Ausland
Arctic Sea: Wie eine Geschichte von Gogol
Von Stefan Scholl, Moskau. Aktualisiert am 29.08.2009
Nikolai Gogol schrieb 1835 «Die Nase». Eine Erzählung über eine Nase, die ihrem Petersburger Besitzer versehentlich abgeschnitten wird, sich selbstständig macht, ihrem Eigentümer in der Uniform eines Staatsrates begegnet, verhaftet wird, wieder verschwindet, täglich von Passanten beim Spaziergang beobachtet wird. Aber die Geschichte der Nase endet glücklich: Eines Morgens sitzt sie wieder fest im Gesicht ihres Eigentümers.
Die Affäre um die Arctic Sea klingt so, als hätte sie Gogol erdacht. Ein maltesischer Holzfrachter mit russischer Besatzung wird Ende Juli auf dem Weg von Finnland nach Algerien erst in der Ostsee von Unbekannten gekapert, verschwindet wenige Tage später für mehrere Wochen, obwohl ihn ganz Europa sucht, taucht mal in San Sebastián, mal in der Biskaya auf, verschwindet wieder. Eine Lösegeldforderung von 1,5 Millionen Dollar geht ein, aber als ein russischer U-Boot-Jäger die Arctic Sea vor Westafrika stellt, ergeben sich die mutmasslichen Seeräuber.
Ein zweites Mal überfallen?
Auch die Geschichte der Arctic Sea strotzt vor absurden Widersprüchen: Erst schickte Russlands Präsident Dmitri Medwedew Kriegsmarine, U-Boote und Luftwaffe aus, um die Besatzung zu retten. Aber elf Tage nachdem die Staatsmacht die 15 Seeleute befreit hat, hält sie diese selbst weiter fest, unterbindet jeden Kontakt zur Aussenwelt - bis auf Kurztelefonate mit den Familien. Auch Nato und EU tun geheimnisvoll, ein EU-Sprecher behauptet, das Schiff sei vor Portugal ein zweites Mal überfallen worden (siehe Kasten).
Russische und westliche Medien spekulieren derweil um die Wette. Laut «Financial Times Deutschland» liegt die Arctic Sea tiefer im Wasser, als ihre Holzladung erklären würde. Ein Indiz für die Lieblingsversion der russischen Oppositionspresse, wonach die Arctic Sea schwere russische Waffen für den Iran oder die Hamas an Bord hat. Eine westliche Grossmacht sei den Russen auf die Schliche gekommen, vermutet die Internetzeitung Prawda-info, und habe die Ladung - vier X-55-Raketen für den Iran - abgefangen. Aber aus politischen Rücksichten wollte man einen öffentlichen Skandal vermeiden. CIA oder Mossad hätten stillschweigend eine russische Transportlinie für atomares Gerät oder Material in den Iran gekappt, mutmasst das «Jeschednewnyj Journal».
Theorien über Waffenschmuggel
Die festgenommenen Piraten - zum grossen Teil ethnische Russen mit Wohnsitz in Estland und kleinkriminellem Vorleben, behaupten, sie seien friedliche Ökologen, die in Seenot von der Arctic Sea gerettet worden seien, aber bis zu den Kapverden mitfahren mussten, weil der Kapitän sie in keinem Hafen Europas an Land setzen wollte. Eine selten blöde Ausrede.
Das offizielle Russland windet sich ebenfalls. Erst dementierte Nato-Botschafter Dmitri Rogosin alle Theorien über Waffenschmuggel als «Unsinn». Gestern aber erklärte ein anonymer Marineoffizier gegenüber der Kreml-nahen Massenzeitung «Komsomolskaja Prawda», es sei durchaus möglich, dass eine russisch-baltische Rüstungsmafia auf dem Frachter X-55-Raketen versteckt habe - natürlich hinter dem Rücken des Staates.
Gogols «Nase» endet, wie wir wissen, glücklich. Die Affäre Arctic Sea aber scheint nicht enden zu wollen. Offenbar grübelt die russische Staatsmacht noch lange, wie sie aus dieser Groteske herauskommt, ohne die Nase oder das ganze Gesicht zu verlieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.08.2009, 13:11 Uhr




