«Bitte Jörg, du musst noch einmal vorbeikommen»

Nicht einmal 48 Stunden nach seinem Unfalltod ist Jörg Haider zum Mythos geworden: Man vergleicht ihn schon mit James Dean und Lady Di.

Trauerbezeugungen vor dem Regierungssitz in Klagenfurt.

Trauerbezeugungen vor dem Regierungssitz in Klagenfurt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sonntagmittag geht auf der Rosentalerstrasse gar nichts mehr. Richtung Süden ist die Autokolonne mehrere Kilometer lang, von Klagenfurt hinaus bis zu einer kleinen Anhöhe namens Lambichl. Viele Fahrer haben ihre Wagen am Strassenrand geparkt und gehen zu Fuss weiter, andere warten geduldig und fahren dann langsam an der Engstelle vorbei, um den Unfallort genau zu betrachten. In der Nacht von Freitag auf Samstag hat der schwere Dienstwagen von Jörg Haider hier eine Spur der Verwüstung gezogen: Die Thujahecke vor einem Einfamilienhaus ist abrasiert, Zaun und Betonsteher sind geknickt. Die Markierungen der Unfallkommandos zeigen, wo der Wagen abhob und wo er nach mehreren Umdrehungen wieder auf die Strasse fiel. Haider hatte keine Chance, er starb auf dem Weg ins Klagenfurter Unfallkrankenhaus.

«Wir leben durch dich!»

Hunderte Kärntner sind an diesem sonnigen Herbsttag nach Lambichl gekommen: viele Familien mit kleinen Kindern und Grosseltern, ältere Paare in braunen Trachtenanzügen, Biker in Lederkluft. Sie haben Grablichter mitgebracht, Briefe, Kinderzeichnungen und Stofftiere, die sie auf die Fahrbahn stellen. Sie halten einander an den Händen, und sie weinen. «Wir leben durch dich!» steht auf einem Zettel, «Bitte Jörg, du musst noch einmal vorbeikommen» auf einem anderen. Und auf einem dritten der Dank, «dass du mir einmal die Hand gereicht hast».

Jeder, der hier in Lambichl vor dem Lichtermeer steht, reichte Haider schon einmal die Hand, jeder kennt Geschichten von seinen Wohltaten. Sie erzählen von einem modernen Messias, der sich von der korrupten Politikerkaste durch Ehrlichkeit und Offenheit unterschied, der «für alle da war», wie ein junger Familienvater erklärt, «für die Reichen und die Armen, die Schwachen und die Kranken». Der Ofenbauer Thomas Perdacher traf ihn zuletzt bei einem Firmenjubiläum, da verstanden sie sich blendend, denn «der Haider war halt ein Revoluzzer und ein super Mensch. Für alles offen.» Die Geschäftsfrau Brigitte Egger kennt die Familie, weil Haiders Frau Claudia in ihrem Bioladen einkaufte, «immer nur gesunde Sachen für ihren Jörg».

Verschwörungstheorien kreisen

Eggers Mann Gustav will nicht so recht an einen Unfall glauben – auf dieser geraden, trockenen Strasse, da müsse doch jemand das Auto manipuliert haben, «den Sozis und Kommunisten traue ich alles zu». Er ist mit seiner Verschwörungstheorie nicht alleine, ab und zu wird auch die «linksliberale Presse» verdächtigt. Öfters fällt das Schlagwort von «Kärntens 9/11».

Andere sehen den Unfall nüchterner. Haider sei eben Auto gefahren, wie er gelebt habe: schnell und riskant. Der Kärntner Landeshauptmann kam von einem Diskothekenbesuch in Velden. In Klagenfurt liess er seinen Chauffeur aussteigen, dann fuhr er kurz nach 1 Uhr alleine weiter in sein Bärental, wo die Familie wartete. Man wollte am Samstag den 90. Geburtstag der Mutter feiern. Sonntagvormittag kommt die Bestätigung der Staatsanwaltschaft: Haider habe mit 142 km/h im dichten Nebel einen anderen Wagen überholt und sei dann auf der rechten Seite von der Strasse gefahren. Bevor er sich mehrmals überschlug, rammte der VW Phaeton ein Schild mit Tempolimit 50.

