Ausland

Das Gauck-Wunder

Von David Nauer. Aktualisiert am 09.06.2010

Mit seiner Kandidatur für das Amt des deutschen Bundespräsidenten stellt Joachim Gauck alles infrage: die Kanzlerin, die Macht der Parteien und den Pessimismus seiner Landsleute.

Der Pastor aus dem Osten, der Deutschland bewegt: Joachim Gauck am 7. Juni in Berlin.

Der Pastor aus dem Osten, der Deutschland bewegt: Joachim Gauck am 7. Juni in Berlin.
Bild: Keystone

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Der Lebensweg eines Demokratielehrers

«Jochen, du musst jetzt reden», sagte Dietlind Glüer zu Joachim Gauck. Das war im Oktober 1989, im historischen Herbst, als die Berliner Mauer fiel. Glüer war Bürgerrechtlerin in der DDR. Sie hatte in Rostock eben das Neue Forum gegründet, und Gauck war der Jugendpastor der Stadt an der Ostsee. Bisher war er nicht als Fundamentaloppositioneller aufgetreten, kritisierte in seinen Predigten jedoch immer wieder die kommunistische Diktatur in der Deutschen Demokratischen Republik.

Die politische Geburt

Doch nun wurde die Kirche zum Zentrum des Widerstands – und Gauck wollte reden. In Leipzig und Dresden hatten mutige DDR-Bürger bereits begonnen, in Kirchen für die Freiheit zu beten. Jeden Montagabend. Anschliessend gingen sie auf die Strasse und riefen: «Wir sind das Volk.»

Auch Rostock erwachte: Am 19. Oktober drängen sich 5000 Besucher ins Schiff der Marienkirche. Pfarrer Gauck spricht von der jungen Hoffnung: «Die Menschen sagen ihrer Angst ‹Auf Wiedersehen› und trainieren den aufrechten Gang.» Dann ziehen sie los, die Rostocker, unter ihnen Joachim Gauck. Vor dem Stasi-Gebäude, dem Epizentrum der Unterdrückung, singen sie «Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.» Mit der kommunistischen Hymne – respektive nur deren Refrain, denn mehr Text kennen sie nicht – entblössen die Demonstranten die kommunistische Realität.

Der Gang auf die Strasse sei die «Wiedergeburt des mündigen Bürgers» gewesen, schreibt Gauck in seinen Erinnerungen «Winter im Sommer – Frühling im Herbst», die im vergangenen Herbst erschienen sind. Gleichzeitig wurde der politische Mensch Joachim Gauck geboren. Einer Oppositionsgruppe hatte er bisher nicht angehört. Zum «Revolutionspastor» der DDR wurde Gauck erst mit seiner Predigt in der Marienkirche. «Im Herbst 1989 wuchs ich Schritt für Schritt in eine politische Rolle hinein.»

Nach der ersehnten und erreichten Wiedervereinigung wehrte sich Gauck dagegen, dass die «Erblast der Diktatur» unter den Teppich gekehrt wurde. Die Fehler der Nachkriegszeit durften sich nicht wiederholen. «Wir wollten nicht durch Verdrängen und Vertuschen unsere Schatten verschwinden lassen.»

Als erster «Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR» machte er die Stasi-Akten zugänglich für die Opfer der Unterdrückung. Gauck selbst war eines von ihnen: Er wurde von einem Dutzend Stasi-Spitzel, sogenannten inoffiziellen Mitarbeitern, überwacht; sein Telefon wurde abgehört, seine Post geöffnet, und in den Wänden seiner Wohnung steckten Wanzen.

Bis 2000 leitete Gauck die nach ihm benannte Behörde, welche die Stasi-Akten bis heute verwaltet, total 204 Kilometer Papier, wobei ein Meter aus 10 000 A4-Blättern besteht. Bis Ende 2009 wurden weit über 6 Millionen Anträge auf Akteneinsicht gestellt. «Aufklärung ist möglich», bilanzierte Gauck.

Auftritt in Zürich

Seiner Herzenssache blieb Gauck treu. 2003 wurde er Vorsitzender des überparteilichen Vereins «Gegen Vergessen – Für Demokratie» und ist ständig unterwegs als «reisender Demokratielehrer», wie er sich selbst bezeichnet. 1997 machte er auch in Zürich halt. Bei seinem unvergesslichen Auftritt in der Aula der ETH bat er die routinierten Demokraten im Publikum um Verständnis für seine kindliche Begeisterung für die Freiheit: «In der Schweiz besteht die Demokratie seit Generationen, für uns ist sie unglaublich neu.»

