«Ägypterinnen sind stark»

In Ägypten haben die Demonstranten einen weiteren Sieg errungen: Mubaraks Ministerpräsident Ahmed Shafik wurde abgesetzt. Ohne Einbezug der Frauen, sagt Genderforscherin Sarah Farag, werde die Demokratisierung aber nicht gelingen.

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Auf Bildern von den Demonstrationen im arabischen Raum sind viele Frauen zu sehen. Wie stark nehmen sie an der Revolution teil?

Vor allem in den grossen Städten sind die Frauen massgeblich an den politischen Umwälzungen beteiligt. Die Frauen wollen mitbestimmen, was mit ihrem Land passiert, sie wollen sich am Aufbau einer neuen Gesellschaft beteiligen. In Ägypten, wo ich während der Demonstrationen selbst war, waren sie oft auch Anführerinnen von Demonstrationszügen und Bewegungen.

Vor der Revolution sind aber Frauen auch in Ägypten selten in politischen und wirtschaftlichen Prozessen aufgefallen.

In Ägypten gibt es eine strikte Trennung zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre. Während die Männer klar die Öffentlichkeit dominieren, ist der Wirkungsbereich der Frau das Haus. Das heisst nicht, dass Frauen immer in der schwächeren Position sind, Ägypterinnen gelten als sehr starke Frauen. Sie agieren im Hintergrund und nehmen über ihre Männer und Söhne Einfluss auf Entscheidungen ausserhalb des Haushaltes. Ausserdem studieren bereits heute deutlich mehr Frauen als Männer.

Sind es demzufolge vor allem jüngere Frauen, die auf die Strasse gingen?
Die Proteste wurden zu Beginn sicherlich vor allem von der Jugend vorangetrieben. In der jüngeren Generation sind strukturelle Veränderungen spürbar, jüngere Frauen sind besser ausgebildet, wollen am öffentlichen Leben partizipieren und haben auch gegen den Willen ihrer Eltern an den Demonstrationen teilgenommen. Aber gerade weil es keinen Oppositionsführer mit einem Revolutionsprogramm gab, haben sich die unterschiedlichsten Gruppierungen beteiligt. Die Grenzen gesellschaftlicher Kategorien wurden gesprengt, Menschen jeglicher sozialer und religiöser Herkunft, aus unterschiedlichen Bildungs- und Altersschichten haben sich gemeinsam gegen die Diktatur aufgelehnt. Entscheidend war allein die gemeinsame ägyptische Identität.

Unterstützen die Männer das politische Engagement der Frauen?

Als Frau in Ägypten hat man es schwer in einer Ansammlung von Männern, oft wird man sexuell belästigt. Aber während der Demonstrationen habe ich zum ersten Mal erlebt, wie Frauen voll und ganz respektiert wurden. Gerade bei Gewaltanwendungen seitens der Polizei haben sich die Männer stark mit den Frauen solidarisiert. Frauen wie Männer wollen eine demokratische Gesellschaft aufbauen. Die Männer wissen, dass dieser Prozess nur erfolgreich sein kann, wenn die Frauen einbezogen werden. Jetzt kursieren im Internet Anleitungen, die beschreiben, wie man sich in einer freien, demokratischen Gesellschaft verhalten soll. Da stehen ganz triviale Dinge wie beispielsweise, dass man den Abfall nicht auf die Strasse werfen soll, aber eben auch, dass Frauen nicht belästigt werden dürfen.

Das islamische Recht der Scharia bildet die Grundlage des ägyptischen Familienrechtes. Muss sie abgeschafft werden, damit Frauen vermehrt in die Öffentlichkeit treten können?

Die Parteien und politischen Strömungen beurteilen die Scharia unterschiedlich. Es wird im Moment darüber diskutiert, ob sie als Rechtsgrundlage gänzlich abzuschaffen sei oder beibehalten wird. Ich denke nicht, dass die Scharia per se die Frauen daran hindert, in die öffentlichen Sphären der Gesellschaft einzudringen.

Was muss jetzt für die Rechte der Ägypterinnen getan werden?

Zunächst braucht es eine angemessene Verfassung. Die Gesetzeslage muss verbessert werden, damit Frauen ihre Rechte einfordern können, und das Bildungssystem muss ausgebaut werden. Es braucht aber auch Kontrollinstanzen, die die Einhaltung bereits bestehender Gesetze garantieren. In Ägypten sind Jungen und Mädchen schulpflichtig. Mädchen werden aber viel öfter aus der Schule genommen und verheiratet. Falls ein Beamter überhaupt nachfragt, wird er einfach bestochen.

Wie geht es weiter? Werden Frauen in die Bildung einer neuen politischen Ordnung einbezogen?

Mubaraks Regime liess keine politische Anteilnahme der Bevölkerung zu, auch nicht der Männer. Jetzt entstehen viele neue Parteien und Gruppierungen. Wollen sie eine demokratische Gesellschaftsordnung aufbauen, werden sie sich genderspezifischer Anliegen annehmen müssen. Aber es ist nicht zu erwarten, dass dieser Aufbau rasch und problemlos vor sich geht. Zuerst müssen die Weichen gestellt werden, um eine fruchtbare Diskussion über Frauenrechte führen zu können.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2011, 15:40 Uhr

Lic. phil. Sarah Farag ist Islamwissenschaftlerin und Genderforscherin am Orientalischen Seminar der Universität Zürich.
Die Protestbewegung hat sie hautnah in Ägypten miterlebt.

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