Ausland
Der Montag, der die Welt veränderte
Genährt unter anderem durch das Internet verbreitet sich der Mythos, die Montagsdemonstrationen in Leipzig und damit auch die friedliche Revolution in der DDR hätten am 4. September 1989 begonnen. Doch Demonstrationen im Anschluss an das seit 1982 montags in der Nikolaikirche und anderen Gotteshäusern der Stadt gehaltene Friedensgebet hatte es schon früher gegeben. Bereits im Herbst 1983 gab es sogenannte Kerzendemonstrationen, deren Teilnehmer vor der Polizei Zuflucht in der Nikolaikirche fanden.
Seit 1988 waren dann, wie sich der frühere Superintendent Friedrich Magirius erinnert, die Friedensgebete zum Treffpunkt für Ausreisewillige geworden, die anschliessend auch auf die Strasse gingen. So zogen etwa am 13. März 1989 rund 300, nach anderen Angaben sogar 600 Menschen mit der Forderung «Wir wollen raus!» von der Kirche aus Richtung Markt. Die Volkspolizei griff ein, es gab Verhaftungen.
Auch am 4. September wurde demonstriert. Erstmals ertönte ein neuer Ruf: «Wir bleiben hier!» Die Erinnerung an die Vorgänge des 13. März hatte Staatsführung, Polizei und Staatssicherheit auf den Plan gerufen: Es war der Montag der Leipziger Frühjahrsmesse, und das Geschehen war Vertretern westlicher Medien in Leipzig natürlich nicht verborgen geblieben.
Die Besucher der Friedensgebete hatten auch nach jenem Märzmontag die Gelegenheit genutzt, nach dem Gottesdienst zu verweilen und zu diskutieren. Immer wieder waren die Menschen aufgefordert worden, den Platz zu verlassen, Hundertschaften umringten sie, es gab Festnahmen. Dies ging so bis zum Juni, dann herrschte erst einmal Sommerpause.
Staatsorgane wollen Friedensgebet verhindern
Der Staatsführung war allerdings klar, dass die traditionellen Gebete am 4. September wieder aufgenommen würden, ausgerechnet am Tag nach Eröffnung der Herbstmesse. «In der Sommerpause versuchten die staatlichen Organe mit allen Mitteln den Wiederbeginn der Friedensgebete am Messemontag zu verhindern», beschrieb Magirius im 1990 erschienenen «Demontagebuch» die Situation. Der Landesbischof und die Superintendenten der Stadt seien vom Rat des Bezirks gewarnt worden; auch der Rat der Stadt mahnte, auf keinen Fall am 4. September zum Friedensgebet einzuladen. «Noch wenige Tage zuvor rief der Oberbürgermeister den gesamten Kirchenvorstand ins Rathaus, um den Wiederbeginn zu verhindern», erinnerte sich Magirius.
Doch die Kirche liess sich nicht davon abbringen, die Friedensgebete wieder aufzunehmen. «Am 4. September war dann die Kirche übervoll; fortan füllten nun Montag für Montag weit mehr als 2'000 Menschen den Raum», heisst es dazu bei Magirius. Man gedachte an jenem Tag des Überfalls deutscher Truppen auf Polen 50 Jahre zuvor und des Leids, das damit über das Nachbarland hereinbrach. Vor der Kirche fand nach Angaben der Leipziger Arbeitsgruppe «Herbst '89» auch eine Demonstration von Mitgliedern Leipziger Basisgruppen statt. Sie trugen grosse Transparente, auf denen unter anderem «Für ein offenes Land mit freien Menschen» zu lesen war». Es dauerte nur wenige Sekunden, dann rissen junge Männer in Zivil, die offenbar der Stasi angehörten, die Plakate herunter.
Der Westen schaut zu
Es trat genau das ein, was die Staatsführung so befürchtet hatte: : Westliche Kameras nahmen Bilder davon auf, die Rufe der Menge «Stasi raus!» gingen um die ganze Welt. Doch nicht nur dieser öffentliche Protest der DDR-Bürger gegen den staatlichen Unterdrückungsapparat wurde hörbar. «Neu an diesem Abend war auch der Ruf der Demonstranten ‹Wir bleiben hier›», berichtet die Arbeitsgruppe «Herbst '89».
«Die bis dahin bestehende Barriere zwischen den ‹Ausreisern›, die den Platz mit dem Satz ‹Wir wollen raus› beherrscht hatten, und den ‹Hierbleibern› war gebrochen. An den folgenden, Montagen demonstrierten sie gemeinsam für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn auch mit unterschiedlichen Motivationen.» Und das ist es, was den 4. September 1989 als Montagsdemonstrationstag so einzigartig machte. (jak/ap)
Erstellt: 04.09.2009, 15:39 Uhr
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