Warum Liu Xiaobo hinter Gitter muss

Das kommunistische Regime verurteilte den chinesischen Oppositionellen bewusst unerwartet hart: Seine Strafe soll nicht nur ihn treffen.

Sie sollen eingeschüchtert werden: Anhänger von Liu demonstrieren in Hongkong gegen das Urteil.

Sie sollen eingeschüchtert werden: Anhänger von Liu demonstrieren in Hongkong gegen das Urteil.
Bild: Keystone

Die drakonische Strafe für den chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo ist eine eiskalte Warnung an alle Kritiker des kommunistischen Systems. «Das Huhn töten, um den Affen zu erschrecken» (shaji geihoukan), heisst diese Methode in China.

Die Botschaft ist unmissverständlich: an der Macht der Kommunistischen Partei darf nicht gerüttelt werden. Das harsche Urteil von elf Jahren Gefängnis ist gleichzeitig eine trotzige und brüske Zurückweisung der Forderungen europäischer Staaten sowie der USA, den 53-jährigen Autor sofort auf freien Fuss zu setzen.

«Wir lächelten uns an»

«Ich fühle nichts mehr», sagte Liu Xiaobos Frau Liu Xia direkt nach der Urteilsverkündung ebenso erschöpft wie gefasst. Die Frau des Dissidenten hatte schon eine hohe Strafe befürchtet. Nur ein paar Minuten erlaubte ihr der Richter, hinterher im Gerichtssaal mit ihrem Mann zu sprechen.

«Wir lächelten uns an, sprachen über unsere Familie und Freunde», sagte Liu Xia der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Wir konnten uns nur gegenseitig Glück wünschen für das Leben, das uns jetzt bevorsteht.» Elf Jahre - kein anderer Bürgerrechtler musste bisher wegen «Subversion» so lange hinter Gitter.

Heftige Kritik am Urteil

Freunde, Intellektuelle und Mitstreiter sind geschockt. «Mit dem Urteil verkündet die Kommunistische Partei der Welt und dem Volk, dass sie all ihre Macht nutzen wird, um ihre Einparteien-Herrschaft zu sichern, statt Reformen einzuleiten», sagte die pensionierte Professorin Ding Zilin.

Sie steht an der Spitze des Netzwerkes von Familien der Opfer der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989. «Es war ein irrwitziger Prozess, der dem Land die rechtsstaatliche Maske vom Gesicht gerissen hat.»

Der auferstandene Geist von 1989

«Vor 20 Jahren haben sie Waffen benutzt; die Armee tötete wahllos Menschen», sagte die 73-Jährige, deren 17-jähriger Sohn 1989 erschossen wurde. «Heute, 20 Jahre später trauen sie sich nicht mehr, Menschen zu töten, lassen aber die Polizei wahllos Menschen festnehmen.»

Der mutige Liu Xiaobo und die «Charta 08» für Demokratie und Menschenrechte in China haben für Ding Zilin den Geist von 1989 wiedererweckt - den Traum der Chinesen, die ein besseres, ehrliches und freiheitliches China schaffen wollten.

Alle Macht der Partei

«In einer Volksrepublik sollte die Macht vom Volke ausgehen, aber die Situation in China ist heute so, dass alle Macht der Partei gehört», kritisierte Bao Tong, ehemaliger Mitarbeiter des 1989 gestürzten Parteichefs Zhao Ziyang und einer der ersten Unterzeichner der «Charta 08».

Nicht Leute wie Liu Xiaobo, sondern vielmehr die kommunistischen Führer hätten sich in der Geschichte des Landes der Subversion schuldig gemacht, findet der 77-Jährige. «Die «Charta 08» soll China nicht untergraben, sondern das Land retten.»

«Seit die Kommunistische Partei die Macht übernommen hat, sorgen sich Generationen von KP-Diktatoren am meisten um ihre eigene Macht und am wenigsten um das menschliche Leben», schrieb Liu Xiaobo in einem der sechs Aufsätze, die ihm das Gericht jetzt neben der «Charta 08» als Anstachelung zum Regierungsumsturz anlastet.

Das Volk als Geisel

Chinas Führer verordneten dem Land Patriotismus, um von den Katastrophen und dem Leid abzulenken, die sie über Nation und Volk gebracht hätten, klagte Liu Xiaobo. Das Volk sei zur Geisel geworden.

Auf dem Weg ins Gefängnis hinterlässt Liu Xiaobo seinen Landsleuten aber auch noch folgende Weisheit: «Der Mensch ist frei und gleich geboren. Versklavung weltweit und Ungleichheit liegen niemals daran, dass die Herrschenden zu mächtig oder grossartig sind, sondern daran, dass die Beherrschten sich beugen.» (oku/sda)

Erstellt: 25.12.2009, 14:56 Uhr

KOMMENTAR SCHREIBEN







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

12 KOMMENTARE

Bruno Casanova

25.12.2009, 16:40 Uhr

Das was Liu Xiaobo sagt, kann man nur unterstützen. Die machtbesessene chinesische Führung gibt seit Jahren vor, eins mit dem Volk und der Welt zu sein. In Wirklichkeit ist sie jedoch brandgefährlich und machthungrig und kennt keine Art von Menschenrechten, geschweige denn von Demokratieverständnis. Einziges Ziel ist die Ausbeutung mit Heuschreckenmethode. Und die Welt schaut zu!


