungstag der Volksrepublik China am 1. Oktober, kommt die chinesische Onlineausgabe des «Wall Street Journal» sogar so brav und staatstragend daher, als würde sie von der Kommunistischen Partei selbst herausgegeben. Fotos von im Stechschritt marschierenden Soldaten und chinesische Flaggen waren zum Staatsfeiertag letztes Jahr zuhauf zu sehen, aber kein einziger Kommentar oder Artikel setzte sich auch nur annähernd kritisch mit der pompösen Militärparade auseinander. Selbst manche von Chinesen gemachte Zeitungen und vor allem die chinesischsprachige Onlineausgabe der konkurrierenden «Financial Times» sind da mutiger und äussern auch mal ein Wort der Kritik an der chinesischen Protzerei und Verschwendung.

Fragen des «Tages-Anzeigers» zu der leichten China-Kost wollen die Murdoch-Mitarbeiter in Asien nicht beantworten. Er bedanke sich für die Fragen, schreibt Joe Spitzer, Direktor Kommunikation bei Dow Jones Asia, aber das «Wall Street Journal» «kommentiere seine Redaktions- und Berichtsentscheidungen prinzipiell nicht».

Als Rupert Murdoch im Jahr 2007 Interesse bekundet hatte, die Firma Dow Jones und das «Wall Street Journal» für fünf Milliarden US-Dollar zu kaufen, hatten die in China stationierten Auslandskorrespondenten des «Wall Street Journal» in einem offenen Brief gegen die Übernahme protestiert: «Es ist gut dokumentiert, dass Rupert Murdoch als Vorsitzender der News Corporation redaktionelle Entscheidungen getroffen hat, um seine geschäftlichen Interessen in China voranzutreiben. Die journalistische Integrität hat er der Befriedigung seiner politischen und persönlichen Ziele geopfert», schrieben die Journalisten. Die Übernahme konnten sie damit nicht verhindern, doch im Rückblick klingen die Worte prophetisch.

Pekings Wünschen gebeugt

Rupert Murdoch hatte die BBC eine gewisse Zeit lang von einem seiner Satelliten verbannt, um sich in Peking beliebter zu machen. Dennoch biss er sich jahrelang bei dem Versuch die Zähne aus, den chinesischen Markt zu erobern. Ein ehemaliger Vizepräsident der News Corporation in China, Bruce Dover, brachte das Problem folgendermassen auf den Punkt: «Es ist zweifelhaft, ob Murdoch beides zugleich haben kann - ein erfolgreiches Wirtschaftsimperium in China, das ein gewisses Eingehen auf die Wünsche der dortigen Herrscher erfordert, und eine Zeitung, die ihre journalistische Integrität über alles andere stellt, einschliesslich ihre eigenen Geschäftsinteressen», so Dover in seinem Buch «Rupert’s Adventures in China». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2010, 08:45 Uhr

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