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Der Gehilfe tritt aus Sarkozys Schatten
Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 18.03.2010
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Die Suche nach Schuldigen
Wenn sich am nächsten Sonntag die Resultate des ersten Durchgangs der Regionalwahlen bestätigen sollten, muss eine Reihe bürgerlicher Minister mit Konsequenzen rechnen. 20 der insgesamt 39 Kabinettsmitglieder haben sich bei dieser Wahl engagiert, einige gar als Spitzenkandidaten fürs jeweilige Regionspräsidium. Nicolas Sarkozy schien der letzte Urnengang vor der Präsidentenwahl 2012 so wichtig, dass er einige seiner besten Leute schickte. Ohne Erfolg. Die Politanalysten rätseln nun über die Massnahmen, die Sarkozy treffen könnte nach einem Debakel. Vor den Wahlen hatte er in einem Interview ausgeschlossen, die Regierung im grossen Stil umzubilden. Die Formulierung war vage. Erwartet wird, dass er wohl einige Minister entlassen wird, vielleicht auch einen prominenten: Die Rede ist von Aussenminister Bernard Kouchner. Von ihm heisst es, er habe sich zu wenig engagiert bei den Wahlen. Für viele Rechte ist der linke Kouchner ohnehin ein Ärgernis. Und mit Sarkozy versteht er sich offenbar auch nicht mehr. Kouchner wäre ein einfacher Sündenbock. (om)
Das ist sein Moment, wahrscheinlich der schönste Augenblick in der politischen Karriere von François Fillon, seit drei Jahren Frankreichs Premierminister. Eine Genugtuung, genährt vom Gefühl der Revanche. Doch das darf er nicht zeigen. Fillon, der bisher immer als dienstfertiger und blasser Gehilfe von Nicolas Sarkozy belächelt wurde, als Nobody im Schatten des Hyperpräsidenten auch, surft auf einer viel diskutierten Popularitätswelle, während sein Lager gerade in einer grossen Krise steckt. Fillon ist beliebter als Sarkozy, viel beliebter. Seine Werte sind gar umgekehrt proportional zu jenen des Chefs. Eine Mehrheit der Franzosen findet mittlerweile auch, dass Fillon der bessere rechte Präsidentschaftskandidat wäre 2012. Das zeigen die jüngsten Umfragen.
Fillons persönlicher Triumph spielt sich hinter der Kulisse einer bitteren Niederlage ab. Seit die bürgerliche Rechte am letzten Sonntag den ersten Durchgang der Regionalwahlen verloren hat und so schlecht dasteht wie seit Jahrzehnten nicht mehr, verschieben sich die vermeintlich unverrückbaren Konstanten im Regierungslager. Plötzlich lösen sich die Knoten in den Zungen, wie die Franzosen sagen. Am meisten Kritik bekommt Sarkozy ab. Nicht namentlich freilich, aber doch so deutlich, dass der Adressat nicht verwechselt werden kann.
Sarkozy war «benommen»
Alain Juppé etwa, der frühere Premierminister, wirft Sarkozy vor, er habe mit einer «inopportunen» und «polemischen» Debatte über die nationale Identität die Interessen des rechtsextremen Front national bedient. Ein bürgerlicher Abgeordneter meint, die Wählerschaft habe es satt, dass der Präsident bei neuen Nominierungen ständig nach links schiele, als mangle es im rechten Lager an valablen Kandidaten. Andere geisseln Sarkozys Realitätsverlust, die Vernachlässigung der Bauern und der Arbeiter, die Strategie der Einheitslisten. Nie war die Kritik an Sarkozy lauter.
Das alles freut Fillon wohl, im Stillen. Öffentlich hat er die Seinen dazu aufgerufen, zwischen den zwei Wahlrunden zu schweigen, um nicht alle Chancen zu verspielen, am kommenden Sonntag doch noch 1 oder 2 der 26 Regionen zu gewinnen. Wahrscheinlich kam der Appell dazu aus dem Elysée. Die Zeitung «Libération» titelte am Mittwoch auf der ersten Seite: «Sarkomertà» – eine Kombination aus Sarkozy und Omertà, Todschweigen.