«Pietätlose Lesermeinungen» im Internet

Das Foto des Autowracks ist am Sonntag auf der ersten Seite aller Sonntagszeitungen. Haider sei gestorben, wie er gelebt habe, schreiben auch die Kommentatoren: viel zu schnell auf der Überholspur unterwegs. Boulevardblätter ziehen Vergleiche mit dem Tod des österreichischen Sängers Falco, mit James Dean und Lady Di. «Die Guten sterben halt immer jung», seufzt ein Motorradfahrer vor dem Lichtermeer. Haider war 58 Jahre alt. Lesermeinungen zum seinen Tod werden auf den Internetseiten österreichischer Zeitungen nicht mehr veröffentlicht. Aufgrund «zu vieler pietätloser Postings». Pathos und Gefühlsausbrüche sind hingegen durchaus erwünscht in diesen Tagen. Haiders rechte Hand, der 27-jährige Stefan Petzner, lässt am Samstag in einer Pressekonferenz den Tränen freien Lauf, als er vom Verlust «meines Lebensmenschen» sprach.

Für Haiders Stellvertreter Gerhard Dörfler ist «in Kärnten die Sonne vom Himmel gefallen». Auch vor dem Gebäude der Landesregierung im Stadtzentrum Klagenfurts brennen Hunderte Kerzen. Die Menschen warten in einer langen Schlange, bis sie sich ins Kondolenzbuch eintragen dürfen. Der achtjährige Marcel hat ein Foto mitgebracht, das ihn mit Haider zeigt. Damals habe ihm der Landeshauptmann die Hand geschüttelt und nach seinem Schulerfolg gefragt, erinnert sich Marcels Mutter: «Und heute wollen wir Haider für alles danken, das er uns beschert hat.» Was aber hat er den Kärntnern beschert? Die Antworten lauten immer gleich: Die Männer sagen, «dass er immer für uns da war», die Frauen, dass «er für höhere Familienbeihilfe und für kostenlose Kindergärten sorgte». Nur dank Haider gehe es Kärnten so gut wie nie zuvor.

Wirtschaftlich das Schlusslicht

Mit Daten lässt sich das nicht beweisen. Kärnten ist wirtschaftliches Schlusslicht in Österreich, moderne Industrie gibt es kaum, die Verschuldung ist hoch. Statt langfristig zu planen, schüttete Haider das Füllhorn aus: Im Dezember konnten sich die Kärntner 100 Euro in bar Teuerungszulage holen, Mütter bekommen 800 Euro Geburtengeld, an den Landestankstellen gibt es günstig Diesel. Haider reiste unermüdlich durchs Land, hörte von Problemen, bot rasche Hilfe an. An der Wand des Regierungsgebäudes, hinter dem Lichtermeer, hängt noch ein Postkasten mit Haiders Foto, in dem jeder Kärntner seinen Ärger mit überhöhten Mieten deponieren konnte. «Wir helfen!» steht darunter. Wer das System aber störte, ob politische Gegner oder Verfassungsrichter, wurde von Haider fertiggemacht. Die Errichtung von Moscheen mit Minaretten wurde durch die Bauordnung verboten, Asylbewerber wurden in andere Bundesländer abgeschoben oder auf einer Alm isoliert, wenn sie nur im Verdacht einer strafbaren Handlung standen. Ein «Sozialismus mit nationalem Antlitz» habe sich in Kärnten breitgemacht, schreibt die Wiener Wochenzeitung «Falter».

Kein starker Nachfolger

Noch eine Botschaft an den Verstorbenen: «Du hast uns das Glück gegeben, beschützt zu sein.» Jetzt aber ist der Landespatron tot, und die Kärntner fragen sich bange: Wer wird in Zukunft ihr Schutzherr sein? Die Bedrohung durch Islam und Slowenen, die Begehrlichkeiten der Wiener Bundesregierung abwehren? Niemand in Haiders BZÖ scheint dieser Aufgabe auch nur annähernd gewachsen. Haider war die Partei, und so wie viele starke Führungskräfte hat er nie einen Nachfolger aufgebaut. Doch für solche Überlegungen ist es ohnehin viel zu früh. Vor dem Lichtermeer will niemand an die Zukunft denken. Erst einmal «müssen wir mit unserer Trauer fertig werden», sagt eine junge Mutter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2008, 11:37 Uhr

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Kommentare

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...