Ausland
Der Haftbefehl traf Honecker im Pyjama
Vor 20 Jahren am 28. Januar, gut zwei Monate nach dem Fall der Mauer, nahm der damalige Staatsanwalt Volkbert Kessler den bereits abgesetzten DDR-Staatschef Erich Honecker in der Berliner Charité vorläufig fest. Honecker wurde Hochverrat und Amtsmissbrauch vorgeworfen. Ein weiterer Haftgrund war drohende Fluchtgefahr.
Angesprochen auf das damalige Geschehen, winkt der heute im Ruhestand lebende Kessler ab. Die Verhaftung Honeckers sei eher Zufall gewesen und habe nur wegen des Bekanntheitsgrades des Betroffenen für Aufsehen gesorgt. «Ich hatte mich nach einem Aufruf als damaliger Schweriner Jugendstaatsanwalt zur zeitweiligen Mitarbeit in der zentralen Ermittlungsgruppe DDR-Regierungskriminalität in Berlin bereiterklärt», erinnert sich der dunkelhaarige und gebräunte Mann.
Sicherheitslücken in der Charité
Dort hatte DDR-Generalstaatsanwalt Hans-Jürgen Joseph einen Tag vorab die Festnahme Honeckers für Montag den 29. Januar 1990 angekündigt, was dann auch im Fernsehen öffentlich wurde. «Mir kamen angesichts der Ankündigung Sicherheitsbedenken hinsichtlich möglicher Flucht oder Selbstmord», schildert Kessler die damalige Situation.
Bei umgehender Überprüfung bestätigten sich gravierende Sicherheitslücken in der Charité, wo sich der entmachtete DDR-Staatschef nach einer Nierenoperation aufhielt. Das habe den Ausschlag für die vorgezogene Festnahme Honeckers am Abend des 28. Januar gegeben, mit der Kessler und ein weiterer Kollege aus der zentralen Ermittlungsgruppe vom Generalstaatsanwalt beauftragt worden waren.
Honecker reagiert kühl
Honecker habe den Haftbefehl im Pyjama zwar wenig staatsmännisch gekleidet, dafür aber mit erstaunlicher Gelassenheit entgegengenommen, erinnert sich Kessler. «Ich wurde von den Nazis schon wegen Hochverrats angeklagt - wie es ausging, wissen Sie», liess er die beiden Staatsanwälte kühl wissen. Zudem pochte er auf seine Haftunfähigkeit. Da Honeckers Entlassung aus der Charité erst für den folgenden Tag vorgesehen war, bewachten Kessler und sein Kollege, unterstützt von Polizisten, den Festgenommenen die Nacht über in seinem Krankenzimmer.
Dann kam Honecker in Untersuchungshaft, allerdings nur für einen Tag, da ihm Haftverschonung wegen seines angegriffenen Gesundheitszustands gewährt wurde. Beim evangelischen Pfarrer Uwe Holmer in Lobetal fanden er und seine Frau zunächst Unterschlupf.
Ehepaar Honecker flüchtete
Im Dezember 1990 verhängte die Berliner Justiz im wiedervereinigten Deutschland erneut einen Haftbefehl. Grundlage war ein bereits im Dezember 1989 in der DDR eingeleitetes Ermittlungsverfahren. Das Ehepaar Honecker flüchtete in das Militärhospital der sowjetischen Streitkräfte in Beelitz, um dann im März 1991 nach Moskau auszufliegen.
Da aber der russische Präsident Boris Jelzin wenig Neigung zeigte, dem ehemaligen engsten Verbündeten der Sowjetunion Schutz zu gewähren, flüchteten die Honeckers in die chilenische Botschaft. So wurde der ehemalige Staatsratsvorsitzende zum letzten Botschaftsflüchtling der DDR.
Ausreise nach Chile im Januar 1993
Am 29. Juli 1992 holten russische Soldaten ihn aus der chilenischen Botschaft und lieferten ihn nach Deutschland aus. Ab dem 12. November 1992 musste er sich vor dem Landgericht Berlin wegen des Schiessbefehls an der innerdeutschen Grenze verantworten. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes - Honecker litt an Leberkrebs - beantragte der Angeklagte die Einstellung des Verfahrens.
Nachdem das zunächst zweimal abgelehnt wurde, führte eine Beschwerde beim Verfassungsgericht des Landes Berlin am 12. Januar 1993 zum Erfolg. Honecker wurde aus der Haft entlassen und flog einen Tag später nach Chile zur Familie seiner Tochter Sonja. Er starb dort im Alter von 81 Jahren. (tan/ddp/)
Erstellt: 25.01.2010, 12:44 Uhr
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