Ausland
«Der Eiserne Vorhang fällt erst jetzt»
Von Enver Robelli. Aktualisiert am 02.12.2010 6 Kommentare
Sali Berisha: Hirte, Arzt, Staatschef, Premier
Sali Berisha kam 1944 in einer Bergbauernfamilie in Nordalbanien zur Welt. Als Kind hütete er Schafe. Er studierte an der Universität Tirana Medizin. Anschliessend erhielt er ein einjähriges Stipendium und spezialisierte sich in Paris als Kardiologe. 1990 setzte sich Berisha an die Spitze der albanischen Studentenbewegung, die den Sturz des kommunistischen Regimes einleitete. Von 1992 bis 1997 war er Staatspräsident. Im Frühjahr 1997 kam es in Albanien zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, nachdem viele Albaner ihre Ersparnisse in dubiosen Sparpyramiden-Systemen verloren hatten. Berisha musste zurücktreten, seine Demokratische Partei ging in die Opposition. 2005 gelang ihm ein Comeback als Premierminister.(enr)
Vor zwei Jahrzehnten wurde der Sturz des kommunistischen Regimes eingeleitet. Ihr Land ist aber bis heute ein Sorgenkind der internationalen Gemeinschaft. Welche Bilanz ziehen Sie?
Vor 20 Jahren war Albanien das drittärmste Land der Welt; wir standen damals vor dem Kollaps, die Arbeitslosigkeit betrug 80 Prozent, das Pro-Kopf-Einkommen 200 Dollar. Den wenigen Touristen, die Albanien während der kommunistischen Herrschaft besuchten, wurde auf dem Flughafen von Tirana ein ideologiekonformer Haarschnitt verpasst. Hippie-Frisuren waren verpönt. Diese düstere Zeit haben wir weit hinter uns gelassen. Dieses Jahr machten 3,5 Millionen Touristen Ferien in Albanien. Wir verzeichnen einen Exportzuwachs von 60 Prozent. Fast die Hälfte der 3,2 Millionen Albaner verfügen über einen Internetanschluss – vor fünf Jahren, als meine Demokratische Partei die Macht übernahm, waren es gerade 5 Prozent. Vor zwei Jahrzehnten war Albanien ein Gulag am Mittelmeer, heute ist unser Land Nato-Mitglied.
Trotz dieser Fortschritte hat die EU Albanien den Kandidatenstatus verweigert. Die Vorwürfe aus Brüssel wiegen schwer: Die demokratischen Institutionen funktionierten kaum, die Justiz sei nicht unabhängig.
Die Arbeit des Parlaments war über mehrere Monate blockiert, weil sich die sozialistische Opposition mit ihrer Niederlage bei den Wahlen im vergangenen Jahr nicht abfinden will. Tatsache ist aber, dass die letzten Parlamentswahlen die freisten seit dem Fall des Kommunismus in Albanien waren. Das ist übrigens auch die Meinung der internationalen Beobachter. In ihrem jüngsten Fortschrittsbericht würdigt die EU unseren Kampf gegen die Korruption und die Stärkung der Justiz. In diesem Bereich bleibt aber noch viel zu tun. Wir nehmen die Kritik aus Brüssel ernst. Gleichzeitig hat die EU unsere Reformbemühungen belohnt: Ab Dezember dürfen unsere Bürger ohne Visa in die Schengen-Staaten einreisen. Albanien erlebt erst jetzt den Fall des Eisernen Vorhangs.
Vor allem die grossen EU-Staaten haben die Visumspflicht leicht widerwillig aufgehoben. Die Angst vor Missbräuchen ist gross. Droht Westeuropa jetzt ein Ansturm von Albanern?
