Ausland

Der rechte Revolutionär

Von Daniel Raisbeck. Aktualisiert am 01.02.2012 1 Kommentar

Newt Gingrichs politische Karriere ist ein ständiger Kampf gegen das Establishment. In seinen Mitteln ist der überzeugte Republikaner meist unzimperlich.

Newt Gingrich (rechts seine Ehefrau Callista) war mitte der Neunziger Jahre als Sprecher des Repräsentantenhauses auch für Republikaner eine Reizfigur.

Newt Gingrich (rechts seine Ehefrau Callista) war mitte der Neunziger Jahre als Sprecher des Repräsentantenhauses auch für Republikaner eine Reizfigur.
Bild: Keystone

Eine Woche hatte ich im American Enterprise Institute, einem konservativen Washingtoner Thinktank, gearbeitet, als ich Newt Gingrich zum ersten Mal traf. Sogar unter der Sommerhitze Washingtons trug er einen dunklen Geschäftsanzug mit Krawatte. Sein Jackett, wie üblich zugeknöpft, um seine weit ausgedehnte Gürtellinie zu verbergen, wirkte leicht schäbig, wie man es von verschrobenen Akademikern kennt. Dieser Eindruck wurde von seinen zerzausten grauen Haaren unterstrichen. Doch sein gemessenes Gebaren brachte das zum Ausdruck, was die Römer «auctoritas» nannten.

Gingrich lud mich ein, ihn zu einem Vortrag zu begleiten. Im Fond eines grossen, amerikanischen Autos redeten wir Spanisch, eine Sprache, die er während seiner wenigen freien Stunden lernte. Ich vermute, dass er weniger an Cervantes oder Borges interessiert war, sondern als schlauer Stratege an die wachsende hispanische Minderheit in den USA dachte. Bald schalteten wir auf Englisch um.

In der politischen Wüste

Eines Tages erwähnte ich meine Bewunderung für Winston Churchill. Gingrich wurde nachdenklich. Er sagte, man müsse gewiss «kolossal tapfer» sein, um seiner eigenen Partei entgegenzutreten, so wie es Churchill getan habe. Er selbst sah sich seit seinem Rücktritt aus dem Abgeordnetenhaus 1998 in der politischen Wüste – ganz wie sein Vorbild Churchill vor seiner überraschenden Wahl zum Premierminister. Gingrich wartete auf das, was Ronald Reagan einmal ein «Rendezvous mit dem Schicksal» genannt hat.

In seinem Aufsatz «Politik als Beruf» unterscheidet Max Weber zwischen der Autorität des Patriziers, der des charismatischen Demagogen und derjenigen des Staatsdieners. Die laufenden Vorwahlen der Republikanischen Partei haben sich bisher als Wettbewerb zwischen zwei Kandidaten erwiesen, welche die beiden ersten Kategorien geradezu lehrbuchmässig verkörpern.

Einerseits ist da Mitt Romney, der ehemalige Gouverneur von Massachusetts, geborener Patrizier und Liebling des republikanischen Establishments. Als Sohn aus reichem Hause verbrachte Romney seine Jugendjahre in einem Internat, bevor er in Harvard studierte. Er ist frommer Mormone, mustergültiger Ehemann und Vater von fünf Söhnen, ganz zu zu schweigen von seinem Erfolg als Geschäftsmann. Seine Tugenden glichen denen der ersten Siedler, der Männer auf der «Mayflower», schreibt Rich Lowry, der Chefredaktor der konservativen «National Review». Obschon er Mormone sei, verkörpere Romney den Prototyp des weissen, angelsächsischen Protestanten, «ein Urbild, das eigentlich vor Jahrzehnten schon seinen Platz in der amerikanischen Kultur verloren hat».

Kleinbürgerliche Herkunft

Ihm gegenüber steht Newt Gingrich, ein Populist, dem es gelungen ist, vom Geschichtsprofessor am obskuren West Georgia College zum konservativen Revolutionshelden aufzusteigen. Anders als Romney stammt Gingrich aus dem Kleinbürgertum. Nachdem sein leiblicher Vater die Familie verlassen hatte, wurde er vom zweiten Ehemann seiner Mutter adoptiert. Sein Stiefvater war ein Lastwagenfahrer, der oft in Kneipenschlägereien verwickelt war, bevor er als Infanterist rekrutiert wurde.

