Ausland

Ist der Krieg gegen die Taliban verloren?

Aktualisiert am 12.08.2009

Die radikal-islamische Organisation gewinnt in Afghanistan laufend weiter an Einfluss. Namhafte amerikanische Militärs schlagen Alarm und schildern detailliert, wo die Probleme liegen.

Bereit für den Krieg gegen die ISAF-Truppen: Taliban-Kämpfer beim Schusstraining.

Bereit für den Krieg gegen die ISAF-Truppen: Taliban-Kämpfer beim Schusstraining.
Bild: Reuters

Die Warnung kam von höchster Stelle: Der neue Kommandant der internationalen Truppen in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, will eine zunehmende Stärke der Taliban festgestellt haben. In einem Interview mit dem «Wall Street Journal» sagte er diese Woche: «Die Aufständischen wagen sich immer mehr ausserhalb ihrer Hochburgen im Süden, und sie bedrohen bisher vergleichsweise ruhige Regionen im Norden und im Westen des Landes.» Die radikal-islamische Organisation sei zurzeit ein sehr aggressiver Feind, gab der Nato-Befehlshaber der ISAF-Truppen zu bedenken.

Derzeit sind in Afghanistan mehr als 100'000 internationale Soldaten stationiert, die afghanischen Streitkräfte und die Polizei kommen auf rund 175'000 Mann. Die Gewalt hat zuletzt jedoch in weiten Landesteilen drastisch zugenommen. Im vergangenen Monat liessen 75 ausländische Soldaten ihr Leben - mehr als in irgendeinem anderen Monat seit dem Sturz der Taliban Ende 2001. In diesem Monat wurden bisher 27 Soldaten der ISAF-Truppen getötet.

«Das ist ein hartes Stück Arbeit»

«Wir müssen die Dynamik der Taliban brechen, ihre Initiative stoppen», sagte der US-General McChrystal weiter. «Das ist ein hartes Stück Arbeit.» Er gab zu verstehen, dass der Einsatz am Hindukusch noch sehr lange dauern dürfte. McChrystal kündigt an, die Strategie der Allianz tiefgreifend zu verändern. Teil der neuen Strategie ist eine engere Abstimmung mit der im Aufbau befindlichen afghanischen Nationalarmee und lokalen Stammesstrukturen. So sollen die Taliban zurückgedrängt werden.

Der amerikanische General ist nicht allein mit seinen Einschätzungen. David Richards, der neue Generalstabschef der britischen Armee, geht davon aus, dass das Engagement des Westens in Afghanistan Jahrzehnte dauern könnte, wie er kürzlich der Zeitung «The Times» sagte. Nach seiner Einschätzung müssen britische Truppen «mittelfristig» in Afghanistan bleiben, um bei der Stabilisierung des Landes zu helfen. Die Nato-Truppe ISAF müsse sich jetzt darauf konzentrieren, beim Aufbau der afghanischen Polizei und Armee zu helfen, sagte Richards. Auch er räumte ein, dass die Taliban ein sehr hartnäckiger Gegner seien.

«Überall auf dem Vormarsch»

Auch Harald Kujat, früherer Generalinspekteur der deutschen Bundeswehr, warnt eindringlich vor der steigenden Gefahr einer erstarkten Taliban-Organisation. Sie seien «überall in Afghanistan auf dem Vormarsch», auch im Norden des Landes, sagte Kujat der «Bild-Zeitung». Auf diese Entwicklung müsse die Bundeswehr reagieren: «Wir müssen die Initiative ergreifen, dürfen uns nicht von den Taliban diktieren lassen, wann und wo sie uns angreifen.» Die Soldaten brauchten aber eine bessere Ausrüstung und bessere Geräte.

Das Wiedererstarken der Taliban ist nicht nur auf ihre professionellere Kriegsführung zurückzuführen. Die radikal-islamische Organisation kann auch auf einen zunehmenden Rückhalt in der Bevölkerung zählen. Gemäss einer Studie des «Afghan Analysts Network» gewinnen die Taliban zunehmend auch ausserhalb ihrer traditionellen paschtunischen Bevölkerungsgruppe an Einfluss.

Nationalistische Bewegung möglich

«Wachsender Ärger über das Verhalten der ausländischen Truppen hat bereits zur Annäherung von Gruppen an die Taliban geführt, die früher das internationale Engagement in Afghanistan unterstützt haben.» Sollte sich dieser Trend fortsetzen, so die Analyse, dann «hat der Aufstand das Potenzial, sich über ethnische Grenzen und religiöse Differenzen hinweg zu einer noch breiteren afghanisch-nationalistischen Bewegung zu entwickeln».

Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat diese Woche angekündigt, im Falle seiner Wiederwahl die Taliban und andere militante Gruppen zu einer Stammesversammlung einzuladen. Voraussetzung sei jedoch, dass die Kämpfer zuvor ihre Waffen niederlegen müssten. Die Aufständischen interessiert dies nicht: Sie wollen die Präsidentenwahl am 20. August sabotieren. (vin)

Erstellt: 12.08.2009, 12:36 Uhr

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