Nein. Die Zeiten sind vorbei, als meine Landsleute rostige Schiffe kaperten, um nach Italien zu gelangen. Meine Regierung hat sich gegenüber allen Schengen-Staaten verpflichtet, jeden Missbrauch konsequent zu bekämpfen. Gerade läuft eine landesweite Informationskampagne über die Visafreiheit. Seit 2006 dürfen sich in unseren Gewässern keine Schnellboote bewegen. Diese Massnahme bleibt weiterhin in Kraft. Vor dem Verbot rissen Menschenschmuggler etwa 400 Personen in den Tod. Danach zählten wir kein einziges Opfer.
Aussenpolitisch steht Albanien vor neuen Herausforderungen. In Belgrad häufen sich die Stimmen, die eine Teilung Kosovos verlangen. Angesichts der verfahrenen Lage dort befürworten auch immer mehr Kosovo-Albaner einen Anschluss an Albanien. Unterstützt Ihr Land solche Bestrebungen?
Nein. Die Haltung Albaniens ist klar: Mit der Unabhängigkeit Kosovos sind die Grenzen auf dem Balkan endgültig gezeichnet. Die überwiegende Mehrheit der Albaner in der Region befürwortet die EU-Integration. Wir werden uns im Rahmen der europäischen Wertegemeinschaft vereinigen. Dazu braucht es aber keine Grenzänderungen. Ich bin an der Grenze zu Kosovo geboren und habe lange Zeit an die Idee einer Vereinigung aller albanischen Gebiete auf dem Balkan geglaubt. Heute sage ich: Wir müssen mit unseren Nachbarn eng zusammenarbeiten, damit die Grenzen an Bedeutung verlieren und die Menschen sich frei bewegen können.
Serbiens Staatschef Boris Tadic fordert einen historischen Kompromiss zwischen Serben und Albanern. In Diplomatenkreisen wird das als Forderung nach einer Teilung Kosovos interpretiert.
Wir wollen die Beziehungen zu Serbien, die historisch belastet sind, endlich verbessern. Ich erwarte Präsident Tadic bald in Tirana, es wird der erste Besuch eines hochrangigen Belgrader Politikers hier sein. Grenzänderungen werden aber kein Gesprächsthema sein. Wer meint, mit dem Anschluss von Rest-Kosovo an Albanien wäre die albanische Frage gelöst, der täuscht sich gewaltig oder will Konflikte schüren. Albanische Bevölkerungsgruppen leben in Südserbien, in Mazedonien und in Montenegro. Besonders die mazedonische Regierung muss die Albaner als gleichberechtigte Staatsbürger behandeln. Die Ziehung neuer Grenzen würde uns von Europa entfernen, und für die nächsten 20 Jahre müssten wir unsere EU-Ambitionen begraben.
Ihre Regierung baut neue Strassen, die eine bessere Kommunikation der Albaner auf dem Balkan ermöglichen. Kann auch so ein Grossalbanien entstehen?
Mit der neuen Autobahn von der Hafenstadt Durres bis zur Kosovo-Grenze wollen wir die wirtschaftliche Entwicklung der ganzen Region fördern. Eines Tages wird auch die serbische Wirtschaft davon profitieren.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.12.2010, 20:38 Uhr
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6 Kommentare
Kann nicht verstehen weshalb die Frage Grossalbanien immerwieder auftaucht. Es gibt kein Grossalbanien sondern das natürliche Albanien. Das heutige Albanien grenzt an jeder Stelle an eigene Territorien also kann selber wählen ob sie sich damit vereinen möchte. Die Idee sich in der EU zu vereinen ist die beste und die sicherste, also ohne Krieg mit unsere Feinde. Antworten
Premierminister Berisha hat absolut Recht: es braucht keine Grenzveränderungen oder Aufhebung von Grenzen. Die Staaten mit albanischer Bevölkerung sollen sich bemühen, die Kriterien der EU so rasch wie möglich zu erfüllen, damit sie unter einem Dach vereint sind, sich entwickeln und modernisieren können. Schielen in die Türkei oder nach arabischen Ländern ist dazu allerdings nicht hilfreich. Antworten
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