Ausland

Rot gegen gelb: Worum es in Thailand geht

Von Danny Kemp, AP. Aktualisiert am 13.04.2009

Thailands Farbenlehre: Rote Thaksin-Anhänger stehen gelben Königstreuen gegenüber. Seit drei Jahren demonstrieren sie immer abwechselnd. Was sind ihre Motive?

Immer Proteste: Dabei wechseln sich die «Rothemden» mit den «Gelbhemden» ab.

Immer Proteste: Dabei wechseln sich die «Rothemden» mit den «Gelbhemden» ab.
Bild: Keystone

Rot ist dieser Tage die dominierende Farbe in Thailand. Denn in roten Hemden demonstrieren die Gegner von Regierungschef Abhisit Vejjajiva für dessen Rücktritt.

Die Anhänger des ehemaligen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra stürmten am Samstag den Asean-Gipfel und erzwangen den Abbruch des internationalen Treffens. Am Sonntag belagerten sie trotz des ausgerufenen Notstands Regierungsbüros in Bangkok. Montagfrüh gab es Dutzende verletzte Demonstranten, als Soldaten eine blockierte Kreuzung räumten.

«Rothemden» gegen «Gelbhemden»

Massenproteste sind in Thailand seit fast drei Jahren an der Tagesordnung. Dabei wechseln sich die «Rothemden» mit den «Gelbhemden», den königstreuen Gegnern des im September 2006 vom Militär abgesetzten Thaksin, ab.

Ein Meer aus roten T-Shirts und roten Fahnen umgibt die Regierungsbüros in Bangkok. Hier und da ist auch das Grün-Braun der thailändischen Armeeuniformen zu sehen. Doch die Regierungsgegner lassen sich durch die Verhängung des Ausnahmezustands über Bangkok und den Einsatz von Soldaten und Panzern nicht von ihren Kundgebungen abbringen.

Vertreter der alten Elite

Mit eindrucksvollen Massenprotesten verleihen Thaksins Anhänger ihrer Forderung nach Abhisits Rücktritt Nachdruck. «Wir haben nichts zu verlieren. Abhisit ist ein Mistkerl und der schlimmste Tyrann», sagt Jakrapob Penkair, der die Proteste mit anführt.

Abhisit hatte das Amt des Regierungschefs erst Mitte Dezember übernommen. Der in Grossbritannien geborene und exzellent ausgebildete 44-Jährige ist ein typischer Vertreter der alten Eliten in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Passenderweise bedeutet sein Name auf Thailändisch «Privileg».

Für die Anhänger von Ex-Regierungschef Thaksin, die mehrheitlich den armen Schichten und der Landbevölkerung angehören, ist Abhisit schlicht nicht tragbar. Sie werfen ihm vor, eine Marionette der Berater von König Bhumibol Adulyadej und des Militärs zu sein.

Gräben werden tiefer

Abhisits Versprechen bei seinem Amtsanstritt, sich um nationale Aussöhnung zu bemühen, beeindruckt die Regierungsgegner nicht. «Die Gräben innerhalb der thailändischen Gesellschaft werden sich weiter vertiefen», sagt Politikwissenschaftler Somchai Phagaphasvivat voraus. Wer das Land künftig regiere, sei ungewiss.

Der Politologe will auch nicht ausschliessen, dass wieder eine Militärjunta das Ruder übernimmt - wie Ende 2006 nach dem Putsch der Armee gegen Thaksin. Der Umsturz war damit begründet worden, dass unter Thaksin Korruption und Vetternwirtschaft um sich griffen.

Der zu einem der reichsten Unternehmer des Landes aufgestiegene 59-Jährige lebt derzeit im Exil, weil er in seiner Heimat wegen Korruption zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Die «Rothemden» kämpfen dennoch weiter für seine Rückkehr und Thaksin selbst zieht dabei mit Video-Botschaften die Fäden.

