Alter Hass in neuen Gewändern

Antisemitische Saubannerzüge schockieren Europa. Dabei entstellen sich die angeblichen Palästinenserfreunde, die das Schicksal der Palästinenser in Wahrheit nicht im Geringsten kümmert, selbst zur Kenntlichkeit. Ein Kommentar.

Postmoderner Antisemitismus: Schaurige Szenen sind dieser Tage in zahlreichen Grossstädten Europas zu beobachten (im Bild Paris)

Postmoderner Antisemitismus: Schaurige Szenen sind dieser Tage in zahlreichen Grossstädten Europas zu beobachten (im Bild Paris)

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Wie der Antisemitismus aussah, den Europas Politiker, Denker, Lehrer und Journalisten bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit jedem Recht zu bekämpfen begannen, ist klar: Er hatte das Gesicht Adolf Eichmanns, der die Endlösung der Judenfrage logistisch geplant hatte und 1961 von einem israelischen Gericht zum Tod verurteilt wurde. Später kam er unter anderem in Gestalt Jean-Marie Le Pens daher, des Gründers des rechten französischen Front National.

Heute ist beispielsweise noch der erzkatholische polnische Hetzer Janusz Korwin-Mikke ein Exponent des Antisemitismus alter Schule. Freilich hat ­dieser bei der Präsidentschaftswahl vor vier Jahren nicht einmal drei Prozent der Stimmen erhalten, was oberflächlichen Betrachtern darauf hinzudeuten schien, dass der Antisemitismus in seiner alten Form selbst in Osteuropa so gut wie tot war. Ihn zu bekämpfen war und ist verdienstvoll – und wurde doch, je länger Hitler tot war, zu einer Position, die bequem einzunehmen war.

Einen schweren Stand hatte dagegen, wer die neuen Spielarten des Antisemitismus benannte: Wer den Judenhass in arabisch-islamischen Immi­grantenmilieus thematisierte, wurde nicht selten als Rechtspopulist abgetan; wer darauf hinwies, dass an der linken Kritik an Israel einiges problematisch war und ist, dem wurde vorgehalten, jeden Kritiker des jüdischen Staates verunglimpfen zu wollen.

Neue Verbündete

Schaurige Szenen sind dieser Tage in europäischen Grossstädten zu beobachten: Eine buntscheckige Front von selbsterklärten Linken und desorientierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die glauben, ihr Heil in einem radikalen Islam suchen zu ­müssen, marschiert vor Synagogen auf, wirft Brandsätze, bedroht Juden. Und am Rande erhebt auch die alte, längst besiegt geglaubte Form des Antisemitismus wieder ihr Haupt, in Gestalt von Neonazis, die unverhofft neue Verbündete gewonnen haben. «Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein», lautet ein Schlachtruf, der in Deutschland aufkam und an die Schrecken der 1930er-Jahre erinnert. Die da meinen, so fürchterlich Gerichtstag über die Juden halten zu müssen, verkörpern den Antisemitismus in seiner postmodernen Form.

Wollte man in den schrecklichen Ereignissen der letzten Tage und Wochen etwas Positives entdecken, so ist es die Tatsache, dass sich die angeblichen Palästinenserfreunde nun endlich in einer Weise selbst zur Kenntlichkeit entstellt haben, dass auch der geistig trägste Betrachter begriffen haben sollte, worum es geht: Die angebliche Solidarität dieser Leute mit den Palästinensern hat sich in Wahrheit längst vom angeblichen Gegenstand des Interesses gelöst oder hatte – und dies trifft wohl in den meisten Fällen zu – mit ­diesem überhaupt nie etwas zu tun. «Das Interesse an der Palästinafrage kommt aus dem Interesse an der jüdischen Frage», zitiert die amerikanische Zeitschrift «The Nation» dieser Tage aus aktuellem Anlass den 2008 verstorbenen palästinensischen Lyriker Mahmud Darwisch. Anders gesagt: Die überwältigende Mehrheit derer, die dieser Tage in Europa gegen das israelische Vorgehen in Gaza protestieren, haben ein Problem mit den Juden. Das Schicksal der Palästinenser kümmert sie dagegen nicht im Geringsten.

Wo verläuft die Grenze?

Um Antisemiten, die sich unter dem Deckmäntelchen der Israelkritik verstecken, zu entlarven, muss man die Frage stellen, wo die Grenze zwischen Antisemitismus und berechtigter Kritik ­verläuft. Was kann, darf und muss man Israel im Umgang mit den Palästinensern vorwerfen? Sicher kann man monieren, dass Israel das Westjordanland nach wie vor besetzt hält und dass dort, unter dem Einfluss der Siedlerlobby, eine Politik betrieben wird, ­welche die mögliche Gründung eines palästinensischen Staates erschwert.

Doch etwas vergessen Israels ­Kritiker nur allzu gerne: Wenn es einen Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 gäbe, würde dann Friede zwischen Jordan und Mittelmeer herrschen? Wenig deutet darauf hin, schon gar nicht in diesen Tagen: Den Gaza­streifen hat Israel 2005 vollständig den Palästinensern überlassen, worauf sich die ortsansässige Bevölkerung in demokratischen Wahlen für die Hamas entschied, eine radikal-islamistische Bewegung, die dem jüdischen Staat, egal in welchen Grenzen, das Existenzrecht abspricht. Wozu die Herrschaft der Hamas bis jetzt führte, ist bekannt: Ständiger Raketenbeschuss, der Israel in Angst und Schrecken versetzt. Man muss keine Farm im Westjordanland besitzen, um als Israeli vor diesem ­Hintergrund einem weiteren Rückzug aus besetztem palästinensischem Land skeptisch gegenüberzustehen.

Und was bedeuten die jüngsten Ereignisse für Europa? So erschreckend der Anblick der antisemitischen Saubannerzüge auch ist, gibt es doch auch positive Zeichen: Der französische Präsident François Hollande, ein Sozialist, hat Israel in der jüngsten Gazakrise seine Unterstützung versichert. Wer die jüngere Geschichte der französischen Linken kennt, weiss, dass dies alles andere als selbstverständlich ist: Anlässlich der Präsidentschaftswahl 2002 hatte der linke Politologe Pascal Boniface den Sozialisten noch ganz offen den Rat gegeben, bei der Ausrichtung ihrer Nahost-Politik an die stetig wachsende Zahl muslimischer Wähler zu denken. Hollandes Standfestigkeit macht Hoffnung: Vielleicht sind die jüngsten antisemitischen Eruptionen für manche in Europa ein überfälliger Weckruf. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 29.07.2014, 11:19 Uhr)

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