Ausland

Der Mann, der sich selbst nicht spürt

Von Hansjörg Müller. Aktualisiert am 18.02.2014 11 Kommentare

Martin Schulz möchte Präsident der Europäischen Kommission werden. Aus Sicht eines Euroskeptikers ist der Deutsche der ideale Kandidat. Ein Kommentar.

Eine Art umgekehrter König Midas: Auf den diversen Bühnen der Weltpolitik bewegt sich Martin Schulz von einem Fettnapf zum nächsten.

Eine Art umgekehrter König Midas: Auf den diversen Bühnen der Weltpolitik bewegt sich Martin Schulz von einem Fettnapf zum nächsten.
Bild: Keystone

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Ich bin Euroskeptiker und als solcher ein grosser Fan von Martin Schulz, dem amtierenden Präsidenten des EU-Parlaments. Der deutsche Sozialdemokrat ist nämlich so etwas wie ein lebender Werbespot für die EU-skeptische Bewegung. Derartig tapsig bewegt er sich über die diversen Bühnen der Weltpolitik, dass man sich gelegentlich fragt: Hat dieser Mann denn gar keinen Ratgeber?

Das jüngste Beispiel seiner Neigung, das falsche Wort am falschen Ort zu wählen, gab Schulz in Israel, wo er meinte, seinen Gastgebern ins Gewissen reden zu müssen. Doch, doch, man darf Israel durchaus kritisieren, auch als Deutscher. Dass die Siedlungs­politik, die der jüdische Staat im Westjordanland verfolgt, nicht unbedingt zu einer Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts beiträgt, wird kaum jemand abstreiten wollen.

Absurde Vorwürfe

Allein, auf diese Feststellung mochte sich Schulz nicht beschränken: Nachdem er in seiner Rede vor der Knesset, dem israelischen Parlament, ausgiebig seinen eigenen Umgang mit der deutschen Geschichte sowie die EU gelobt hatte, die eine Antwort auf die Schrecken der Vergangenheit gefunden habe, sagte er diesen Satz: «Eine der Fragen (…), die mich am meisten bewegt hat – wobei ich die genauen Zahlen nicht nachschlagen konnte –, war: Wie kann es sein, dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17?»

Nun, was Schulz, der als Parla­ments­präsident über einen ansehnlichen Stab von Mitarbeitern verfügen dürfte, nicht nachschlagen konnte, vermochten andere innerhalb kurzer Zeit ganz allein zu recherchieren: Der ­Besucher aus Brüssel, so berichtete etwa der Nahost-Korrespondent dieser Zeitung, hatte Zahlen genannt, die von den realen Verhältnissen weit entfernt waren.

Ein schofeliger Gast

Was ist das für ein schofeliger Gast, der einen freundlichen, ehrenvollen Empfang damit vergilt, dass er sich erst einmal ausführlich selbst lobt, um später seinen Gastgeber mit falschen Vorwürfen zu konfrontieren? Einige Zuhörer reagierten empört, doch Schulz wäre nicht Schulz, wenn er aus dem Vorfall die angemessenen Kon­sequenzen gezogen hätte. Anstatt dass er seinen Fehler eingestanden und bedauert hätte, ging er zum Gegen­angriff über: Von den wütenden Reaktionen, die seine Rede hervorgerufen hatte, sei er «überrascht und betroffen», liess er verlauten, um die Israelis gleich noch einmal zu schulmeistern: «Gegenseitige Kritik», so Schulz, sei in Demokratien doch ganz normal.

Eine Feststellung, die in den Ohren manches EU-Parlamentariers wie Hohn geklungen haben muss. Denn auf Kritik reagiert Schulz, der doch so gerne ­austeilt, äusserst dünnhäutig. Wer in Strassburg oder Brüssel auch nur den leisesten Zweifel am Friedensprojekt EU äussert, wird von Schulz wahlweise als «Populist», «Demagoge» oder «Rattenfänger» geschmäht.

Ein Mangel an intellektueller Redlichkeit

Dabei scheint der gelernte Buchhändler, der seine politische Karriere einst als Gemeinderat in der rheinischen Kleinstadt Würselen begann, nicht einmal zu merken, wie sehr solche Vorwürfe auf ihn selbst zurückfallen: Indem er in seiner Kritik zwischen klassischen Liberalen wie den Briten Daniel Hannan und Nigel Farage einerseits und rechten Volksverführern wie der Französin Marine Le Pen und dem Österreicher Andreas Mölzer andererseits keinerlei Unterschiede macht, beweist Schulz wieder und wieder, wie sehr es ihm an intellektueller Redlichkeit, Anstand und Toleranz gegenüber Andersdenkenden mangelt.

In der Schweiz ist Schulz jüngst durch ein Interview aufgefallen, dass er der «NZZ am Sonntag» am 9. Februar, dem Tag der Abstimmung über die von der SVP lancierte Masseneinwanderungs-Initiative, gab.

Eine Art umgekehrter König Midas, in dessen Händen alles verdirbt, statt zu Gold zu werden, vermochte es Schulz auch in diesem Fall, dem eigenen Anliegen grösstmöglichen Schaden zuzufügen: «Es kann nicht sein, dass die Schweiz nur nimmt, was ihr nützt, und die EU auf allem anderen sitzenbleibt», meinte er die Stimmberechtigten ermahnen zu müssen.

Schulz als Helfer der SVP?

Belehrungen, die nicht gut ankamen. Letztendlich habe er gegen die Initiative gestimmt, schrieb der Schriftsteller Thomas Hürlimann in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», doch nachdem er gelesen habe, dass Schulz der Schweiz mit Schwierigkeiten gedroht habe, sei er noch einmal «sehr unsicher» geworden. Weniger als 20 000 Stimmen hätten den Ausschlag gegeben, und für die, so glaubt Hürlimann, habe Schulz gesorgt.

Tatsächlich gibt es für Euroskeptiker kaum einen besseren Verbündeten als Martin Schulz. Ende 2014, wenn die Amtszeit José Manuel Barrosos als Präsident der Europäischen Kommission zu Ende geht, will der Deutsche den Portugiesen beerben. Es wäre ein erfreulicher Personalwechsel. Denn mit Schulz als oberstem Repräsentanten hätte sich eine EU, die zunehmend rechthaberisch und aggressiv auftritt, endgültig zur Kenntlichkeit entstellt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.02.2014, 10:28 Uhr

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11 Kommentare

Stefan Luob

18.02.2014, 11:13 Uhr
Melden 135 Empfehlung 15

Gratulation !
Mit grösstmöglicher Subtilität auf den Punkt gebracht....
Nur, wenn der Herr Schulz, den Herrn Barroso ersetzt, ändert das nicht viel. Beide "Persönlichkeiten" glänzen nicht gerade mit Fachwissen und Leistung, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart. Das trifft allerdings auf so manchen Politiker zu, auch in unserem Lande.
Hier aber, können wir diese selber (ab)wählen.....
Antworten


Roman Isenring

18.02.2014, 11:28 Uhr
Melden 124 Empfehlung 9

Der Herr Schulz, er nimmt sich wirklich wichtig.
Fragen Sie mal die Steuerzaher in Würselen, wie er sich unvergesslich machte in dieser Kleinstadt.
Die Schulden des Frei. bzw. Hallenbades, das Schulz als Bürgermeister durchdrückte, lastet
schwer auf den Bewohnern.
Schulz' Devise,was kümmern mich meine Fehlentscheidungen von gestern. Ich bin ja so wichtig.
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