«Alex, für dich brennen wir Athen nieder»
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Am Morgen danach, als die Sonne aufgeht, liegt ein rosa Schimmer über der Akropolis, der allein der Morgenröte geschuldet ist. Vom Lycabettus-Hügel aus betrachtet liegt die Stadt unter einem, als trage sie ein weisses Laken, als habe sie alle Asche abgeschüttelt.
Gestern Nacht, war von hier oben aus ein unwirkliches Lodern und Flackern zu beobachten in der Schneise, die die Strasse vom Hügel hinunter in die Stadt schlägt – als wollten riesige Fackeln den Weg zur Akropolis festlich erleuchten. Es war nach Mitternacht, als sich die Tür eines Lokals öffnete, ein junger Mann herausgelaufen kam und uns am Arm griff. «Gehen Sie von der Strasse, mein Freund», sagte er, und dann, kopfschüttelnd: «Athen brennt.»
Morgendlicher Abstieg vom Hügel hinab in eine versehrte Stadt, die auch im Aufwachen nicht begreifen will, was da geschehen ist. Hie und da kokeln noch kleine Häuflein Asche, die die Taxifahrer im Slalom nehmen. Polizisten mit Trillerpfeifen an den Kreuzungen: Viele Ampeln wurden zerschlagen. Gebeugte Ladenbesitzer kehren ihre zu Eissplittern zerschlagenen Glastüren weg, in einem Geschäft liegt die mit Hämmern bearbeitete Türe noch als aus Millionen Kristallen geformter Glasteppich im Eingang. «Niemals», sagt einer, der im Türrahmen seines zerstörten Geschäfts steht. «Niemals hätte ich gedacht...» Seine Stimme bricht ab.
Wenn man die feine Skoufa nur eine Viertelstunde nach Nordwesten geht, gelangt man an den Ort, an dem alles begonnen hat: Exarchia. Das Viertel der Intellektuellen und Künstler. Das Viertel der vielen Buch- und Bioläden. Das Viertel der zornigen Jugend. Wandmalereien, Hammer und Sichel, das eingekreiste «A» der Anarchisten oder jener, die sich dafür halten. Hier hängt noch Tränengas in der Luft, hier haben sich Randalierer und Polizei bis in die Morgenstunden bekämpft. Hier ist, in einer kleinen Fussgängerzone, der Ort, an dem der 15-jährige Andreas Alexis Grigoropoulos von einer Polizeikugel in die Brust getroffen wurde.
Rund um einen kugelförmigen Poller ist eine Gedenkstätte entstanden: Töpfe mit Weihnachtssternen, Rosensträusse, brennende Kerzen. Oben auf dem Poller, wie zum Zeichen, ein umgedrehter Vorschlaghammer. Vorbeilaufende bekreuzigen sich. «Wir werden dich nicht vergessen», steht auf einem der zwischen die Blumen gelegten Brieflein: «Und wir werden dafür sorgen, dass sie dich nie vergessen.»
An einer Plakatwand noch mehr Briefe: «Rache ist unser Glück» – «Mein kleiner Alex. Für dich brennen wir Athen nieder. Für dich brennen wir alle nieder, die nicht verstehen wollen.» Dieser letzte Brief datiert vom Montag. In den Abendstunden dieses Tages gingen sie daran, ihre Versprechen wahr zu machen. «Griechenland ist in der grössten Krise seit dem Obristenregime 1974», glaubt der Schriftsteller Petros Markaris.
Tränengas und Schweldämpfe
Schon die Ankunft am Flughafen war Einstimmung. Taxifahrer, die sich weigerten, einen ins Stadtzentrum zu fahren. Polizisten, die mit der Achsel zuckten: «Zahlen Sie ihm ein neues Auto, wenn es ausbrennt?» Zu dem Zeitpunkt, abends um halb sieben, war eigentlich lediglich eine reguläre Demonstration der Linken angesetzt. Aber in Athen marschieren heute Wut und Gewalt stets mit. Die Randalierer nahmen die friedlichen Demonstranten als Deckung. Die Polizei reagierte. Bald lag eine Decke von Tränengas über dem Stadtzentrum, eine Decke, die im Verein mit den Schweldämpfen der schmelzenden Müllcontainer an jeder Ecke dafür sorgten, dass bald die halbe Stadt vermummt durch die Strassen lief.
