Sind die USA jetzt in Gefahr?

Nordkorea behauptet, seine erste Interkontinentalrakete getestet zu haben. Ostasien-Korrespondent Christoph Neidhart sagt, was das bedeutet.

Freude über den scheinbar geglückten Raketentest: Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un jubelt.

Freude über den scheinbar geglückten Raketentest: Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un jubelt. Bild: Reuters

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Nordkorea sagt, es habe eine interkontinentale Rakete getestet, die jeden Ort der Welt treffen könne. Wie glaubwürdig ist das?
Die Aussagen des nordkoreanischen Regimes sind grundsätzlich wenig vertrauenswürdig. Seine Raketen dienen in Wahrheit nicht zum Angriff, sondern sind Bestandteil einer Abschreckungstaktik. Kim Jong-un glaubt, dass er Stärke zeigen muss, damit seine Gegner vor einem Anschlag auf sein Land absehen.

Experten sagen aber, die abgefeuerte Rakete hätte theoretisch eine Reichweite von 6700 Kilometern gehabt und Alaska treffen können. Sind die USA jetzt in Gefahr?
Nordkorea hatte bislang noch keinen Test, bei dem eine Rakete einen geordneten Wiedereintritt in die Atmosphäre schaffte. Die Flugkörper werden einfach abgeschossen, ohne exakten Bestimmungsort. Ich glaube nicht, dass sie in der Lage wären, eine Stadt zielgenau zu treffen, und deshalb auch nicht, dass die USA bedroht sind.

Die Raketen scheinen mit jedem Test noch ein wenig mehr Reichweite zu haben. Sind Nordkoreas Ingenieure schon kurz vor der Umsetzung einer Langstreckenrakete?
Nein, sie sind noch nicht so weit. Nordkorea verfügt zwar über mehr Raketentypen als alle anderen Länder, aber dabei handelt es sich oft um alte sowjetische oder chinesische Raketen. Diese werden nachgebaut, aber eine wirkliche Entwicklung gibt es nicht. Die Nordkoreaner schiessen ihre Raketen immer wieder von einem anderen Ort aus ab. Wenn sie wirklich Entwicklungstests durchführen würden, wie sie behaupten, würden sie auf immer gleiche Bedingungen setzen, um die Abschüsse vergleichen zu können.

Warum wird Nordkorea trotzdem als so grosse Bedrohung wahrgenommen?
Die grösste Gefahr ist, dass es zu einem Missverständnis kommt. Wenn Nordkorea beispielsweise tatsächlich glauben würde, dass die Amerikaner einen Angriff lanciert hätten, und mit Raketen auf Südkorea reagieren würde. Kim Jong-un versucht, das Verhältnis zwischen den USA und Südkorea zu beschädigen. Aber nicht, um eine Eskalation zu verursachen, sondern um die verbündeten Länder politisch zu spalten und die USA zu einem Truppenabzug aus Südkorea zu bewegen. Dann – so die Vorstellung der Nordkoreaner – wäre eine Wiedervereinigung mit dem Süden zu geteilten Bedingungen möglich.

Die USA, Südkorea und Japan wollen nun erneut mehr Druck auf Nordkorea ausüben. Was nützt das?
Die Sanktionen gibt es schon lange, und der nordkoreanischen Elite geht es heute besser als vor zehn Jahren – auch, weil Kim Jong-un ein besserer Politiker ist als sein Vater und die Militärs besser hinter sich scharen kann. Unter den Sanktionen des Auslands leidet nur die arme Bevölkerung. Aber gerade Japan ist auch am Status quo interessiert. Die Regierung nutzt jede Gelegenheit aus, um auf die Gefahr aus Nordkorea hinzuweisen und damit sein verstärktes Militärprogramm zu rechtfertigen.

Wird China etwas unternehmen?
China ist zwar gegen die Raketenabschüsse und das Atomprogramm seines Nachbarn, kann aber nichts machen. Es ist ein Märchen, dass die Chinesen Kim Jong-un steuern können. Sie haben beispielsweise die Kohleexporte gestoppt. Aber dann beziehen die Nordkoreaner halt einfach von jemand anderem Kohle, zum Beispiel von Russland. Nordkorea ist ein Land mit viel Küste und kann so Embargos umgehen.

Heute feiern die Amerikaner ihren Unabhängigkeitstag. Ist der Zeitpunkt des Tests ein Zufall?
Die Nordkoreaner haben den Zeitpunkt absichtlich gewählt. Hinter ihren Raketenabschüssen steckt immer eine gewisse Symbolik, wie zum Beispiel beim vermeintlichen Test nach dem Treffen zwischen Donald Trump und seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping. Nordkorea schiesst dann aber nur Raketen ab, die sie schon ausprobiert haben und die sicher funktionieren. Sonst wäre es ja eine Blamage. Das ist noch einmal ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um echte Entwicklungstests handelt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2017, 12:55 Uhr

Christoph Neidhart ist Ostasien-Korrespondent für baz.ch/Newsnet und die «Süddeutsche Zeitung».

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