Ausland

Der Marsmensch und der Honigmond

Sergio Marchionne hat Fiat gerettet. Und wurde gefeiert wie ein Heilsbringer. Nun hält er Italien genervt den Spiegel vor – und fällt in Ungnade.

Stösst mit seiner oft forschen Art die Italiener vor den Kopf: Sergio Marchionne, Fiat-Konzernchef und -retter.

Stösst mit seiner oft forschen Art die Italiener vor den Kopf: Sergio Marchionne, Fiat-Konzernchef und -retter.
Bild: Keystone

Auch die Italiener reden von Honigmond, wenn sie Flitterwochen meinen: «luna di miele». Ein langer, fast sechsjähriger Honeymoon schrumpft gerade zur feinen Sichel. Ja, man erahnt gar eine aufziehende Finsternis am Firmament. Italien entliebt sich von Sergio Marchionne, dem einst gefeierten Konzernchef und Retter von Fiat, der Fabbrica Italiana Automobili Torino, Ikone und Mythos der italienischen Industriegeschichte. Und umgekehrt.

Sein Auftritt am Sommermeeting der christdemokratischen Bewegung Comunione e liberazione in Rimini war so etwas wie ein öffentliches Zeugnis enttäuschter Liebe nach der jüngsten, heftigen Polemik mit den Gewerkschaften in den Werken von Fiat im Süden Italiens.

Verletzter Stolz und Ärger

Ein Donnerschlag war das, eine Mischung aus verletztem Stolz und offenem Ärger, vielleicht die wichtigste Rede des Jahres in Italien: monoton vorgetragen, mit Zitaten von Hegel und Pavese, das meiste abgelesen. Hier einige Sätze daraus: «In Italien fehlt der Wille zum Wandel, wir haben Angst davor.» – «Wir sind nicht mehr in den Sechzigerjahren. Es geht doch nicht, dass wir die Zukunft noch immer auf dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Patrons und Arbeitern aufbauen.» – «Die Wahrheit ist, dass Fiat nur in einem einzigen Land auf der Welt Verlust macht, und das ist in Italien.» – «Ich finde es absurd, dass unsere Leistungen überall auf der Welt geschätzt werden, nur in Italien nicht. Ich erwarte keine Fanfaren, aber auch keine Pfiffe.»

Und weiter: Im globalen Wettbewerb brauche es nun einen «grossen kollektiven Effort», um die nationale Autoindustrie am Leben zu erhalten, am besten einen neuen Sozialpakt, mehr Verantwortungsbewusstsein, mehr Opferbereitschaft. Weniger Streiks also, weniger Absenzen in den Fabriken, weniger Reden – sozusagen weniger Italien.

Der «gute Borghese»

Marchionne verzweifelt also an dem Land, das er mit 14 Jahren mit seinen Eltern verliess, um in Kanada aufzuwachsen und um später eine internationale Karriere als harter Sanierer zu machen: vor allem in der Schweiz. Als ihn die Agnellis 2004 nach Turin holten, da bangte man dort um das Überleben von Fiat. Der grösste Privatkonzern Italiens war akut gefährdet. Die Schulden waren dramatisch hoch, die Führungsetagen überbevölkert, die Marken ohne Strahlkraft. Marchionne schaffte den Turnaround, das Wunder.

Er sprach oft von sozialer Ethik, ass auch schon mal in der Mensa, dünnte die Managerschicht aus. Und er tourte durch die Fabriken, mied die Hinterzimmer der Politik, redete dafür viel und ausgiebig mit den Gewerkschaften. Immer im Pullover, seinem Markenzeichen, mit dem er sich gegen den Dresscode der Geschäftswelt verwehrt. Die Linke liebte ihn. Der Kommunist Fausto Bertinotti bezeichnete Marchionne damals als «guten Borghese», was früher als innerer Widerspruch gegolten hatte. Man lobte auch seinen amerikanischen Pragmatismus, der so sehr mit dem pseudoaristokratischen Gehabe früherer Manager kontrastierte.

Nur Obama dankt

Nun ist alles anders. Sergio Marchionne ist seit der Fusion mit Chrysler gleichzeitig Chef des grossen, kriselnden amerikanischen Autohauses und teilt seine Zeit auf zwischen Turin und Detroit. Er redet mittlerweile auch so: wie ein pendelnder CEO eines globalen Unternehmens. Die Arbeiteraufstände in Melfi und Pomigliano kommen ihm da zunehmend provinziell vor – lokal eben: als Früchte einer anachronistischen Sicht der Welt, in der noch immer mit Klassenkampf räsoniert wird, wo die alte Dialektik noch alles regiert. In Amerika dagegen passt sein Zukunftsdiskurs sogar den Gewerkschaften. Dort sind sie wohl einfach froh, dass Chrysler überhaupt noch auf dem Markt ist. Auch Präsident Barack Obama ist froh darüber. Er hat Marchionne viel Geld anvertraut für die Rettung des Konzerns und dankt ihm öffentlich.

Sind Arbeitsrechte Relikte der Sechzigerjahre?

In Italien dankt niemand. Verlangt Marchionne etwa zu viel? Fordert er den Arbeitern mehr Opfer ab als den Managern, wie ihm die Linke vorwirft? Ist es denn richtig und fair, dass die Kosten des globalen Strukturwandels zwangsläufig und hauptsächlich auf die Arbeiter abgewälzt werden? Was wird aus ihren Rechten? Sind sie denn tatsächlich überholte Relikte der Sechzigerjahre? Wie sehen unsere westlichen Gesellschaften übermorgen aus, wenn ein Teil des Wohlstands erodiert sein wird?

