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«USA wollen die Taliban gar nicht loswerden»

Von Andin Tegen. Aktualisiert am 20.08.2009 15 Kommentare

Vor allem ein Abzug der fremden Truppen könne die Lage im Lande verbessern, sagt Afghanistans populärste Friedensaktivistin. Von der Präsidentenwahl erwartet sie keine Veränderungen.

Wahlplakate in Afghanistan: Die Wahl ist eine Farce, der Sieger steht längst schon fest.

Wahlplakate in Afghanistan: Die Wahl ist eine Farce, der Sieger steht längst schon fest.
Bild: Keystone

Friedensaktivistin Malalai Joya.

Friedensaktivistin Malalai Joya.

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Populäre Friedensaktivistin

Die 30-jährige Malalai Joya ist Afghanistans populärste politische Aktivistin. Sie hat bisher vier Mordanschläge überlebt und arbeitet heute nur noch im Untergrund.
In einem Buch - «Ich erhebe meine Stimme» (Piper) - hat sie ihr Leben niedergeschrieben, von der Zeit der russischen Invasion im Jahre 1979 bis heute.

Sie sind in Afghanistan geboren und haben 16 Jahre lang im Exil gelebt. Seit Ihrer Kindheit kennen Sie das Land nur im Kriegszustand, dennoch haben Sie sich entschlossen zurückzukommen. Warum?
Seit meiner Geburt leidet dieses Land unter permanenter Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Ich habe die Leiden meiner Landsleute sehr genau kennen gelernt und es als gebildete sowie politisch bewusste Frau irgendwann als meine Pflicht angesehen zu helfen - speziell den unterdrückten Frauen.

Worunter leidet die Bevölkerung Afghanistans heute am meisten?
Die ganze Situation ist eine Katastrophe. Die Menschen sind so verunsichert, dass sie ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken, weil sie fürchten, dass sie gekidnappt oder, speziell die Mädchen, vergewaltigt werden. Die Zahl der Vergewaltigungen steigt immens, auch die der Entführungen und Morde. Häusliche Gewalt veranlasst immer noch viele Frauen dazu, sich lieber umzubringen, als dem Elend standzuhalten.

Seit dem Einsatz der USA und ihrer Alliierten nach dem 11. September gibt es dennoch mehr Frauenrechte im Land. Sie selbst konnten bei Wahlen kandidieren und wurden 2005 Abgeordnete.
Ich bin nicht durch den Krieg Parlamentarierin geworden. Und ich sehe es auch nicht als Vorteil für meine Mission, dass die Amerikaner gekommen sind. Die USA haben Afghanistan im Namen des Krieges gegen den Terror besetzt. Aber tatsächlich haben sie mit der Nordallianz Terroristen an die Macht gebracht, die viel schlimmer sind als die Taliban. Meine Präsenz im Parlament diente nur als Fassade, um Sand in die Augen der Welt zu streuen. Jeder sollte denken, dass Frieden und Demokratie in diesem Land existieren.

Was halten Sie dann von der Truppenverstärkung durch den amerikanischen Präsidenten Barak Obama?
Die achtjährige Besatzung Afghanistans hat der Bevölkerung vor allem eines gezeigt: dass die Vereinigten Staat nicht vorhaben, die Taliban loszuwerden. Die Taliban haben kaum einen nachhaltigen Rückschlag erlitten - im Gegenteil, sie werden immer stärker, da sie auch noch von Pakistan und vom Iran unterstützt werden. Diese Staaten wollen einfach ihre politische Macht demonstrieren, aus regionalstrategischen und wirtschaftlichen Gründen Präsenz zeigen. Bis heute sind in Afghanistan mehr als 8000 Zivilisten von ausländischen Truppen getötet worden. Diese Massierung an Militär bedeutet immer mehr Krieg, Morde, Tragödien.

Was wäre denn die Alternative zum Einsatz der ausländischen Streitkräfte?
Es gibt Alternativen, die viel weniger blutrünstig wären. Als Erstes müssten die ehemaligen Kriegsherren entwaffnet und politisch entmachtet werden. Ihre Privatmilizen sind komplett aufzulösen, und sie sollten bestraft werden für all ihre Kriegsverbrechen in der Vergangenheit. Sodann sollte eine weltliche, demokratische und unabhängige Regierung errichtet werden. Solange fundamentalistische Gruppierungen die Macht im Parlament haben und sie auch noch vom Westen unterstützt werden, wird es keinen Frieden geben. Eine weitere Forderung ist die wirtschaftliche Gerechtigkeit. Afghanistan ist von Milliarden Dollar überflutet worden, aber die Bevölkerung leidet nach wie vor Hunger. Lokale Industrien sollten aufgebaut werden, Arbeitsplätze geschaffen und Alternativen zur Opiumproduktion gefunden werden. Das liegt aber in den Händen des Volkes. Demokratie und Freiheit sind kein Blumenstrauss, den man einer Nation einfach so überreichen kann.