Ecke Kolonaki-Platz und Skoufa-Strasse. Eine vornehme Wohngegend, eine edle Einkaufsstrasse, ein perfektes Ziel. Der erste Angriff. Zuerst hört man sie - anschwellende Schläge gegen Türen und Fenster kündigen ihr Kommen an, dann liefen sie über den Platz. Junge Leute, die ältesten Mitte zwanzig. Motorradhelm, Skimütze oder Palästinensertuch vor dem Gesicht trägt nicht einmal die Hälfte, dem Rest ist es egal, ob man sie sieht. Diese Nacht würde ihnen gehören.
Dann beginnt das Konzert der Hämmer und Stöcke: rhythmische Schläge, klirrendes Glas, die hysterisch heulenden Alarmanlagen der angegriffenen Autos, schnell überlagert von den kräftigeren, langsameren Sirenen der Geschäfte. Ein Konzert, das schnell in einen sich fortpflanzenden Kanon überging, mit immer neuen Wagen, immer neuen Ladentüren, die im Minutentakt zertrümmert wurden. Einer streckte seinen Arm durch das Loch in der Scheibe eines Ladens namens Celestino und nahm der Schaufensterpuppe die Tasche weg. Zurück blieb eine Modepuppe, die unter Perlenkette und Pelzjäckchen ein Che-Guevara-T-Shirt trug. Kolonaki-Schick.
Bald brennt Athen. Angesteckt werden dabei allerdings nur selten Läden und Gebäude. Die grösste Fackel ist der Weihnachtsbaum der Stadt Athen: Opfer der Schlacht, die sich die Autonomen dort mit der Polizei lieferten (nicht ohne zwischen zwei Steinwürfen das Feuerwerk mit der griechischen Version von «O Tannenbaum» zu begleiten.) Ansonsten trifft es vor allem die Müllcontainer: Sie brennen gut und sind als Barrikade zu gebrauchen.
Vor Vermummten läuft keiner weg
Bald rieselt es vielerorts von oben: Ganze Strassenzüge verwandeln sich in Sprinkleranlagen, weil die Anwohner versuchen, mit Schläuchen aus dem zweiten und dritten Stock auf eigene Faust die Feuer zu löschen. Von der Feuerwehr war oft so wenig zu sehen wie von der Polizei, die in der Skoufa-Strasse erst eine halbe Stunde nach dem Verwüstungszug eintraf.
«Der Anarchie ausgeliefert», wird am nächsten Tag eine Zeitung titeln, «Staat ohne Regierung», eine andere. Die Polizei entschuldigt ihre Zurückhaltung damit, dass man nicht weitere Todesfälle habe riskieren wollen. Viele Passanten streifen durch die Strassen: Schaulustige, Anwohner, friedliche Demonstranten. Wenn eine Gruppe Vermummter hammerschwingend heranprescht, läuft keiner weg. Sie wissen, nicht sie sind das Ziel, sondern die Schaufenster, vor denen sie stehen. Und wenn die dann eingeschlagen sind, ist das für nicht wenige der erste Moment in dieser Nacht, da sie das Handy vom Ohr nehmen – um ein Foto zu machen.
Xenia und Maria sind zwei Studentinnen, die mitmarschierten in der friedlichen Demonstration. Jetzt stehen sie in der Skoufa und schauen gebannt auf die brennenden Container. Eigentlich, sagt Xenia, möge sie keine Gewalt. «Doch ich bin glücklich. Etwas musste passieren. Die Gesellschaft musste aufwachen.»
«Die Wut», sagt Petros Markaris, der grosse alte Mann der griechischen Kriminalliteratur und scharfzüngige Gesellschaftskritiker, «die Wut ist gross.» Er glaubt nicht an das «Märchen» von 300 Linksradikalen aus dem Viertel Exarchia, die allein die Stadt in Brand gesetzt haben sollen. «Die Wut sitzt mittlerweile tiefer in diesem Land.» Er spricht von der Wut auf einen Staat, der einen ersticke mit Bürokratie und den Cliquen untereinander aufgeteilt haben: «Griechenland ist eine Gesellschaft geschlossener Kreise geworden. Jeder Kreis verteilt die Ressourcen nur an seine Leute. Und jeder Kreis hält das Land für sein Ebenbild.»
Korruption gab es immer im Land. «Aber nun werden die Zahlen ein paar Nummern zu gross. Und nie wird einer bestraft.» Hinzu kommen Wirtschaftskrise und wachsende Armut. Ein Zweitjob ist in Griechenland nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Der Zorn der Jugend. «Das war schon lange ein Topf, der kocht», sagt Andreas Delenikas von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen: «Da brauchte es nur einen Funken.» Als Schüler leben junge Griechen jahrelang alle in der Furcht vor den Universitäts-Aufnahmeprüfungen, die über ihre Zukunft entscheiden. «Es ist deine Pflicht, Erfolg zu haben mit 18 Jahren», sagt Delenikas: «Den meisten gelingt es nicht. Sie erfahren ihre erste grosse Niederlage und Enttäuschung mit 18.»Und die anderen? Stellen nach dem Uni-Abschluss fest, dass sie keine Arbeit bekommen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland liegt zwischen 25 und 30 Prozent. Und wenn sie eine bekommen, dann schlecht bezahlt, ohne Urlaub, ohne Sozialversicherung. Man nennt sie die «700-Euro-Generation».