Von nun an folgte die Familie dem Vater, ob in Amerika oder im Ausland. Gingrichs Mutter litt unter der Unbeständigkeit des Soldatenlebens, sodass seine Kindheit nicht gerade unter idealen Bedingungen verlief. Da er äusserst kurzsichtig war, verbrachte er seine Zeit vor allem mit dem Lesen von Geschichtsbüchern und dem Anschauen von Western. Mit den rauen Siedlern des amerikanischen Frontierlands konnte er sich identifizieren.

Nach einer frühen Ehe mit seiner sieben Jahre älteren Geometrielehrerin begann Gingrich sein Geschichtsstudium in Atlanta. Während viele seiner Kommilitonen an der Revolution der Gegenkultur teilnahmen, war Gingrich mit der Erziehung zweier Töchter beschäftigt. Und doch bereitete er sich darauf vor, seine eigene Revolution in Gang zu setzen. Seine intellektuelle Schlagkraft und Aggressivität waren genau die Eigenschaften, die einer republikanischen Partei fehlten, die sich seit 1952 mit ihrer Rolle als Minderheit im Kongress abgefunden hatte.

Republikanischer Vorreiter

Im Gegensatz zu vielen seiner Parteikollegen war Gingrich, nachdem er 1978 zum ersten Mal ins Repräsentantenhaus gewählt worden war, fest entschlossen, die Demokraten von der Macht zu vertreiben. Er begann, eine Splittergruppe von Jungtürken um sich zu sammeln, mit denen er auch das Establishment der eigenen Partei angriff. Mit der Zeit wurden die Medien auf ihn aufmerksam, vor allem, als er sich mit etablierten Politikern wie dem damaligen demokratischen Sprecher des Repräsentantenhauses, Jim Wright, oder dem republikanischen Präsidenten George H. W. Bush anlegte.

Vor der Zwischenwahl 1994 schrieb Gingrich seinen «Vertrag mit Amerika», einen Zehn-Punkte-Plan, der finanzpolitische Frugalität, die Renaissance der traditionellen Familie sowie eine Entmachtung der Washingtoner Berufspolitiker versprach. Das Ergebnis war ein erdrutschartiger Sieg für die Republikaner. Der demokratische Präsident Bill Clinton, seit zwei Jahren im Weissen Haus, stand nun einem feindlich gesinnten Kongress gegenüber. Newt Gingrich wurde der erste republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses seit über 40 Jahren. «Time» kürte ihn zum «Mann des Jahres».

Gingrich ist ein glänzender Redner. Es kommt vor, dass seine Rede die fliessende Form eines Vortrags oder einer Unterhaltung annimmt, ganz ohne Notizen oder den Teleprompter, den Barack Obama so schätzt. Jede seiner Ansprachen enthält immer wiederkehrende Begriffe, bewusst gewählt, um das Publikum anzuregen und politische Gegner zu provozieren: «die Washingtoner Elite», «die liberalen Medien», «Staatsbürokraten», «aktivistische Richter», «militanter Säkularismus», «der extrem linke Flügel der Demokratischen Partei». Dadurch gelingt es Gingrich, ein konservatives Amerika darzustellen, das stets unter einer Bedrohung steht, die nur er selbst bekämpfen kann.

Sich selbst im Weg

Oftmals stand sich der Feuerkopf Gingrich selbst im Weg. Seine Amtszeit als Mehrheitsführer war hässlich, brutal und kurz. Obwohl er seinen grossen Gegner, den damaligen Präsidenten Bill Clinton, zwang, den Haushalt zu sanieren, erinnert man sich an seine Amtszeit hauptsächlich wegen seiner voreiligen Entscheidung, die Regierung im Herbst 1995 drei Wochen lang lahmzulegen. Auch warf man ihm vor, dass er den Präsidenten wegen dessen Affäre mit Monica Lewinsky gnadenlos verfolgte, obwohl er selbst zur selben Zeit eine aussereheliche Beziehung mit einer 23 Jahre jüngeren Mitarbeiterin unterhielt, seiner heutigen Ehefrau.

