Der Run auf die Arktis kennt (fast) keine Grenzen

Die Anrainerstaaten des Nordpols machen sich ein Drittel der weltweiten Öl- und Gasreserven streitig. Longyearbyen auf Spitzbergen ist in den letzten Jahren zu «einem der internationalsten Orte» geworden.

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Bis vor kurzem führte die kleine Siedlung am Eisfjord auf Spitzbergen ein äusserst abgeschiedenes Dasein. Vornehmlich aus strategischen Gründen betreibt Norwegen seit bald hundert Jahren auf Spitzbergen eine staatlich unterstützte Kohleförderung. Dies, nachdem sich das damals noch junge Königreich mit zahlreichen anderen Staaten, darunter die Sowjetunion und die Schweiz, auf ein Abkommen geeinigt hatte, das Oslo die Souveränität über den 62'000 Quadratkilometer grossen Archipel unterhalb des Nordpoles zuspricht, aber den Bürgerinnen und Bürgern sämtlicher (heute 40) Vertragsstaaten die volle Freizügigkeit ermöglicht.

Am frisch ausgebauten Hafen von Longyearbyen zeigt sich denn auch die neue und wachsende Bedeutung der Hocharktis: Neben den regelmässig auftauchenden Kohlefrachtern aus China liegen hier auch Forschungsschiffe der lokalen Universität, Touristenkreuzfahrtsschiffe und Küstenwachen unter norwegischer und manchmal auch russischer Flagge vor Anker. Im nahen Flughafen landen täglich mehrere Flugzeuge von Billigfliegern, aber auch Spezialflugzeuge der UNO, welche Materialien für das vor wenigen Jahren errichtete globale Saatgutreservoir aus der ganzen Welt liefern. «Innerhalb weniger Jahre sind wir zu einem der internationalsten Orte der Welt geworden», sagt Bürgermeisterin Christin Kristoffersen, «das bringt viele neue Herausforderungen». Die Demokratie wurde auf Spitzbergen erst vor zehn Jahren eingeführt; zuvor herrschten die Direktoren der Kohlegruben fast uneingeschränkt.

Moskau hisst Unterwasserflagge

Die mit Abstand grösste Herausforderung für Longyearbyen, die nördlichste Stadt der Welt, ist jene des ganzen arktischen Raums: die Klimaerwärmung. Die macht heute nicht nur den Eisbären zu schaffen, sondern weckte neue Begehrlichkeiten. Im arktischen Untergrund finden sich enorme Rohstoffreserven wie Öl und Gas sowie seltene Metalle. Es war Norwegen, das 1996 mit einer Eingabe bei der UNO für eine Ausweitung seiner territorialen Kontrolle über die 200-Seemeilen-Grenze hinaus das Wettrennen zum Nordpol eröffnete. In den Jahren darauf folgten Russland, Kanada, Dänemark und schliesslich auch die USA. Sämtliche Anrainerstaaten verstärkten zudem schrittweise ihre militärische Präsenz im hohen Norden. Im Sommer 2007 sorgte Moskau für Aufsehen, als es anordnete, auf dem Meeresgrund am Nordpol in 4261 Meter Tiefe die russische Flagge zu hissen.

In den vergangenen Jahren ist es zwischen den Anrainerstaaten wiederholt zu Scharmützeln im Eismeer gekommen. Dabei geht es auch um die Kontrolle über die Schiffsfahrtsrouten, die sich wegen des sich zurückziehenden Pack- und Treibeises öffneten. Dazu gehört die Nordostpassage von Europa nördlich von Sibirien nach China ebenso wie die Nordwestpassage vom Nordatlantik zum Pazifik. Beide verkürzen die bisherigen Fahrzeiten durch den Suez- bzw. den Panamakanal erheblich und sind deshalb ökonomisch hochinteressant.

Vor einem Jahrzehnt einigten sich die Anrainerstaaten auf die Schaffung eines neuen Kooperationsorgans, des Arktischen Rats. Er versucht seither, die unterschiedlichen nationalen Interessen unter einen Hut zu bringen – und eine friedliche Verwaltung des arktischen Raums zu sichern. Die Krise um das von russischen Sicherheitskräften beschlagnahmte Greenpeace-Schiff macht jetzt deutlich, dass einzelne Staaten wenig kompromissbereit sind, wenn es um die einseitig deklarierten Einflusszonen geht. Hinzu kommt, dass die in der Arktis lebenden Volksgruppen – insgesamt rund eine Million Menschen, darunter zahlreiche Indigene – bislang nur einen sehr geringen Einfluss auf die Entwicklung haben.

Oslos widersprüchliches Signal

Unabhängig davon stellt sich die ökologische Frage bei allen Aktivitäten in der Arktis: Wegen der speziellen klimatischen Bedingungen wirken sich hier Unfälle und Katastrophen, etwa bei der Ölförderung oder dem Transport gefährlicher Güter, viel schwerwiegender aus als in gemässigteren Klimazonen. Die neue bürgerliche Regierung Norwegens hat dazu in den vergangenen Tagen widersprüchliche Signale verbreitet: So soll das Gebiet um die Bäreninsel, die auf halbem Weg zwischen Spitzbergen und dem Nordkap liegt, für die Öl- und Gasförderung geöffnet werden, während ähnliche Pläne bei den fischreichen Lofoteninseln bis auf weiteres auf Eis gelegt werden. Letzteres aber nur als kurzfristiges Eingeständnis dafür, dass sich ohne einen solchen Verzicht im norwegischen Parlament keine Mehrheit für eine neue Regierung finden lässt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2013, 07:50 Uhr

Putin: Arktis gehört zum russischen Staatsgebiet

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