Wie aber sähe ein Abzug der Alliierten konkret aus? Würden Warlords und Taliban sich nicht wieder unbeobachtet fühlen und erneut die Bevölkerung terrorisieren? Es ist schwierig zu sagen, was im Detail geschehen würde. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich die Situation verbessern würde. Zurzeit kontrollieren die Besatzungsmächte den gesamten Himmel, werfen Streubomben und Uransprengsätze. Den Boden kontrollieren fundamentalistische Kriegsherren und die Taliban. Die afghanische Bevölkerung bekäme es im Falle eines Abzugs der fremden Truppen hauptsächlich mit zwei grossen internen Feinden zu tun - der Nordallianz und den Taliban. Diese beiden Gruppen haben jedoch kaum Chancen, die Macht wieder an sich zu reissen. Das Volk hasst die Taliban bis aufs Blut. Und trotz der Erschöpfung durch den Krieg würden die Menschen sie in einer letzten Schlacht, allein durch ihren tiefen Hass wohl auslöschen. Was die Nordallianz betrifft, ist sie meiner Meinung nach schon so isoliert, dass niemand sich ihr noch anschliessen würde.

Was kritisieren Sie am meisten an der Politik von Präsident Hamid Karzai? Hamid Karzais Hände sind in Blut gewaschen. Er hat berüchtigte Kriminelle unterstützt, Leute, die vor der Invasion der Amerikaner die Bevölkerung unterdrückt haben und nun im Parlament sitzen. Er brachte sie in hohe Ämter. Jüngst machte er Qasim Fahim und Karim Khalili zu seinen Vizepräsidenten. Die beiden waren in den 90er-Jahren in unzählige Verbrechen und Morde verwickelt. Karzai ist in den Augen des Volkes ein Verräter, weil er die Leute, nachdem er ihre Stimmen bekommen hatte, enttäuschte. Er weint medienwirksam Krokodilstränen und hält grosse Reden, aber seine Worte dienen nur dazu, die Welt zu täuschen. Er ist nichts weiter als eine Marionette der USA.

Wie erging es Ihnen seinerzeit als Mitglied im Parlament? Zwei Jahre nach Ihrem Amtseintritt wurden Sie suspendiert.
Im Parlament haben zwar die Männer die Mehrheit, aber meine Entlassung wurde auch von fundamentalistischen Frauen unterstützt. Dennoch kontrollieren die ehemaligen Kriegsherren im Parlament jegliche Form von Macht. Sie kontrollieren die Medien. Wenn jemand von einem ihrer Verbrechen berichtet, wird er entweder bedroht oder getötet. Es gibt so viele Ungesetzlichkeiten, den Fall der 14-jährigen Bashira zum Beispiel. Sie wurde von Haji Payindas Sohn vergewaltigt. Haji Payinda ist ein ehemaliger Kriegsverbrecher aus der Nordprovinz und Mitglied des Parlaments. Er bestach die Polizei, die daraufhin seinen Sohn frei liess.

Haben Sie ein Vorbild für Ihren Kampf? Im Buch liest man oft den Namen Ihres Vaters, der einst selbst ein Mujahed war.
Meine grösste Inspiration war eine Frauenrechtlerin Namens Meena, die ich als Kind einmal traf. Zudem gibt es viele Friedensaktivisten, zu denen ich aufblicke. Ich habe auch viel von meinem Vater gelernt. Er gehörte seinerzeit zu den wahren Mujahedin, den Freiheitskämpfern, die sich wirklich für die Unabhängigkeit Afghanistans eingesetzt haben. Später kam ein Haufen von Kriegsherren und Bandenchefs hinzu, die sich auch Mujahedin nannten und viele Verbrechen im Namen des Islam begingen. Das brachte den Namen der Mujahedin in Verruf.

Wie schläft man nachts, wenn bereits mehrere Mordanschläge auf einen verübt worden sind?
Die Bedrohung ist Teil meines Lebens geworden. Sie schüchtert mich aber nicht ein, ich sage ja nur die Wahrheit. Tatsächlich schlafe ich nachts aber nur wenig und wechsle meine Unterkunft manchmal täglich, manchmal nur alle zwei Nächte. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt.

Sie reisen versteckt unter einer Burka durchs Land. Glauben Sie, dass Sie irgendwann einmal unverkleidet und ohne Personenschützer arbeiten können?
In naher Zukunft sehe ich nur mehr Krieg, mehr Terror und Gewalt. Aber vielleicht wird irgendwann das Licht der Demokratie auf Afghanistan fallen. Und mein Land würde vielleicht ein unabhängiger Staat, voll friedliebender, weltoffener und sich zusammengehörig fühlender Menschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2009, 07:38 Uhr

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15 Kommentare

Max Vlieg

20.08.2009, 15:57 Uhr
Melden

@ Herr Schenkel: Der Irak versinkt im Chaos seit die USA dort EINMARSCHIERT sind! Antworten


Agron Selami

20.08.2009, 08:30 Uhr
Melden

Ein sehr positives Zeichen, dass solche Frauen zu Wort kommen. Bravo! Das die NATO in Afghanistan Kriegsverbrechen begeht sollte endlich jedem klar sein. Es geht weder um Anti-Terrorkrieg, Demokratie, noch um unsere Sicherheit. Es geht um Geo- politische Macht und um Ressourcen zu rauben. Deswegen wurde ein Feind (al-kaida) erfunden damit solche Kriegsverbrechen vom Volk unterstützt werden. Antworten



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