Von Japanern und Delfinen

Die westliche Empörung über den Wal- und Delfinfang führt in Japan zu einer reflexartigen Abwehrhaltung. Dabei nimmt der Verzehr von Meeressäugern stetig ab. Selbst im berüchtigten Fischerdorf Taiji.

Teil der japanischen Esskultur: Ein auf Walfleisch spezialisiertes Restaurant in Tokio.

Teil der japanischen Esskultur: Ein auf Walfleisch spezialisiertes Restaurant in Tokio.
Bild: Keystone

Nur bei fünf Prozent der japanischen Bevölkerung auf dem Esstisch: Delfinfleisch.

Nur bei fünf Prozent der japanischen Bevölkerung auf dem Esstisch: Delfinfleisch.

Die alljährliche Delfinjagd in der Bucht des japanischen Fischerdorfes Taiji hat seit der Premiere des Dokumentarfilmes «The Cove – Die Bucht» weltweit für grosse Empörung gesorgt. In Japan wurde er vergangenen Oktober am internationalen Filmfestival von Tokio gezeigt. Die Tageszeitung «Asahi Shimbun» stellte einen Tag nach der Premiere fest, dass der Dokumentarfilm «für keine grosse Unruhe sorgte».

Mit der Oscar-Nominierung des Dokumentarfilms könnte sich dies ändern. Denn immer wenn westliche Medien oder Personen Japan wegen des Delfin- und Walfangs an der Pranger stellen, kommt es selbst unter den jungen Japanern, die noch gar nie Walfleisch gegessen haben, zu einer reflexartigen Abwehrhaltung – wenn auch nur aus Trotz. Denn viele empfinden die Kritik als Bevormundung und als Angriff auf die japanische Kultur. «Es gibt hier ein Gefühl, dass die Welt kulturelle Differenzen zu respektieren hat», erklärt Tetsu Sato, Professor für Umweltplanung an der Universität Nagano, gegenüber der New York Times: «Wieso sollte es überhaupt eine Debatte zu dieser Angelegenheit geben?»

Walfleischverzehr nimmt stetig ab

Dabei würde ein Fangverbot einen Grossteil der Bevölkerung unberührt lassen. So schrieb die Zeitung «Asahi Shimbun» nach einem Treffen der Internationalen Walfangkommission in Portugal im Juni 2009, dass viele Japaner ein Walfangverbot als Japan-Bashing empfinden, gleichzeitig aber nicht mehr sonderlich interessiert seien am Verzehr von Walfleisch. Tatsächlich hat das Marktforschungsunternehmen «Nippon Research Center» 2006 herausgefunden, dass rund 95 Prozent der Japaner noch nie oder fast nie Walfleisch gegessen haben. Dazu gehört auch Delfinfleisch. Schon vor Beginn des internationalen Walfangmoratoriums 1986 hat der Verzehr stetig abgenommen. Eine Erholung ist nicht zu erwarten. Es ist vornehmlich die ältere Generation, welche noch gerne das Fleisch der Meeressäuger roh, grilliert oder frittiert isst.

Die «New York Times» stellte in einer Reportage fest, dass selbst im berüchtigten Fischerdorf Taiji nicht alle die gleichen Essgewohnheiten pflegen. So verzehren die über 60-jährigen Einwohner noch gerne Delfin- und Walfleisch. Eine Mehrheit der unter 40-Jährigen verzichtet gänzlich darauf. «Mit dem Verschwinden der älteren Generation wird auch die Nachfrage nach Delfinfleisch abnehmen», äussert sich Hisato Ryono, ein Stadtrat des Fischerdorfes, gegenüber der «New York Times».

Das Quecksilber-Problem

Viel mehr als jede westliche Empörung, könnte der gesundheitsschädigende Aspekt zu einem schlagenden Argument gegen den Walfang werden. Denn in keinem anderen Land finden Lebensmittelskandale so viel Beachtung wie in Japan.

Hisato Ryono hat zusammen mit Junichiro Yamashita, einem weiteren Stadtrat von Taiji, auf eigene Kosten eine Laboruntersuchung veranlasst, die eine hohe Konzentration an Quecksilber in den getöteten Delfinen und Grindwalen ergab – eine Folge der verschmutzten Ozeane. Auf Flugblättern wiesen sie auf die gesundheitlichen Gefahren hin. Die lokalen Schulkantinen verbannten daraufhin die Speise von ihrer Menükarte.

«Es besteht eine reale Gefahr beim Wal- und Delfinfleisch. Nur verbreitet sich diese Nachricht nicht», beklagt sich Professor Tetsuya Endo von der Universität Hokkaido. Endo misst seit einem Jahrzehnt die Quecksilberwerte in den Meeressäugern. Das Gesundheitsministerium verweist lediglich auf eine Gefahr für Schwangere hin. Unregelmässig eingenommen sei der Verzehr von Walfleisch jedoch problemlos.

Ein Umdenken gefordert

In diesem Zusammenhang hat der Naturforscher Mark Brazil in einem Artikel der «Japan Times» ein radikales Umdenken von der Internationalen Walfangkommission gefordert: Diese sollte den kommerziellen Walfang wieder zulassen, unter der Bedingung, dass die Walindustrie transparent ist und ohne die schützende Hand des Staates auskommt. Die Konsumenten müssten zudem klar über die Inhaltsstoffe des Fleisches informiert werden. Brazil meint, dass eine japanische Walindustrie in einem solchen Umfeld kein Jahr überleben würde und dies ganz ohne Zutun des Westens. (bazonline.ch/Newsnetz)

Erstellt: 08.02.2010, 16:32 Uhr


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