Früher halfen die Eltern noch ihren Kindern. Heute sind die Eltern selbst verschuldet oder bangen um ihre Arbeit. Mit Folgen: «Die Erwachsenen tolerieren die Wut ihrer Kinder», glaubt Petros Markaris, «weil sie selbst gegen den Staat sind.» Egal ob Gewerkschaften, Regierung oder Opposition, allen gehe es nur um ihre Pfründe. Wer aber keine Hoffnung mehr hat und keinen Ausweg mehr sieht, dem bleibt nur die Wut. Wer zusieht, wie sich andere schamlos bereichern, schämt sich nicht, dort zuzuschlagen, wo der Reichtum sich zur Schau stellt.
Die Nerven der Polizei liegen blank
Der Funken. Am Samstagabend um neun Uhr schoss ein Polizist den 15-jährigen Andreas Alexis Grigoropoulos in die Brust. Der Junge verblutete an Ort und Stelle. Mehrere Augenzeugen schildern die Tat als kaltblütigen Mord. Der 37-jährige Polizist gehört zu den sogenannten Spezialwachen, die eigentlich nur zum Gebäudeschutz und nur unbewaffnet eingesetzt werden sollten. Er trug den Spitznamen «Rambo».
Auch Krimiautor und Polizeikenner Markaris weiss von anderen Fällen der Polizeigewalt, auch er ist überzeugt davon, dass es Mord war. Und doch will er der Polizei nicht alle Schuld geben. «Die Polizei ist nicht gut ausgebildet und hat mittlerweile alles Selbstvertrauen verloren. Den Polizisten wird aufgebürdet, was die Politik nicht lösen kann. Die Nerven liegen blank.» Im Fernsehen trat ein Einsatzleiter der Spezialeinheiten auf, die nun schon vier Nächte in Folge in die Strassenschlacht geschickt werden: Seine Leute bekämen 600 Euro netto, referierte der Beamte, Überstunden würden nicht bezahlt: «Was glauben Sie, was für eine Qualität Sie dafür bekommen?»
Im Stadtviertel Exarchia funktionierte lange Jahre eine stille Übereinkunft zwischen Polizei und linksautonomer Szene: Man liess sich und die anderen in Ruhe, meist. Bis vor drei Jahren der berüchtigte Polizeiminister Viron Polydoras antrat und versprach, er werde «Exarchia säubern». Der Rechtspopulist musste abtreten, doch der Schaden blieb: Seiner Politik der Konfrontation, so Markaris, sei die Vendetta zwischen Autonomen und Polizei entsprungen.
Dienstag in Athen. Der getötete Andreas Alexis Grigoropoulos stammte aus einer wohlhabenden Familie. Die Mutter war Schmuckhändlerin, der Vater Bauingenieur. Er besuchte eine Weile die Moraitis-Schule, eine der vornehmsten und teuersten Schulen Athens, bis seine Leistungen nicht mehr gut genug waren. Viele Jugendliche der autonomen Szene in Exarchia kommen aus der Mittelschicht. Athen ist nicht Paris. In Athens Vorstädten blieb es ruhig. In Athen brannte das Zentrum. Am Nachmittag wird Andreas Alexis Grigoropoulos beigesetzt. Tausende strömen auf die Strasse, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Dienstag in Athen. 190 Brände gelegt und gelöscht. 130 Läden zerstört. Einer davon ist Celestino am Kolonaki-Platz. Die Schaufensterpuppe mit dem Pelz ist noch da. Vor ihrer Brust, vor ihrem T-Shirt aber ein grosser Pappdeckel. Che Guevara sieht man nicht mehr.
Dienstag in Athen. Die einzigen Feuer, die im Moment brennen, sind die auf dem Campus der Polytechnischen Universität. Die Polizei geht hier nicht rein, das Universitäts-Asyl ist ein Erbe des Widerstandes gegen die Obristen-Herrschaft. Ein paar Gruppen von Jugendlichen sitzen um Lagerfeuer. Nicht alle machen sich die Mühe, sich zu vermummen. Bald ist wieder Nacht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.12.2008, 08:53 Uhr
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