Keine öffentliche Angelegenheit

Aber auch Thaksins Gegner haben bereits bewiesen, dass sie das öffentliche Leben lahmlegen und dadurch ihre Forderungen durchsetzen können. Die Volksallianz für die Demokratie (PAD) rief im November zum «letzten Kampf» gegen den damaligen Regierungschef Somchai Wongsawat auf, der ein Schwager Thaksins ist.

In Gelb gekleidete Demonstranten belagerten eine Woche lang die beiden Flughäfen in Bangkok und trafen damit eine wichtige Branche des Landes, den Tourismus. Anfang Dezember zwang das Verfassungsgericht Somchai zum Rücktritt und verbot dessen Partei der Volksmacht (PPP). Abhisit wurde neuer Ministerpräsident.

Für Michael Nelson von der Chulalongkorn-Universität in Bangkok liegt das Grundproblem darin, dass Politik in Thailand traditionell «keine öffentliche Angelegenheit» sei. Vielmehr bestimmten die Interessen von «Familien und Cliquen» die Geschicke des Landes.

Auch Politologe Somchai sieht schwarz. «Thailand wird auch in den kommenden Jahren instabil bleiben», prophezeit er.

Chronologie der Ereignisse:

19. September 2006: Mit Unterstützung der Volksallianz für die Demokratie (PAD) stürzt das thailändische Militär den mit Korruptionsvorwürfen belasteten Regierungschef Thaksin Shinawatra. Der Multimillionär geht ins Exil.

23. Dezember 2007: Die von Anhängern Thaksins gegründete PPP gewinnt die Parlamentswahl. Im Februar bildet sie eine Regierungskoalition und übernimmt die Macht.

25. Mai 2008: Das Oppositionsbündnis PAD ruft zu Massenprotesten auf, als die Regierung die Verfassung ändern will. Es vermutet darin einen Winkelzug, um Thaksin Straffreiheit zu garantieren.

26. August 2008: Mindestens 35#000 PAD-Anhänger umzingeln Ministerien und besetzen den Regierungsitz in Bangkok. Die Regierung verlegt ihre Büros in einen Flughafen am Stadtrand.

17. September 2008: Thaksins Schwager Somchai Wongsawat übernimmt die Regierungsgeschäfte. Sein Vorgänger Samak Sundaravej musste den Posten wegen einer Korruptionsaffäre räumen.

7. Oktober 2008: Bei heftigen Zusammenstössen zwischen Polizei und Demonstranten werden in Bangkok zwei Menschen getötet und 500 weitere verletzt. Es sind die schwersten Ausschreitungen seit 16 Jahren.

24. November 2008: Die PAD ruft zum "letzten Kampf" gegen die Regierung auf, Demonstranten belagern das Parlament. Am Tag darauf besetzen sie den internationalen Flughafen der Hauptstadt, um die Rückkehr des Regierungschefs von einer Auslandsreise zu verhindern.

2. Dezember 2008: Das thailändische Verfassungsgericht ordnet die Auflösung der PPP wegen Wahlbetrugs an. Ministerpräsident Somchai verliert sein Amt.

15. Dezember 2008: Das thailändische Parlament wählt Abhisit Vejjajiva von der Demokratischen Partei zum Regierungschef.

26. März 2009: Tausende Anhänger Thaksins machen in Bangkok gegen Abhisit mobil. Thaksin wendet sich fast täglich mit Botschaften an die Bevölkerung.

11. April 2009: Tausende Regierungsgegner stürmen den Gipfel der Südostasiatischen Staatengemeinschaft (ASEAN) im Badeort Pattaya und erzwingen den Abbruch der Gespräche.

12. April 2009: Ministerpräsident Abhisit ruft den Notstand für Bangkok aus. Ein Anführer der Proteste wird festgenommen.

13. April 2009: Bei den gewaltsamen Ausschreitungen in Bangkok werden mindestens 70 Menschen verletzt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2009, 10:47 Uhr

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