Ausland
«Cavaliere Berlusconi: Verkehren Sie mit Minderjährigen?»
«Casoriagate» hat sich mittlerweile zur Staatsaffäre ausgewachsen, und Silvio Berlusconi, der normalerweise die Klaviatur der öffentlichen Meinung perfekt beherrscht, ist so nervös, dass er sogar erwägt, sich im Parlament zu rechtfertigen. Denn sein kleines Wochenendvergnügen - nur eines von vielen, mit denen sich der 72-Jährige gern öffentlich brüstet - hat nicht nur bei Veronica Lario, seiner Ehefrau, das Fass zum Überlaufen gebracht. Weil er mit «Minderjährigen verkehrt», reichte sie nach fast zwanzig Jahren Ehe die Scheidung ein. Dass Berlusconi auch noch mehrere ebenfalls sehr blonde und sehr junge sogenannte «veline», Sternchen aus dem Showbusiness, für die Europawahlen aufstellen wollte, schleuderte sie ihm als «Schamlosigkeit der Macht» noch hinterher.
Der Gescholtene reagierte auf seine Weise. Sie sei ein Opfer linker Verschwörungstheorien in den Medien, giftete er, nahm aber einige der Damen wieder von den Listen. Und betrachtete die Angelegenheit als ebenso erledigt wie seinen Ausflug nach Neapel. Noemi Letizia sei die Tochter seines Freundes Benedetto, der wiederum seinem mittlerweile verstorbenen Freund, dem Sozialisten Bettino Craxi, als Chauffeur gedient habe. Aus, basta.
Doch dieses Mal hat sich Berlusconi verkalkuliert. Zwar hob in seinen eigenen Medien sofort eine Schmutzkampagne gegen Lario an, die es gewagt hatte, Berlusconi öffentlich blosszustellen. Die unabhängigen Medien aber, allen voran das Flagschiff der «linken Lügenpresse», «La Repubblica», suchen Antworten auf die Frage, was Berlusconi wirklich mit der 18-Jährigen verbindet.
Wie nervös Berlusconi ist, zeigen nicht nur seine sich geradezu inflationär häufenden verbalen Ausfälle in den letzten Tagen. Auch der «Repubblica» wollte er kein Interview geben. Die Zeitung behalf sich, indem sie dem Premier öffentlich zehn Fragen stellte - was Berlusconi erst recht in Rage brachte. Neid und Hass warf er der Presse vor, und in einer offiziellen Stellungnahme liess der Palazzo Chigi erklären, der Ministerpräsident äussere sich nicht zu privaten Fragen. «Die Attacken, die auf einem solch niedrigen Niveau angesichts der bevorstehenden Europawahlen geführt wurden, zeigen, dass es der Zeitung und den hinter ihr stehenden politischen Kreisen an Argumenten fehlt.»
1. Herr Ministerpräsident, wann und wie haben Sie zum ersten Mal Noemi Letizias Vater getroffen? 2. Wie und oft wo haben Sie sich im Laufe dieser Freundschaft getroffen? 3. Wie würden Sie die Gründe für Ihre Freundschaft mit Benedetto Letizia beschreiben? 4. Warum haben Sie mit Letizia über Kandidaten diskutiert, obwohl er nicht einmal ein Mitglied des PdL (Volk der Freiheit) ist? 5. Wann haben Sie Noemi Letizia kennen gelernt? 6. Wie oft und wo haben Sie Noemi Letizia getroffen? 7. Kümmern Sie sich um Noemis Zukunft, oder unterstützen Sie die Familie finanziell? 8. Ist es wahr, dass Sie Noemi versprochen haben, sie bei einer Karriere im Showbusiness oder in der Politik zu unterstützen? 9. Veronica Lario (Noch-Ehefrau von Berlusconi, Anm. d. Red.) sagt, Sie würden mit «Minderjährigen verkehren». Verkehren Sie mit anderen oder «ziehen Sie sie gross»? 10. Ihre Frau sagt, dass es Ihnen nicht gut gehe und dass Sie Hilfe bräuchten. Wie ist Ihr Gesundheitszustand?
Erinnerung an Bill Clinton
Schon die Freundschaft eines milliardenschweren Medienzars mit einem kleinen Beamten aus Neapel, der auch noch den Sozialisten nahesteht, bietet schier unerschöpflichen Stoff. Und mit ihm will Berlusconi Details der Kandidatenaufstellung besprochen haben? Für Craxi hat Benedetto Letizia jedenfalls nie gearbeitet, dennoch behauptet auch er, Berlusconi seit fast 20 Jahren zu kennen. Ist Berlusconi also wirklich nur ein väterlicher Freund des Hauses, oder ist Noemi seine Geliebte oder vielleicht sogar seine Tochter, wie manche Medien mutmassen?
Anders als von ihm zunächst behauptet, hat sie ihn offenbar nicht nur im Kreise der Familie getroffen. So stellt es auch ihr ehemaliger Freund dar, dem der Vater jetzt mit einer Verleumdungsklage droht. Im November vergangenen Jahres, damals noch minderjährig, nahm Noemi sogar an einem Galadinner des Ministerpräsidenten in Rom teil, an dem das Who’s who von Italiens Industrie versammelt war. «Sie nennt sich Noemi und macht hier ein Praktikum», soll Berlusconi sie vorgestellt haben. Ein Schelm, wer dabei an Bill Clinton denkt. Auf jeden Fall eine Steilvorlage für die schwache Opposition, die jetzt einen Misstrauensantrag stellen will. Ein Ministerpräsident, der nicht die Wahrheit sagen könne oder wolle, mache die Angelegenheit zu einer politischen, argumentiert auch die «Repubblica». Und wiederholt die zehn Fragen täglich. Berlusconi aber bleibt dabei, dass er nicht gelogen hat. Er will jetzt alles offenlegen. Nur wann, sagte er nicht.
Noemi Letizia nennt den Ministerpräsidenten «Papi». Ist Noemi Berlusconis Geliebte oder gar dessen Tochter, wie italienische Medien mutmassen? Silvio Berlusconi. (pwy/ta)
Erstellt: 26.05.2009, 11:25 Uhr
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