Warum der Wiederaufbau in Afghanistan nicht vom Fleck kommt
Höchst gefährlicher Job: Bauarbeit in Afghanistan. (Bild: Keystone)
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Chalid Chan starrt aus dem Fenster über die Dächer Kabuls und fragt sich, ob die wirklich wissen, wo er wohnt. Der Bauunternehmer teilt sich eine kleine Wohnung mit einer anderen Familie, seit er sein Haus verkaufen musste. «Heute früh haben sie wieder angerufen», sagt er. Die Entführer, die ihn in einem Brunnen gefangen hielten und zu erschiessen drohten. «Sie sagten: ‹Wir beobachten dich. Weisst du, was wir mit dir machen können?›»
Der 30-Jährige war an einem der grössten Wiederaufbauprojekte Afghanistans beteiligt und sollte ein letztes Teilstück der 2,5 Milliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro) teuren Fernstrasse bauen, die das Strassennetz des Landes mit Kabul verknüpft. Einen schönen Gewinn hatte er erhofft. Stattdessen hat er nach einem Jahr Arbeit und zwei Monaten Gefangenschaft einen Haufen Schulden, ein Trauma und grosses Glück gehabt, dass er noch lebt.
Chans Schicksal zeigt, wie gefährlich der Aufbau in einem Kriegsgebiet ist, wie die besten Pläne ohne Sicherheit nichts taugen, welches Risiko Afghanen dafür eingehen und wie alleine sie dastehen, wenn alles schiefgeht. «Nehmen Sie ihn mal 1000, und sie begreifen, warum die ganzen Wiederaufbaubemühungen in Afghanistan nicht vom Fleck kommen», sagt Craig Steffensen, Afghanistan-Direktor der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), die das Teilstück der sogenannten Ringstrasse finanziert.
Nachts gehört die Strasse den Taliban
Die Fernstrassenverbindung zwischen den grossen Städten wurde in diversen Kriegen beschädigt, der Nordabschnitt nie gebaut. Ihre Fertigstellung und Reparatur wurde nach dem Sturz der Taliban zu einem Hauptprojekt internationaler Entwicklungshilfe. Die Regierung hofft, dass Hunderttausende Arbeitsplätze entstehen, der Handel angekurbelt und das Hinterland angebunden wird. Die 2227 Kilometer lange Strecke ist zu 90 Prozent fertig. Doch ein grosser Teil ist Frontgebiet. Beim Bau starben Hunderte, noch viel mehr auf der Fahrt: von Bomben zerrissen oder an Strassensperren der Guerillas geköpft. Wenn die Sonne untergeht, sagt man in Afghanistan, gehört die Strasse den Taliban.
Chan sollte die Trasse für einen sechs Kilometer langen Abschnitt zwischen zwei Dörfern im Nordwesten bauen. Er war Subunternehmer der Chinesischen Eisenbahngesellschaft im Auftrag der ADB. Im August 2008 begann die harte Arbeit in felsigem Gelände. In der bitterarmen Gegend wurden die Bautrupps schnell zum lohnenden Ziel. Die Anwohner «sahen Baumaschinen und Geländewagen, die mehr wert waren, als ganze Dorfgemeinschaften in einem ganzen Leben verdienen können», erklärt Steffensen. Im November 2008 wurden Mitarbeiter eines anderen Subunternehmers entführt und einer erschossen.
Gefangen im Brunnen
Drei Tage nach Ende der Winterpause im April stürmten ein Dutzend schwerbewaffnete Männer die Unterkunft von Chans Firma im Dorf und verschleppten 15 Mann. Die meisten kamen in den nächsten Wochen frei, sobald ihre Familien tausende Dollar Lösegeld gezahlt hatten. Chan war als Mitinhaber der Baufirma besonders viel wert. Zehn Tage lang wurde er in einem acht Meter tiefen Brunnenschacht gefangengehalten, wo ihm das kalte Wasser bis zu den Knien stand. Ein andermal wurde er kopfüber aufgehängt, er wurde geschlagen und zu Scheinexekutionen geschleppt. «Ich bin tausend Tode gestorben. Ich dachte, ich komme da nie mehr raus und sehe meine Familie nie wieder.»
Die Entführer hielten ihm vor, für «Ungläubige» zu arbeiten und «unreines» Geld einzustreichen. Anfang Juni hatte Chans Familie bei Freunden und Verwandten das Lösegeld zusammengekratzt, nach seinen Angaben 100'000 Dollar, und Mittelsmännern übergeben. Nach zwei Monaten und fünf Tagen Gefangenschaft wurde er freigelassen. «Er hat unvorstellbar gelitten. Seine Familie hat alles flüssiggemacht, um ihn freizubekommen, bis zum letzten Pfennig», sagt Steffensen.
«Niemand, der bei Verstand ist»
Chan verkaufte sein Haus und bat alle um Hilfe, die an der Fertigstellung der Strasse Interesse hatten. Doch weder die Chinesische Eisenbahngesellschaft noch das Bauministerium noch die Entwicklungsbank halfen, die Schulden abzutragen. Zugleich drangen Ministerium und Chinesen darauf, die Arbeit fertigzustellen. Als das Innenministerium ankündigte, mit 500 Polizisten die Sicherheit für die Strassenbautrupps zu verstärken, stimmte er zu. Doch ein Teil der Verstärkung wurde nach Ministeriumsangaben vom Provinzgouverneur und seinem Polizeichef abgezwackt, auch ein grosser Teil der neuen Kalaschnikows und der Lkw der Polizeitruppe blieben auf der Strecke.
Im September wurde die Baustelle wieder überfallen. Zwei Polizisten wurden getötet, eine Baumaschine brannte ab. Chan konnte fliehen. Ob er noch einmal zurückkehrt, ist fraglich. Die Chinesen hätten nur einen Bruchteil seiner veranschlagten Kosten bezahlt, so dass er mit Zehntausenden für Lohn und Maschinenmiete in der Kreide stehe, klagt er. Die Entwicklungsbank hat inzwischen den Vertrag mit den Chinesen gekündigt. Einen Nachfolger zu finden, dürfte schwierig werden. «Niemand, der bei Verstand ist, will dort oben arbeiten», räumt Steffensen ein. (sam/ap)
Erstellt: 23.11.2009, 14:28 Uhr
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