Ausland

Wo steht Hamid Karzai wirklich?

Aktualisiert am 06.04.2010

Mit der Drohung sich den Taliban anzuschliessen, sorgte der afghanische Präsident für Aufregung. Jetzt kommt die grosse Bewährungsprobe.

«Afghanistan gehört uns»: Hamid Karzai vor der unabhängigen Wahlkommission Afghanistans Anfang April.

«Afghanistan gehört uns»: Hamid Karzai vor der unabhängigen Wahlkommission Afghanistans Anfang April.
Bild: Keystone

Auf den ersten Blick könnte man den zornigen Ausbruch des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai vom Wochenende als Ausrutscher abtun. Doch Karzai hat beim Besuch von US-Präsident Barack Obama sein Gesicht verloren und muss den Afghanen jetzt zeigen, dass er keine Marionette Washingtons ist. Vor diesem Hintergrund ist wohl seine Drohung zu sehen, sich den Taliban anzuschliessen, wenn die Ausländer sich weiter einmischten.

In den USA und den übrigen NATO-Staaten, deren Soldaten in Afghanistan ihr Leben aufs Spiel setzen, sorgt diese Äusserung für Irritationen. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die US-Streitkräfte mit Blick auf eine im Sommer geplante Nato-Offensive gegen die Taliban in Kandahar eine engere Zusammenarbeit anstreben.

Schon seit Monaten schäumt Karzai über die - wie er es sieht - Bevormundung aus Washington. Er setzt darauf, dass es seinem Ansehen daheim nutzt, wenn er den Fremden die Schuld an Problemen gibt. Das Risiko scheint gering, da es zu ihm keine Alternative gibt. Doch die offenen Differenzen könnten sich zu einem ernsten Problem für beide Seiten auswachsen.

Drohung mit den Taliban

Karzais Stern im Westen sinkt schon seit längerem. Bei seinem Kurzbesuch in Kabul nahm Obama ihn sich erneut vor und drang auf Fortschritte bei der Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft. Karzai brütete drei Tage lang über den Vorwürfen, dann keilte er zurück: Die UNO und die internationale Gemeinschaft hätten hinter dem Wahlbetrug voriges Jahr gesteckt und wollten seine Autorität untergraben.

Weitere zwei Tage später sagte er nach Angaben mehrerer Teilnehmer vor Parlamentariern, wenn die ausländische Einmischung nicht aufhöre, würde aus dem Aufstand der Taliban ein rechtmässiger Widerstand werden, dem er selbst sich möglicherweise anschliessen würde. «Wenn ich vom Ausland unter Druck gesetzt werde, könnte ich mich den Taliban anschliessen», gab der Abgeordnete Faruk Marenai am Sonntag die Worte des Präsidenten wieder. Aus einer Rebellion gegen die rechtmässige Regierung in Kabul würde dann Widerstand gegen eine ausländische Besatzung werden.

Standpunkte klar

Am Montag versicherte Karzai dann, er habe nicht die Absicht, mit Washington zu brechen. «Es soll nur klar sein, dass wir alle wissen, wo jeder von uns steht», sagte er CNN. «Afghanistan ist die Heimat der Afghanen, es gehört uns. Und unsere Partner sind hier, um in einer Sache zu helfen, die ganz die unsere ist. Wir führen dieses Land, die Afghanen.»

Die Taliban-Drohung war den Abgeordneten zufolge offensichtlich nicht ernst gemeint, sondern eher Ausdruck von Karzais Zorn über den internationalen Druck, sich endlich solcher Themen wie Korruptionsbekämpfung und Wahlrechtsreform anzunehmen. Aus seiner Umgebung heisst es, der Präsident halte die Korruptionsvorwürfe für einen Vorwand, seine Regierung zu diskreditieren und davon abzulenken, dass die meisten der Milliarden an internationalen Hilfsgeldern von den Gebern selbst verschwendet worden seien.

Differenzen über Verhandlungen mit Taliban

Frustriert ist Karzai ausserdem darüber, dass die USA Verhandlungen mit Taliban-Führern nicht billigen wollen. Die US-Regierung ist gern bereit, einfache Taliban-Kämpfer mit Belohnungen zum Seitenwechsel zu bewegen, hält Verhandlungen mit deren Anführern aber für zwecklos, solange die Aufständischen zu siegen glaubten. Der afghanische Präsident argwöhnt, dass die Amerikaner oder die Pakistaner die Verhaftung des zweitwichtigsten Taliban-Kommandeurs inszenierten, mit dem er verhandelt hatte, um die Gespräche zu sabotieren.

Einige afghanische Politiker allerdings fürchten, dass Karzai mit seinem Ausbruch sein Blatt überreizt haben könnte. «Das war eine unverantwortliche Rede von Präsident Karzai», kritisierte der abgeordnete Sardar Mohammed Rahman Ogholi. «Karzai fühlt sich isoliert und ohne politische Verbündete... Der Kampf gegen Terrorismus, Korruption und Drogen erfordert eine starke Regierung. Unglücklicherweise ist die Regierung Karzai zu schwach, um all diese Elemente zu bekämpfen.»

«Souveränität demonstrieren»

Gemeinsam mit hohen Nato-Offizieren besuchte Karzai am Sonntag Kandahar und versicherte bei einer Versammlung von rund 2000 Stammesführern, die im Sommer erwartete Offensive gegen die Taliban werde nur mit Unterstützung der Menschen dort stattfinden.

«Afghanistan wird in Ordnung kommen, wenn die Menschen darauf vertrauen, dass ihr Präsident unabhängig ist und keine Marionette», sagte er vor Stammesführern. «Wie müssen unsere Souveränität demonstrieren. Wie müssen zeigen, dass wir für unsere Werte einstehen.» (jak/Robert Reid und Steven Hurst, ddp)

Erstellt: 06.04.2010, 16:50 Uhr

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