Ausland

Kim Jong-il hat seine schlechten Karten gut ausgespielt

Von Christoph Neidhart, Tokio. Aktualisiert am 18.08.2009

Eben noch drohte der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel zu eskalieren. Nun aber ist der kommunistische Norden bereit, die Versöhnungprojekte mit dem Süden wieder aufzunehmen.

Vitamine für den Führer: Das Bild der saatlichen News-Agentur zeigt Kim Jong-il in einem Lebensmittelgeschäft.

Vitamine für den Führer: Das Bild der saatlichen News-Agentur zeigt Kim Jong-il in einem Lebensmittelgeschäft.
Bild: Keystone

Nordkorea wird den Grenzverkehr in seine Wirtschaftssonderzone Kaesong nicht mehr behindern, den Tourismus zum Kumgang-Berg wieder zulassen und neue Reiseziele für südkoreanische Touristen öffnen. Zudem wird es zum Herbstfest wieder Treffen getrennter Familien zulassen. Dazu hat sich Diktator Kim Jong-il bereit erklärt, nachdem er Hyun Jung-eun, die Chefin der Hyundai-Gruppe, am Sonntag zum Lunch getroffen hatte. Kim meint es ernst, sonst hätte die nordkoreanische Nachrichtenagentur das Übereinkommen nicht umgehend gemeldet.

Bis vor wenigen Tagen drohten die Spannungen zwischen den beiden Korea zu eskalieren, jetzt herrscht plötzlich Entspannung. Angesichts dieser Wende sind die Kriegsdrohungen, mit denen Pyongyang geplante Manöver Südkoreas mit den USA überschüttet, nur Nebengeräusche, Reflexe eines Propaganda-Apparats, der noch nicht umprogrammiert worden ist.

Mit einem Raketenstart im April, dem Atomtest im Mai und der Drohung, Atomwaffen gegen Südkorea einzusetzen, hat Pyongyang den innerkoreanischen Konflikt angeheizt, wie sich das vor zwei Jahren niemand mehr vorstellen konnte. Der Norden rechtfertigte das Säbelrasseln mit der harten Linie Seouls und den oft scharfen Worten von Präsident Lee Myung-bak. Doch auch von den Sechsnationengesprächen in Peking zur Denuklearisierung wollte der Norden nichts mehr wissen. Diese Gespräche waren durchaus erfolgreich: Sie brachten mehr Transparenz und stoppten das Atomprogamm des Nordens. Das alles liegt in Scherben.

Das Gesicht muss er nur nach innen wahren

Können Bill Clintons Besuch zur Auslösung zweier gefangener US-Journalistinnen und Kims Treffen mit Frau Hyun den Diktator umgestimmt haben, über den Hillary Clinton spottete, er brauche Aufmerksamkeit wie ein Kind? Oder hat der wirtschaftlich ausgedörrte Norden mit dem Säbelrasseln erreicht, was er wollte, und kehrt nun an den ökonomischen Tropf Südkoreas und der USA zurück?

Sicher hat China Druck auf Pyongyang ausgeübt. Es hat Rohstoffe zurückgehalten und zugelassen, dass die US-Sanktionen gegen Banken, die Konten für Nordkorea führen, auch in China wirksam werden. Aber Pekings Einfluss ist beschränkt.

Kim Jong-il steckt in vielen Klemmen. Er handelt aber keineswegs wie ein Kind, sondern spielt seine miserablen Karten gut. Sein Gesicht muss er nur nach innen wahren. Nordkoreas Wirtschaft braucht die Marktmechanismen, die Pyongyang in den letzten Jahren zuliess. Doch diese haben zu mehr Eigeninitiative und Selbstständigkeit der Nordkoreaner geführt, was dem Regime gefährlich werden könnte. Jedenfalls sehen das die Hardliner so.

Mal mehr, mal weniger Repressionen

Nordkoreas Wirtschaft braucht den illegalen Grenzverkehr mit China zum Überleben, aber über die Grenze kommen auch Informationen und CDs aus Südkorea, welche die Autorität des Regimes untergraben. Erst recht ist Pyongyang auf die Einkünfte aus der Wirtschaftssonderzone Kaesong angewiesen, aber dort scheint die Gefahr der Infiltrierung noch grösser.

Solange Kim krank war, setzten seine Statthalter auf Repression. Es gab keine CDs aus Südkorea, aber auch keine geschmuggelten Medikamente. Sie unterdrückten die privaten Lebensmittelmärkte. Kim, erholt von seinem Schlaganfall und der vermuteten Krebserkrankung, scheint Nordkorea in jene Balance der Repression zurückzuführen zu wollen, die es dem Land in den letzten zehn Jahren erlaubt hat, knapp zu überleben.

Als Atommacht etabliert

Mit dem zweiten Atomtest hat Kim Nordkorea als De-facto-Atommacht etabliert. Zur Abschreckung dürfte Pyongyang das vorerst genügen. Jetzt wird der Norden an den Verhandlungstisch zurückkehren und sich seine Zusagen zur Nichtweiterverbreitung von Atom- und Raketentechnik abkaufen lassen wollen.

Viel Zeit bleibt Kim indes nicht, auf Fotos wirkt er zerbrechlich und um Jahre gealtert. Deshalb versucht er einen Nachfolger aufzubauen, der seinem Regime die Fortführung der Macht sichert. Angesichts des schleichenden Wirtschaftskollapses allerdings eine unmögliche Aufgabe.

Nach Angaben von Südkoreas Nachrichtenagentur Yonhap hat die Propaganda den Clinton-Besuch als Erfolg einer geschickten Strategie von Kims drittem Sohn Jong-un dargestellt, seinem designierten Nachfolger. Demnach hätte Clinton Kim unwillentlich geholfen, die Macht in der Familie zu halten. Und Kim selbst hat mit dem Abkommen mit Frau Hyun für ein künftig noch verstärktes Engagement der Hyundai-Gruppe dem Norden die Devisen gesichert. Damit ist er wieder dort, wo er nach dem Oktobergipfel 2007 war. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2009, 14:56 Uhr

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