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70 Jahre nach Kriegsausbruch: Die Polen wollen immer noch Helden sein
Von Claudio Habicht. Aktualisiert am 02.09.2009
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Was, wenn Polen nicht gekämpft hätte?
Hätte man die Niederlage Polens 1939 verhindern können? Diese provokative Frage stellt der Essayist Tomasz Lubienski in einen neuen Buch über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Er stellt verschiedene Szenarien auf, wie die Geschichte einen anderen Ausgang genommen hätte. So hätte Polen auf die Forderungen Hitlers eingehen und Danzig sowie den Korridor (ein ehemals deutscher Landstrich, der nach 1918 polnisch wurde) an das Deutsche Reich abtreten können, hätte dafür aber als Vasallenstaat mit Deutschland die Sowjetunion angreifen müssen.
Ein weiteres Szenario wurde polnischen Schülern in der Stalin-Zeit eingetrichtert: Die polnische Regierung hätte eine Allianz mit der Sowjetunion, England und Frankreich anstreben sollen. In einem Interview mit der Zeitschrift «Przekroj» betont Lubienski jedoch, dass Polen letztlich keine andere Wahl hatte, als in den Krieg zu ziehen. «Ein wenig pathetisch gesprochen, kann man den 1. September und die Tatsache, dass Polen Hitler widerstanden hat, als Sühne für die Zweite Republik betrachten. Polen hatte sich als Land wie eine Grossmacht aufgeführt: ziemlich brutal gegenüber seinen schwächeren Nachbarn und Minderheiten, die für die Polen ein grosses Problem darstellten.»
Wohl in keinen anderem Land Europas löst der 70. Jahrestag des Kriegsausbruchs so viel Emotionen aus wie in Polen. Während dieses dunkle Kapitel für die meisten Deutschen, Franzosen oder Briten mittlerweile Geschichte ist, stecken die Polen immer noch im Aufarbeitungsprozess: Geht man durch polnische Städte, stösst man an jeder Strassenecke auf Marmortafeln, die den Opfern der deutschen Besetzung gedenken; Kriegsmuseen wie das «Museum des Warschauer Aufstands» erfreuen sich grosser Beliebtheit. Der konservativen Tageszeitung «Rzeczpospolita» liegt sogar jedes Wochenende eine Beilage über die grössten Schlachten des Kriegs bei. Dieser ist im Gedächtnis der Polen noch immer allgegenwärtig.
So verwundert es nicht, dass im Vorfeld des heutigen Jahrestags alte Wunden aufgerissen worden sind: Seit Wochen debattieren die polnischen Medien heftig über deutsche und russische Versuche, die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs umzudeuten. Den Deutschen wird unterstellt, sie wollen sich – wegen der Vertreibung Millionen Deutscher aus den Ostgebieten nach Kriegsende, die heute zu Polen gehören – in die Opferrolle drängen. Die Russen sind in der Kritik, weil sie ihre Mitschuld am Zweiten Weltkrieg nicht eingestehen (Die Nazis und die Sowjets teilten sich Polen vertraglich auf).
Polen in der Opferrolle
Für die Polen ist klar, dass sie die Opfer – und die Deutschen sowie die Russen die Henker sind. Das unterstrich heute auch Präsident Lech Kaczynski an der Gedenkfeier bei Danzig. «Nicht Polen muss sich in Demut üben, dafür haben wir keinen Grund. Das müssen andere tun: Jene, die den Krieg führten und ihn ermöglicht haben.» Kaczynskis Festhalten an der Opferrolle ist symptomatisch für die Volksmeinung: Für viele Polen gibt es keinen Grund, die eigene Rolle im Krieg zu überdenken, was anhand der Fakten auch nachvollziehbar ist. Sechs Millionen Menschen, rund 17 Prozent der Gesamtbevölkerung, starben; Hunderttausende wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet und wie Sklaven gehalten, viele Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht, ein Grossteil der Kulturgüter vernichtet.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die Polen auch heute noch als Helden sehen, die im Krieg mehr als alle anderen Völker litten, sogar mehr als die Juden. Das zeigt eine Umfrage des renommierten Instituts Pentor. Polnische Kriegsverbrechen werden jedoch fast gänzlich verdrängt, so die Kollaboration mit den Nazis und Übergriffe auf Juden. So glauben 37 Prozent der Befragten, Deutsche hätten das Massaker an 400 Juden im Dorf Jedwabne verübt. Nur 18 Prozent geben an, es seien Polen «unter deutscher Aufsicht» gewesen. Dabei ist seit 2001 klar, dass es ein polnischer Angriff war (in vielen Fällen halfen Polen jedoch auch, Juden vor den Nazis zu verstecken).
«Romantischer Kriegs- und Heldenmythos»
Der bekannte Publizist Adam Krzeminski kritisiert das Festhalten an der polnischen Opferrolle. «Die unkritische Heroisierung unserer Kämpfe im 20. Jahrhundert sind ein padägogisches Problem.» Wie soll Polen die Beziehungen zu seinen Nachbarn verbessern können, wenn die Erziehung der Jugend auf solchen Reflexe beruhe? Dieser Meinung ist auch Maria Janion, Literaturhistorikerin und eine der führenden Intellektuellen in Polen. «Der romantische Kriegs-, Helden und Märtyrermythos hält an, ohne jegliche Besinnung», sagt sie. Sie glaubt nicht, dass sich dies bald ändern wird. «Unsere Kulturdominante ist der Heldenmythos. Es wird schwierig, sich von diesem zu befreien. Da helfen keine Bücher, und kein Geschichtswissen.» (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.09.2009, 13:47 Uhr
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