20 Jahre nach der Euphorie der Wende sind die Deutschen jedoch ernüchtert. «Wir haben vom Paradies geträumt und wachten auf in NordrheinWestfalen», musste auch Gauck einräumen. Er selbst wollte kein politisches Amt übernehmen, um dem Unbehagen im Land entgegenzuwirken. Als Parteiloser, der sich als «linker, liberaler Konservativer» versteht, hatte er auch kaum die Möglichkeit dazu. Bis vergangene Woche: Es war gemäss dem «Spiegel» Gaucks Freund und SPD-Fraktionschef Frank Walter Steinmeier, der den einstigen «Revolutionspastor» anfragte, ob er für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren wolle.

Gauck geniesst Sympathien und Respekt in allen Parteien. Ausgenommen in der Linkspartei, für die die Kandidatur des ehemaligen Bürgerrechtlers «sehr, sehr problematisch» ist. Noch immer tummeln sich bei der Nachnachfolgerin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ehemalige DDR-Kader, die mit der Stasi zusammengearbeitet hatten. Der Prominenteste ist der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi. Als Ostberliner Anwalt habe Gysi Oppositionelle vor Gericht vertreten und die gewonnenen Informationen an die Stasi weitergeleitet, schreibt Gauck.

Dass die Linkspartei seine Kandidatur ablehnte, hat den ehemaligen Bürgerrechtler aus der DDR nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Als Bundespräsident, so der 70-jährige Gauck, könnte er wie kein anderer für die Demokratie werben. Mit dem Schloss Bellevue in Berlin hätte er dafür nochmals eine grosse Bühne. So wie damals in der Rostocker Marienkirche. (Christof Münger)

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Der Moment, an dem das Gauck-Wunder seinen Anfang nahm, lässt sich festlegen. Auf den Tag genau, auf die Stunde, auf die Minute. Es war am vergangenen Freitag um halb elf Uhr morgens. Deutschland hatte sich gerade damit abgefunden, dass es einen farblosen neuen Bundespräsidenten bekommen wird, Christian Wulff, 50 Jahre alt, bisher Ministerpräsident in Niedersachsen.

«Yes, we Gauck»

Da tritt Joachim Gauck vor die Hauptstadtpresse. Pastor, 70 Jahre alt, ein Gesicht voller Furchen. «Ich wundere mich, dass ich hier angekommen bin», sagt er lapidar. Ehrlich ist das, menschlich. Seither fliegen dem Kandidaten die Herzen zu. «Der Spiegel» schwärmt vom «Herzbuben», die konservative Springer-Presse stellt sich ebenfalls hinter den Ostdeutschen. «Bild» titelt in unvergleichlicher Art: «Yes, we Gauck».

Das Verrückte an Gauck: Er könnte gut der Kandidat der schwarz-gelben Koalition sein. Die Kanzlerin, wird kolportiert, mag ihren ostdeutschen Landsmann sehr. Die konservative CSU wollte ihn 1999 sogar aufstellen für das höchste Amt im Staat. Doch Gauck tritt für SPD und Grüne an. Ein geschickter Schachzug der Opposition. Gauck selber scheint dies nebensächlich. Die anderen hätten sich eben nicht gemeldet, sagt er, als er mit rot-grünen Parteigrössen auf der Bühne sitzt. Darin liegt der Kern des Gauck-Wunders. Der alte Mann ist unabhängig, zu 100 Prozent. Im von ParteienGeschacher, Seilschaften und Palastintrigen durchzogenen deutschen Politbetrieb ist er eine Ausnahme, eine, wie viele finden, strahlende Ausnahme.

Kein Polit-Profi

Der plötzliche Rücktritt von Horst Köhler hat eine tiefe Krise enthüllt, in der die deutsche Politik steckt. Das Berliner Regierungsviertel ist ein kleiner, in sich geschlossener Kreis mit eigenen Regeln, abgekoppelt von der Gesellschaft. Wer hier überleben will, muss einer von denen sein, einer, der gestählt wurde durch mediales Dauerfeuer. Köhler war das nicht – ein Umstand, der ihn zum beliebtesten Politiker des Landes machte; ein Umstand aber auch, der ihn dazu trieb, über Nacht aus dem Berliner Haifischbecken zu steigen.