Nachdem die Republikaner 1998 ihre Mehrheit wieder verloren hatten, trat Gingrich unter dem Druck seiner Kollegen zurück. Seitdem ist er immer wieder durch mutige und unkonventionelle Ideen aufgefallen, durch die er die Probleme Amerikas im 21. Jahrhundert lösen will. «Gescheiterte Staatsbürokratien» möchte er umgestalten – durch die Anwendung von Methoden aus der «Welt, die funktioniert». Damit meint er das private Unternehmertum. In einer Vielzahl von Büchern, Artikeln und Dokumentarfilmen hat Gingrich Reformmassnahmen empfohlen: Im Gesundheitswesen will er die Kosten durch die Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien mindern; Unternehmer will er ermutigen, den Mond zu kolonisieren. Gerichte sollen die Verfassung wieder buchstabengetreu auslegen. Und Englisch soll per Gesetz zur offiziellen Sprache Amerikas erklärt werden.

«Ein-Mann-Orchester»

Schöpfungskraft und Disziplin gehen selten Hand in Hand, und Gingrich ist gewiss eher schöpferisch als diszipliniert. Genau das machen ihm seine Gegner zum Vorwurf. Letzte Woche hat Bob Dole, der die Präsidentschaftswahl 1996 gegen Bill Clinton verlor, seine Niederlage Gingrich angelastet. Der habe als Sprecher des Repräsentantenhauses als «Ein-Mann-Orchester» agiert. «Entweder man tat, was er befahl, oder man tat gar nichts.» Der Präsidentschaftskandidat Rick Santorum klagte, als Abgeordneter habe Gingrich «eine Idee pro Minute» gehabt, doch keine davon ausgeführt.

Gingrichs grösstes Problem ist derzeit aber nicht seine frühere Unbotmässigkeit als Sprecher oder sein turbulentes Privatleben. Es sind seine Geschäfte, die ihm Schwierigkeiten machen. Nach seinem Rücktritt baute er ein Geschäftsimperium auf, das inoffiziell «Newt Inc.» genannt wird. Im letzten Jahrzehnt soll er damit 100 Millionen Dollar Gewinn gemacht haben, berichtet die «Washington Post». Keine kleine Summe für einen Mann, der selbst immer wieder das Establishment angreift. Ausserdem beriet er jahrelang die staatliche Hypothekenbank Freddie Mac, die 2008 vom Steuerzahler gerettet werden musste. Er habe die Firma vor ihren Fehlern gewarnt, rechtfertigte sich Gingrich.

Trotz solchen wenig glaubhaften Ausreden ist Gingrich wie Abraham Lincoln, Winston Churchill und Margaret Thatcher – Politiker, die er verehrt – immer dann in Höchstform, wenn er sich in der Defensive befindet. Während der laufenden Vorwahlen ist er zweimal aus dem Nichts wieder aufgetaucht, nachdem seine Kampagne schon kurz vor dem Ende stand.

Max Weber glaubte, der Populist sei im modernen Verfassungsstaat «der Typus des führenden Politikers im Okzident». Newt Gingrichs Sieg über Mitt Romney in South Carolina hätte Weber kaum überrascht. Ob der Mann, der de facto Anführer der Tea Party ist, am Ende über das Establishment triumphieren kann, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen.

Daniel Raisbeck ist ein kolumbianischer Historiker. Er lebt in Berlin und Bogotá. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.02.2012, 10:00 Uhr

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1 Kommentar

Jethor Gerisler

01.02.2012, 16:01 Uhr
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Newt Gingrich mit Lincoln, Chruchill und Thatcher zu vergleichen - was für ein Witz! Herr Raisbeck hätte durchaus auch Gingrichs Schwulenfeindlichkeit, seinen Rassismus und seine bodenlose Heuchelei thematisieren können. Er hat nämlich seine erste und zweite Ehefrau verlassen während sie schwer krank waren. Daniel Raisbeck hat sich damit selbst lächerlich gemacht. Antworten



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