Diese Fragen werden nun diskutiert in Italien. Es sind grosse, globale Fragen dieser Zeit. Doch bezeichnenderweise wirft sie nicht die Politik auf, die viel zu sehr mit ihren eigenen Krisen beschäftigt ist, sondern die Wirtschaft. Marchionne dient gewissermassen als Motor der Debatte, als Turbo. Und obschon er unablässig beteuert, er interessiere sich nicht für politische Spielchen, wird alles politisch gedeutet. Es ist wie immer, wenn in Italien ein Wirtschaftsführer Kritik am politischen und kulturellen System übt: Dann wirft die Politik dem Votanten vor, er übertrete seine Kompetenzen, habe Ambitionen, verfolge eine eigene Agenda. Oder man fordert ihn auf, Farbe zu bekennen und in die politische Arena zu steigen – ganz so, als gebe es kein anderes Forum für Kritik.

Zu forsch für Italien?

Bei Luca Cordero di Montezemolo, dem Chef von Ferrari, ist das so. Kürzlich gab er sich «enttäuscht» über die Regierungsbilanz von Silvio Berlusconi, selber einst ein Unternehmer, und wurde danach von dessen Entourage hart angegangen. Auch Corrado Passera, Chef der Grossbank Intesa, der kürzlich im «Corriere della Sera» die italienische Reformträgheit kommentierte, wurde prompt in die Schranken gewiesen. Im Fall von Marchionne fragen sich die italienischen Medien jetzt, ob der Italo-Kanadier am Ende doch eher der Rechten näher stehe als der Linken, wie man früher dachte. Man zerrt ihn hin und her, zählt die Applause, interpretiert vermeintliche Anspielungen – das übliche Theater.

Marchionne hat schon damit gedroht, die ganze Produktion von Fiat ins Ausland zu verlegen, zum Beispiel nach Serbien, wenn in Italien nicht endlich die Einsicht reife, dass es so nicht weitergehen könne, dass sich die Welt verändert habe, dass Wandel nötig sei. Dringend. Der Heilsbringer droht also mit viel Unheil und gibt sich dabei vielleicht eine Spur zu forsch, zu autoritär. Die «Repubblica» nennt ihn einen «marziano», einen Marsmenschen, der in seiner neuen Rolle als globaler CEO in Italien nicht mehr so richtig zu Hause sei. In seinem Italienisch hört die Zeitung wieder einen «Yankee-Akzent» heraus. Einen ganz feinen. Der war immer da. Nur fiel er in anderen Zeiten, in Zeiten des Honigmonds, niemandem auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2010, 20:02 Uhr

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7 Kommentare

Tino Cirillo

30.08.2010, 15:33 Uhr
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Marchionne's sollten in der Italienischen Wirtschaft vermehrt vorhanden sein, solche Leute schaffen den nötigen Umschwung in Italien, davon könnten die Gewerkschaften und die Politiker nur lernen. Italien könnte mit dem BIP der im Norden generiert wird locker G5 sein. Antworten


Peter Waldner

30.08.2010, 14:00 Uhr
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Gelegentlich kommen wir Gewerkschaften vor, wie die katholische Kirche: Krampfhaft halten sie fest an Errungenschaften aus früheren Zeiten, obwohl diese teilweise sichtlich überholt sind. Gewerkschaften waren nicht nur erfolgreich, sondern für die weitere Entwicklung der Arbeitnehmer - ja der ganzen Gesellschaft - ausgesprochen wichtig. Aber jetzt sind sie oft rückständig. Antworten


alex gressin

30.08.2010, 11:30 Uhr
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Marchionne hin oder her.... ohne ihn wäre fiat und somit tausende von arbeitsplätze in italien und den usa, flöten gegangen...... aber dies vergisst mann schnell.... sobald man sich für einen wandel in der italienischen " padron - arbeiter " kultur sehnt. moderne zeiten brauchen auch moderne und fleziblere arbeitsmodelle, die halt nicht überall erwünscht sind. Antworten


Daniel Signer

30.08.2010, 10:12 Uhr
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"Sind Arbeitsrechte Relikte der Sechzigerjahre?". Wem nützt diese polemische Frage? Sollen die Gewerkschafter so lange streiken bis die Firma weg oder bankrott ist? Solange die Politik die Menschenrechte nicht respektiert, sinnlos. Wie sieht es denn mit den Rechten aller Bürger innerhalb der EU aus? Schon mal über den Lissaboner Vertrag informiert? Todesstrafe wird wieder möglich, etc. Antworten


Gianin May

30.08.2010, 09:42 Uhr
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Nun wenn sich Italien diese Fragen nicht stellen will, dann sind sie selber schuld, wenn sich keiner mehr für sie interessiert und das Land den Bach runter geht. Wer nicht hören will MUSS wohl fühlen Antworten


Mario Monaro

30.08.2010, 09:31 Uhr
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Marchionne mag nicht immer in allem richtig liegen. Seine Kritik an Italien finde ich aber berechtigt. Ich finde das Belpaese ein Auslaufmodell, das noch eine Zeit lang als Ferien-Disney-Resort dienen kann. Das Südtirol sollte man nach Österreich entlassen (wo die sowieso hinwollen), den Rest abtrennen und im Meer versenken, dann hätten wir endlich auch Meeranstoss. Antworten


Hans Lips

30.08.2010, 09:19 Uhr
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Beim Besuch der grössten Kühlschrankfabrik Europas in Italien in den 60ern stellte ich fest dass jeder Arbeitsposten 3fach besetzt war. Einer war krank, der zweite stand Pikett, einer arbeitete. Ital. Bräuche sind gut für die Konkurrenz, aber schlecht für Europa. auch in der Schweiz darf man nicht jede Wahrheit sagen. Antworten



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