Ausland
«Blutlüge» – Netanyahu heizt Streit mit Schweden an
Auslöser: Der Artikel in der schwedischen Boulevardzeitung «Aftonbladet».
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Ein Zeitungsartikel vom 17. August in der schwedischen Boulevardzeitung «Aftonbladet» sorgt für die schwerste diplomatische Krise zwischen Israel und Schweden seit Jahren.
Inzwischen hat sich der Streit bis auf die oberste Regierungsebene hochgeschaukelt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu verlangte am Sonntag, dass die schwedische Regierung den Bericht verurteilt. Er bezeichnete den Zeitungsartikel am Sonntag als empörend und «Blutlüge». Aus israelischer Sicht erinnert der Vorwurf des Organ-Diebstahls an antisemitische Stereotype aus dem Mittelalter, wonach Juden das Blut von Christen für rituelle Zwecke benutzt haben sollen.
Lieberman verweist auf Holocaust
Israels ultrarechter Aussenminister Lieberman heizt den Streit seit Tagen an. Als der Fall noch keine grossen Schlagzeilen gemacht hatte, verglich er bereits die fehlende Reaktion der schwedischen Regierung mit dem angeblichen «Schweigen» während des Holocausts.
Lieberman bezichtigte dann am Sonntag Schweden der Heuchelei. Im Fall der umstrittenen Mohammed-Karikaturen habe das schwedische Aussenministerium 2006 nicht nur deren Veröffentlichung verurteilt, sondern in einem Brief an die jemenitische Regierung sogar noch sein Bedauern ausgedrückt, sagte Lieberman dem israelischen Radio.
Nur «Haaretz» beschwichtigt
Die Wortgefechte zwischen Jerusalem und Stockholm beherrschen alle israelischen Tageszeitungen. Bis auf eine Ausnahme fuhr die israelische Presse am Sonntag schwere Geschütze gegen Schweden auf. «Blonder Rassismus», «Die Heuchelei», «Freiheit der Diffamierung» und «Die Lüge, aus der eine Krise wurde» titelten Tageszeitungen.
Allein die linksliberale «Haaretz» appellierte, dass Israel das Thema schnell von der Tagesordnung nehmen sollte. Die «erregte und demagogische Reaktion» von Aussenminister Avigdor Lieberman habe Israel Schaden zugefügt und Schweden als derzeitigen EU- Ratsvorsitzenden in eine unnötige Konfrontation mit Israel gedrängt, heisst es im Leitartikel des Blattes.
Schweden lehnt Verurteilung ab
Was ist geschehen? Die schwedische Tageszeitung «Aftonbladet» hatte am Montag im Kulturteil einen Beitrag des freiberuflichen Journalisten Donald Bostrom gedruckt. Darin geht es um Vorwürfe von Palästinensern, wonach toten Verwandten in Israel Organe gestohlen worden seien.
Der Journalist legte für die Behauptung keinerlei Beweise wie eine Autopsie vor, sondern verlangte nur eine Untersuchung. Seitdem hat sich in Israel ein Sturm der Entrüstung zusammengebraut. Die Forderung: Die schwedische Regierung soll den Beitrag als Antisemitismus verurteilen.
Die schwedische Regierung lehnt eine öffentliche Verurteilung unter Verweis auf die Meinungs- und Pressefreiheit ab. «Niemand kann fordern, dass die schwedische Regierung gegen ihre eigene Verfassung verstösst», sagte Ministerpräsident Frederik Reinfeldt. Die Meinungsfreiheit sei ein unentbehrlicher Bestandteil der schwedischen Gesellschaft.
Folgen nicht absehbar
Die Folgen des Streits sind noch nicht abzusehen. Aus dem Aussenministerium sickerte durch, dass der geplante Besuch des schwedischen Aussenministers Carl Bildt in Israel verschoben werden könnte. Die andere Option: Mit Bildt solle ausschliesslich über den Zeitungsbericht gesprochen werden.
Andere Themen wie beispielsweise der Ausbaustopp in jüdischen Siedlungen oder der Wiederaufbau des Gazastreifens blieben aussen vor. Der Aktionskreis von Schweden, das derzeit die EU- Ratspräsidentschaft innehat, bliebe damit beim Thema Nahost beschränkt. (oku/sda)
Erstellt: 23.08.2009, 15:49 Uhr
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