René Lorenz

25.12.2009, 16:31 Uhr

Wir sollten dieses Regime viel mehr kritisieren...speziell unsere Regierungen im Westen.. und auch boykottieren....


colin uttley

25.12.2009, 16:29 Uhr

Hut ab vor solchen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens nicht klein beigeben. Man sollte ab dem 1. Januar 2010 per sofort weltweit sämtliche China-Importe stoppen. Diese sollten erst wieder zugelassen werden, wenn in diesen Ländern inklusive Tibet die Menschenrechte - mal ganz zu schweigen vom Tierschutz - garantiert sind. In welchem Zeitalter leben wir eigentlich? 1750??


daniel Steinberger

25.12.2009, 16:28 Uhr

also die aller aller aller aller allerletzten sind die EU und die USA die das Einparteiensystem der Chinesen beschimpfen dürfen und mehr "Freiheit und Recht" den Bürgern zusprechen dürfen. Die USA und die EU würden am liebsten China "demokratisieren" mit "inszenierten Revolutionen" wie in der Ukraine, dem Irak, Georgien, Serbien etc ins Chaos stürzen. Dieser Zug ist aber in China schon abgefahren.


Urs Dietschi

25.12.2009, 16:27 Uhr

Aus Rücksicht auf die ach so wichtigen wirtschaftlichen Beziehungen schweigen wir lieber... und verhalten uns still - nicht dass die chinesische Botschaft noch in Rage kommt über die unverschämte Einmischung in eine rein chinesische Angelgenheit...


Lukas Engler

25.12.2009, 16:27 Uhr

Schreiben, kritisieren bringt doch nichts! Die echten Staatsverbrecher müssen entfernt werden, damit alle Chinesen wieder frei werden.


Peter Niederer

25.12.2009, 16:24 Uhr

Gesucht sind nun Politiker in der Westlichen Welt, die sich nicht wegen Angst um Geld und Wirtschaftsmacht in die Mittäterrolle verkriechen, sondern Politiker, die den Mut haben, die Chinesische Regierung offiziell und öffentlich auf ihre Pflichten betreffend Mentschenrechte aufmerksam zu machen. Leider gibt es bis heute von diesen ehrlichen Politikern nur sehr, sehr wenige.


daniel Steinberger

25.12.2009, 16:17 Uhr

also die aller aller aller aller allerletzten sind die EU und die USA die das Einparteiensystem der Chinesen beschimpfen dürfen und mehr "Freiheit und Recht" den Bürgern zusprechen dürfen. Die USA und die EU würden am liebsten China "demokratisieren" mit "inszenierten Revolutionen" wie in der Ukraine, dem Irak, Georgien, Serbien etc ins Chaos stürzen. Dieser Zug ist aber in China schon abgefahren.


Marco Burgmeijer

25.12.2009, 16:14 Uhr

Das harte Urteil wird ohne schwierigkeiten akzeptiert werden, durch Europa, durch die USA und durch die Schweiz. Wichtig ist nur das der Imsatz mit China stimmt. Schade. Frohe Weihnachten


René Müller

25.12.2009, 16:06 Uhr

Es soll ja niemand die Meining äussern eines Boykott der chinesischen Artikel. Wir sind ein Volk von: "Geiz ist Geil." Das wird fast alles in China produziert. Schreckliche Arbeitsbedingungen. Was liegt Heute alles unter dem Tannenbaum mit "Made in China?" Weihnachtskugeln, Engelchen, Servietten und Kerzen. Grossverteiler haben diese Artikel fast alle aus China. Wir sind ein Volk von Profiteuren.


Peter Meier

25.12.2009, 15:37 Uhr

So Herr Bürgin und Herr Müller. Wo sind denn jetzt Ihre Loblieder auf China und das kommunistische System? Gestern noch himmelhoch jauchzend, heute am Boden der Wahrheit angekommen...Kann man nur wünschen, dass die 1.3mrd mal aufstehen und eine geeinte Stimme erheben. Und nebenbei noch: Free Tibet


Charles Dupond

25.12.2009, 15:14 Uhr

«Der Mensch ist frei und gleich geboren. Versklavung weltweit und Ungleichheit liegen niemals daran, dass die Herrschenden zu mächtig oder grossartig sind, sondern daran, dass die Beherrschten sich beugen.» Diesen Satz sollte man(n) sich merken, nicht nur in China....



Nahostverhandlungen

Kein Mann der leisen Töne

Meistgelesen in der Rubrik Ausland

Das New York Chinas


Best of Swiss Gastro

Voten Sie für Ihren Lieblingsgastro-Betrieb!

Haslital

Lassen Sie sich vom Panorama und der Alpenwelt verzaubern!

Hohe Ansprüche bei der Partnersuche

Märchenprinzen gibt es nicht! Wie Sie trotzdem dem passenden Partner finden, erklärt Ihnen ElitePartner.ch.

Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Jobsuche

Kaum wird irgendwo ein Job frei, ist er auf jobwinner.ch.



© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten