Reportage

Am verstrahltesten Winkel der Welt

Die Gegend um Majak ist so verstrahlt wie Tschernobyl. Doch erst seit klar ist, dass auch deutscher Atom-Müll dort entsorgt werden soll und Schweizer AKW in Majak Uran aufbereiten lassen, schauen viele hin.

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Ich habe Angst, auch nur einen Fuss in diese Gegend zu setzen. Am liebsten trüge ich einen Anzug aus Blei und eine Atemmaske. Doch es wäre taktlos, hier wie auf einer Marsmission aufzutreten. Denn wo es mir vor einem Aufenthalt von wenigen Stunden schaudert, haben Tausende von Menschen ihr ganzes oder einen Grossteil ihres Lebens verbracht. Rund 20'000 Menschen wohnen immer noch da, die meisten von ihnen sind zu arm, um sich an einem sicheren Ort eine neue Existenz aufzubauen. So sind sie hiergeblieben: im Umkreis der Atomanlage Majak, in der Region Tscheljabinsk, am Ural im Südwesten Russlands. Diese Gegend konkurrenziert mit Tschernobyl um den unrühmlichen Titel «meistverstrahlter Ort der Welt».

In Majak explodierte 1957 ein Tank mit hochradioaktiver Flüssigkeit. 200 Menschen starben sofort, Tausende wurden verstrahlt, rund 15'000 Quadratkilometer Land kontaminiert. Offiziell über die Katastrophe informiert wurde erst rund 30 Jahre später.

Verseuchter Fluss

Jetzt sind wir hier, im Dorf Musljumowo, nur 30 Kilometer Luftlinie von der Majak-Anlage entfernt. Wir laufen über eine Wiese Richtung Fluss Tetscha. Sechs Journalisten, von der Umweltorganisation Greenpeace dazu eingeladen, sich vor Ort ein Bild von dem Ort zu machen, aus dem die Schweizer AKW Beznau und Gösgen einen Teil wiederaufbereiteten Urans für ihre Brennstäbe beziehen. Mit jedem Schritt knirscht unser Strahlungsdetektor etwas lauter. 20 counts pro Sekunde, 30, 40, 50. Links und rechts von uns ragt je eine Ruine; die eine war bis 1992 ein Internat für Kinder, die andere eine Mühle. Bei einer Pfütze unten am Fluss knarrt der Detektor laut: 100 counts pro Sekunde, 200, 300, am Flussufer: 400 – eine rund 20-mal höhere Strahlung als üblich.

Der Fluss Tetscha ist eine radioaktive Kloake. Die Umwelt ist hier nicht nur wegen des Tankunfalls verstrahlt, sondern auch weil jahrelang radioaktive Abfälle aus der Majak-Anlage hineingeleitet wurden, Millionen von Kubikmetern. Das war von 1949 bis 1956. Die grosse Frage lautet nun: Ist die Region heute nur wegen der alten Katastrophen dermassen verstrahlt, wie die Behörden sagen. Oder werden, das beklagen Umweltschützer, Wasser und Luft weiterhin von der nahen Uran-Wiederaufbereitungsanlage, den Plutoniumfabriken sowie dem atomaren Lager in Majak verseucht, Tag für Tag, bis heute?

Viele Krebskranke

Zwei Fussballtore rosten auf der Wiese vor dem einstigen Internat vor sich hin, ein kleiner Turnschuh liegt im Gras. Bis vor wenigen Jahren spielten Schulkinder hier, badeten Kinder und Erwachsene in diesem Fluss, tranken daraus, fischten, liessen ihr Vieh hier weiden, tränkten ihre Äcker mit Tetscha-Wasser. Die Menschen bekamen täglich erhöhte Strahlendosen von aussen ab. Dazu tranken sie die kontaminierte Milch, assen das verseuchte Fleisch, das selbst gezogene Gemüse.

Die Krebsrate, die Kindersterblichkeit und die Zahl vieler weiterer Krankheiten stiegen und stiegen – «und liegen bis heute weit über dem russischen Durchschnitt», sagt die Ingenieurin Natalia Mironowa, Präsidentin der russischen NGO «Bewegung für Atomsicherheit». Die 64-Jährige kämpft seit 20 Jahren gegen den Atombetrieb. «Die Behörden wollen uns überzeugen, dass wir nur alte Probleme haben», sagt sie, «aber wir messen aktuelle Verschmutzungen.» Jährlich würden zudem weitere Millionen von Kubikmeter radioaktiven Abfalls im künstlichen Deichsystem von Majak landen. «Doch der Erddamm hält nicht ganz dicht, ein Teil des Mülls gelangt weiterhin in die Tetscha.» Hinzu komme, dass am Grund des Karachai-Sees tonnenweise Plutonium-Müll lagere und allmählich via Grundwasser durchzusickern drohe. Noch gefährlicher ist der radioaktive Staub, der entsteht, wenn Teile des Sees austrocknen. Mit leicht gequältem Gesichtsausdruck beantwortet später der Minister für radioaktive Sicherheit der Region Tscheljabinsk, Konstantin Smolin, unsere Fragen. Er spricht von einem Monitoring der Region. «Die Grenzwerte werden nicht überschritten, sonst würden wir Alarm schlagen.»

Dutzende nah am Fluss gelegene Dörfer sind nach Jahrzehnten der Verseuchung evakuiert und zerstört worden. Doch bis zu diesem Tag ist die Tetscha zugänglich, manche der verbliebenen Bewohner tränken laut Mironowa dort ihr Vieh, nehmen weiterhin belastete Nahrung zu sich. Smolin versichert jedoch: «Wir pflanzen entlang den Flussböschungen stachlige Hecken.»

Zweifelhafte Umsiedlung

Ein alter Mann aus Musljumowo steht auf einer Kreuzung, ein Protestplakat in der Hand. «Rosatom (die russische Atomaufsicht), nimm die Atomabfälle weg, bring die Leute weg», hat er darauf geschrieben. Der Demonstrant weint, sobald er zu reden beginnt. Fast alle Menschen hier seien krank oder gestorben. Später zeigt er uns einen Ausweis: Rawil Galyautdinow, geboren 1940. Darüber als erster Eintrag: «Auf kontaminiertem Territorium lebend.» Wie viele Geschädigte bekommt er monatlich einen Zustupf als Entschädigung für sein Leid. 2006 habe er zudem ein Formular bekommen, das ihm eine Million Rubel für eine Umsiedlung zusprach. Doch die Behörden hätten das Papier verloren.

Sonst könnte Galyautdinow vielleicht nach Neu-Musljumowo ziehen. Nur drei Kilometer entfernt vom alten Dorf ist es in den letzten Jahren aus dem Boden gestampft worden. An diesem Novembermorgen hängen die Wolken dunkel und tief; die rotbedachten, beigen Häuser leuchten im Sturmlicht. Doch längst nicht alle Bewohner sind zufrieden mit ihren neuen Heimen. Kaum steigen wir aus dem Auto, scharen sich immer mehr Leute um uns, klagen über nicht funktionierende Heizungen oder darüber, dass sie zu wenig Geld bekommen hätten für eine neue Existenz. Eine Frau ist mit ihrem behinderten Sohn da; er werde nicht als Strahlenopfer anerkannt, sagt sie. Für misslungen halten auch lokale Umweltschützer die Umsiedlung der Bewohner von Alt- nach Neu-Musljumowo. Einige Häuser stünden näher am Fluss als zuvor, besser wäre eine Siedlung nahe der Zivilisation, etwa der Stadt Tscheljabinsk. Die Polizei parkt wenige Meter von der Menschenansammlung entfernt am Strassenrand, und plötzlich sind da auch zwei Männer mit einer Kamera, die sich als lokales Fernsehteam ausgeben. Später werden dieselben Männer wieder auftauchen und uns durch schmutzige Autoscheiben beobachten.

Frischer Zitronensaft gegen Strahlung

Dann kommt Nadjescha Kutepowa. Die Juristin vertritt hier viele Menschen; einige ihrer Fälle sind derzeit beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hängig. Beide Frauen, Kutepowa und Mironowa, haben selber eine vom Urangeschäft geprägte Familiengeschichte. Kutepowas Grossmutter produzierte einst in Majak Plutonium für Stalins Bombe, sie starb jung an Lungenkrebs; ihr Vater, ein Ingenieur in der Majak-Fabrik, erlag einem Magenkrebs – bis heute arbeiten dort 14'000 Arbeiter in der gesperrten Zone, unter welchen Bedingungen ist nicht bekannt.

Mironowa wuchs in der Ex-DDR bei der Uranmine Wismut auf. Sie erinnert sich noch, wie ihr und den anderen Kindern als Vorkehrung gegen die Strahlung jeden morgen frischer Zitronensaft verabreicht worden war. Jetzt kämpfen beide Frauen für einen wirksameren Schutz der Menschen hier. Und lassen sich nicht einschüchtern. Auch wenn schon mal ihre Bürotüre von einer Axt eingeschlagen wurde, auch wenn sie schon ausgeraubt wurde, wie Mironowa erzählt.

Axpo will Prüfung vor Ort

Tags darauf in der Millionenstadt Tscheljabinsk. «Wir lassen keine Abfälle mehr ins offene Wassersystem», versichert der neue Direktor von Majak, Sergej Baranow. Die Technologie sei fortschrittlich und werde stetig weiter verbessert. Schweisstropfen sammeln sich in den Tränensäcken des beleibten Direktors, das Konferenzgebäude wird tüchtig geheizt. Die Messdaten seien öffentlich, man müsse sie nur beantragen, sagt er, ebenso einen Besuch der Werke.

Das will die Schweizer AKW-Betreiberin Axpo nun tun und damit einer Forderung von Greenpeace nach Transparenz und der Einhaltung internationaler Standards nachkommen. «Wir wollen die Anlagen besichtigen», sagt Mediensprecher Erwin Schärer. Sollte das gelingen, bekäme die Axpo mehr Einblick als die IAEA, deren Kontrolleure in Majak nicht zugelassen sind. Militärgeheimnis, heisst es. Denn im einstigen Chemie- und Waffenkombinat verschmelzen militärische und zivile Nutzung weiterhin. Sogar die russische Atomaufsicht stellt in einem Bericht von 2009 resigniert fest, dass gesetzliche Grundlagen fehlten.

Eigentlich wäre das «Recycling» von Uran wohl tatsächlich das geringste Übel, denn der Abbau von Natururan ist ein mindestens so umweltschädigendes Geschäft. «Die konsequente Verwendung dieser Wertstoffe reduziert den Verbrauch an Ressourcen um rund 20 Prozent», sagt Schärer. Greenpeace rechnet einiges pessimistischer. Doch noch hat kaum ein Aussenstehender einen Fuss in die Anlage gesetzt, noch sind viele Fragen offen. «Die Verschmutzung hält an», sagt Mironowa: «Die Geschichte von Majak ist noch nicht fertig geschrieben.»

Was die indirekt involvierten Baselbieter Energiekonzerne dazu sagen, lesen Sie heute in BaZ. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.12.2010, 11:48 Uhr

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