Gauck ist ebenfalls kein Polit-Profi. Er hat sich in seinem langen Leben trotzdem eine dicke Haut zulegen müssen. Jahrzehntelang bedrängte ihn die Stasi, auch heute hat er noch Gegner, die Gespenster des alten Regimes. Dieser Druck hat dazu geführt, dass der Kandidat geerdet ist wie kaum ein anderer. Demokratie und Freiheit, das sind seine Schlüsselbegriffe, er trägt sie wie Flaggen vor sich her. Nie liess er sich korrumpieren, nicht zu Zeiten der Diktatur, auch nicht später. Dieser moralische Anspruch nährt bei vielen die Hoffnung, Gauck könnte die Entfremdung zwischen Politik und Bürgern überwinden, den Graben zuschütten, der sich zwischen den paar Quadratkilometern Berlin, dem Gebiet um das Kanzleramt, und dem Rest des Landes auftut.

Allein durch seine Kandidatur hat «Super-Gauck» (Presseagentur DDP) schon viel bewegt. Die deutsche Gesellschaft, seit Monaten in einem lethargischen Pessimismus gefangen, regt sich wieder. Besonders die Internetgemeinde mobilisiert sich für den 70-Jährigen, der bisher nicht einmal ein Homepage hat. Es gibt virtuelle GauckDemos und Unterschriftensammlungen. Eine Facebook-Fanseite vereint über 11 000 Mitglieder. Zum Vergleich: Die Online-Gruppe «Christian Wulff – unser Bundespräsident» bringt es auf ein paar Hundert Anhänger.

Zu wenig sozial

Dabei hat Gauck rechnerisch gesehen wenig Chancen, gewählt zu werden. Die schwarz-gelbe Koalition hält in der Bundesversammlung, die am 30. Juni zusammentritt, eine Mehrheit von mehr als 20 Stimmen. Die Gauck-Unterstützer hoffen darum auf Abweichler im zerstrittenen Regierungslager. Solche soll es geben. Vor allem frustrierte FDP-Wahlleute drohen damit, überzulaufen. «Es könnte sich da ein Ventil auftun», sagt der liberale Fraktionschef aus Baden-Württemberg. Ein FDP-Funktionär aus Thüringen meldet, bei den Ostverbänden gebe es «erkennbare Sympathie» für Gauck.

Entscheidend wird das Wahlverhalten der Linken sein. Die Genossen stellen eine eigene Kandidatin auf, sie halten Gauck für «unwählbar» – angeblich weil er zu wenig sozial sei. In Wahrheit dürfte die Ablehnung damit zu tun haben, dass Gauck die Verbrechen des DDR-Regimes stets scharf verurteilt hat. Gauck-Fans rechnen dennoch durch, was wäre, wenn es zu mehreren Wahlgängen käme – und die Linke am Schluss einschwenkt. Ihr Fazit: Der Wahlgang am 30. Juni bleibe spannend, Merkel müsse sich vorsehen.

Der optimistische Realist

In der Tat hängt am Wahlausgang auch das politische Schicksal der Kanzlerin. Sie knobelte in Hinterzimmern einen Regierungskandidaten aus – zusammen mit mächtigen Drahtziehern aus der CDU. Intransparent, finden viele, sei der Entscheid für Christian Wulff, nicht originell, bestimmt kein Befreiungsschlag. Scheitert Merkels Mann in der Bundesversammlung, wird es eng für die Chefin. Entsprechend nervös reagieren die Koalitionäre. Sie wollen vor allem Parteisoldaten aus den Ländern nach Berlin schicken, Wahlleute, die den Regierungskandidaten abnicken. Angeblich aus Zeitnot verzichtet man darauf, wie sonst üblich prominente Nicht-Politiker in das Wahlgremium zu bestellen – zu gross ist die Angst vor dem Stimmverhalten unabhängiger Bürger.

Gauck greift diesen Punkt auf. «Dieser Staat ist nicht nur der Staat derer, die ihn machen.» Der Bundespräsident soll nicht dem politischen Establishment dienen, sondern den Menschen. Ob er selber an seine Chance glaubt? «Ich bin Realist, ich kann auch zählen», sagt er – bleibt aber optimistisch. Der Theologe weiss: Wunder sind möglich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2010, 10:28 Uhr

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