Die Wochenzeitung «Canard enchaîné» schreibt in ihrer jüngsten Ausgabe, Sarkozy sei überrascht worden von der deutlichen Wahlniederlage. Bis kurz vor der Bekanntgabe der Resultate habe er noch geglaubt, dass seine Sammelpartei UMP besser abschneiden würde als die Sozialisten. «Benommen» sei Sarkozy danach gewesen, weiss der «Canard» aus Quellen im Elysée-Palast.
Kehrseite der Omnipräsenz
Noch spannender aber sind in diesem Fall die Quellen im Hôtel Matignon, dem Sitz des Regierungschefs. Der «Canard» zitiert, wie Fillon sich gegenüber seinen Mitarbeitern geäussert hat: «Im Elysée herrscht Panik. Das Resultat war ein Schock. (. . .) Nicolas ist umgeben von Autisten, von Leuten, die zu allem Ja sagen, und ihn in seiner Weigerung bestärken der Realität in die Augen zu schauen.» Er, Fillon, sei nicht bereit, für die Niederlage zu bezahlen. Genau das droht jetzt: Er oder einige seiner Minister könnten als Sündenböcke dienen und geopfert werden – für einen neuen Elan.
Ob das gelingt? In den Augen des Volkes wird bei diesen Wahlen nicht die Regierung abgestraft, also nicht Fillon, sondern Sarkozy. Das ist die Kehrseite der präsidialen Omnipräsenz. Sarkozy erklärt immer alles zur Chefsache, hält alle wichtigen Reden, initiiert alle Reformen und Debatten, delegiert nichts – und ist entsprechend exponiert. Das erklärt sich zwar aus dem politischen System Frankreichs, das den Präsidenten mit ausserordentlichen Kompetenzen ausstattet und den Premierminister zum Ausführenden der präsidialen Politik macht. Doch Sarkozy hat seinen Regierungschef zum Vasallen degradiert. Und das rächt sich jetzt.
Im Bestseller «La carpe et le lapin» («Der Karpfen und der Hase»)* beschreibt die Autorin Alix Bouilhaguet das ungleiche Duo an der französischen Staatsspitze. Fillon stand ihr Rede und Antwort, erzählte ihr, wie es einst zu dem Deal kam, dem er sein Amt verdankt. Trotz allem. Denn fast alles trennt die beiden Männer, die gleich alt sind und zur selben Zeit gross wurden in der Familie der Gaullisten: Sarkozy im rechten, neoliberalen und europäischen Flügel; Fillon im sozialen, eher linken und europaskeptischen Flügel. Sarkozy ist ein energischer und impulsiver Mann, der gerne prahlt und sich kein Gewissen macht über seine grobe, zuweilen vulgäre Art. Fillon dagegen gilt als ruhig, introvertiert, höflich, alte Schule.
Ein überraschendes Angebot
Ambitioniert waren sie aber immer beide. Fillon schaffte es schon mit 27 ins Parlament, einige Jahre vor Sarkozy. Um ihre Aufstiegschancen zu verbessern, wechselten beide in ihrer Karriere die Mentoren. Fillon gleich mehrmals. Sie waren immer auch Rivalen. Fillon brachte es zum Sozial- und später zum Bildungsminister. Sarkozy war Innen- und Wirtschaftsminister.
2004 schlug Sarkozy seinem Rivalen einen Deal vor. Er bot Fillon an, ihn zum Premier zu machen, wenn dieser ihn bei der Präsidentschaftskampagne unterstütze und die Partei hinter ihn bringe. Das war zu einer Zeit, als Sarkozys unverhohlene Ambitionen vielen Rechten auf die Nerven gingen. Sarkozy war immer in den Medien, trommelte für die eigene Sache und legte sich offen mit dem damaligen Präsidenten Jacques Chirac an.
Fillon nahm den Deal an, obwohl er damals zum Lager jener gehörte, die sagten: «Alles, nur nicht Sarko.» Er witterte seine Chance auf ein hohes Amt, das ihm bis dahin verwehrt geblieben war. Chirac hielt ihn für solid, aber durchschnittlich. Sarkozy auch, doch er erkannte in Fillon das Potenzial zum loyalen Gehilfen. Und so kam es, dass der Karpfen und der Hase die Wahlen gewannen und seither miteinander regieren. Mit einer klaren Hackordnung, die nun plötzlich wankt.
*Alix Bouilhaguet: La carpe et le lapin. Editions du Moment, Paris 2009.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.03.2010, 04:00 Uhr



