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Der gute Wulff von nebenan
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Jetzt ist sie wieder das Thema, die Bundespräsidentenwahl. «Wir im Emsland», sagt der Gemeindepräsident mit dem roten Kopf, «glauben natürlich, dass Sie es schaffen.» Christian Wulff steht daneben und lächelt professionell, so wie es Politiker tun, wenn sie angespannt sind. Die diesjährige «Sommerreise» des niedersächsischen Regierungschefs ist zur Werbetour geworden. Wulff ist nicht mehr der Ministerpräsident aus Hannover, er ist der Kandidat für den höchsten Posten in Berlin. Die Koalition will ihn am Mittwoch zum Bundespräsidenten küren, was wohl klappt, wenn nicht noch ein politischer Erdrutsch passiert.
Doch die letzte Woche war ein Marathon. Tagelang ist Christian Wulff durch Niedersachsen gereist, hat Firmen besucht, ein Tourismusfest an der Nordsee oder eine Anlage, in der Wölfe leben. Bei Hinz und Kunz war er. Jetzt also ist die Glasfabrik Hero in Dersum dran. Es ist ein kleines, ordentliches Dörfchen hier, zwischen dem Fluss Ems und der holländischen Grenze. Die Menschen haben die Köpfe aus den Fenstern gestreckt, als der Wulff-Bus vorfuhr.
Besuch beim Mittelstand
Der Ministerpräsident lässt sich durch die Fertigungshallen führen. Artig betatscht er Glasscheiben, schüttelt einem Arbeiter die Hand. Die Firmenchefs schwärmen von ihren Glasscheiben, die in Jachten eingebaut werden und in Hochhäuser. Es ist das Deutschland des Mittelstandes, was nicht heisst, dass es mittelmässig ist. Es ist sogar führend auf dem Weltmarkt – und doch irgendwie bescheiden. Genauso wie Christian Wulff. Als sein Tross schliesslich abfährt, stehen die Dersumer an der Strasse und winken. «Kommen Sie wieder!», ruft einer. «Dann halt als Bundespräsident.»
Die Wulff-Tour geht weiter in ein Blumencenter. Journalisten bestürmen den Kandidaten. Ob er nervös sei, jetzt, wo es nur noch wenige Tage bis zur Wahl seien. Wulff winkt ab. Er redet vom «wachsenden Druck», den er verspüre. «Sonst aber behalte ich die mir eigene Gelassenheit.» So redet einer, der es gewohnt ist, druckfertige Sätze abzuliefern, zitierbare Sätze, solche, aus denen ihm nachher niemand einen Strick drehen kann.
Nächste Station: ein Verein in Osnabrück, der Migrantenkindern bei den Aufgaben hilft. Die Aktivisten haben ein Fest mit Ständen organisiert. Wulff, wie ein Papa, schreitet durch die Räume. Lehrerinnen erzählen von ihren Erfahrungen, Schüler berichten, wie viel ihnen die Hilfe gebracht hat. Wulff redet mit einem 11-jährigen chinesischen Mädchen. Ob sie auch gerne Chinesischkurse besuchen würde, fragt er. Die Kleine lächelt, äähh, überlegt und sagt dann: «Ich rede ja zu Hause Chinesisch.» Die Runde nickt trotzdem.
Schwierige Kindheit
Christian Wulff ist der Mann, der mit allen kann. Mit dem rotgesichtigen Bürgermeister, mit der hageren Chefin des Hausaufgaben-Hilfsvereins, mit dem chinesischen Mädchen. Draussen auf dem Kinderfest findet er das Gespräch mit türkischen Teenagerinnen, die sich bunte Kopftücher fest umgeschnürt haben. Er findet das ein «Zeichen der Stärke», dass die jungen Frauen so zu ihrer Religion stünden. Alle sind froh. Christian Wulff tut niemandem weh.
Er ist ein Versteher, einer, der den Leuten das Gefühl gibt, ihnen zuzuhören. Dabei wirkt Wulff manchmal fast aussermenschlich. Er ist gleichsam nicht ein Mann aus Fleisch und Blut, er ist eine Funktion, ein Roboter, der eine Aufgabe erfüllt, eben ein perfekter Politiker. Wer ihm zuschaut, wie er durch Gartencenter geht, an Glaspressmaschinen vorbei und durch einen liebevoll gestalteten Kinder-Markt, der versteht, dass Wulff sich nicht verstellt. Er trägt nicht die Maske des guten Papas von nebenan, er ist der gute Papa von nebenan.
Er selber stammt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Seine Eltern trennten sich, als er zwei Jahre alt war. Später verliess auch der Stiefvater die Familie, Wulff, gerade 14 Jahre alt geworden, musste die Pflege seiner MS-kranken Mutter übernehmen.
Doch die Zeiten damals waren gut für einen, der tüchtig ist und klug. Die Bundesrepublik boomte, Wulff fand scheinbar spielend den Weg nach oben. Seine Karriere liest sich wie aus dem Handbuch für CDU-Kader: Studium des Rechts, Arbeit als Anwalt, parallel stieg er von der Schüler-Union über die Junge Union in die Mutterpartei hoch.
Bundesweit Aufsehen erregte er erstmals mit seiner Kritik an den verkrusteten Strukturen in der CDU unter Helmut Kohl. Damals – heute glaubt man das kaum mehr – galt Wulff als Vertreter der «jungen Wilden» in der Partei. Still, aber konsequent baute er anschliessend die Niedersachsen-CDU auf, im dritten Anlauf, 2003, schaffte er es schliesslich, die SPD von der Macht zu vertreiben.
Längere Zeit galt Wulff als möglicher Rivale oder Nachfolger von Kanzlerin Merkel. Bis er sich selber aus dem Rennen nahm mit der Bemerkung, ihm fehle der unbedingte Wille zur Macht. Seither gilt er vielen als Beta-Tierchen, sie halten ihn für einen Langweiler, für einen, der nicht mitreissen kann. Das Verrückteste, was Wulff bisher gemacht hat: Er berief eine türkischstämmige Politikerin in sein niedersächsisches Kabinett. Die erste türkische Ministerin der ganzen Bundesrepublik! Auch die linksliberale Presse applaudierte freundlich. Als die Frau dann aber keck sagte, sie finde, Kruzifixe müssten aus den Schulen verschwinden, da pfiff Wulff sie zurück. Er wollte den christlichen Traditionalisten nicht auf die Füsse treten.
Keine Tränen bei Wullfs Reden
Einem solchen Ausgleicher fehlt es an der Lust zur Provokation, an Standfestigkeit im Moment des Konflikts, auch an der Kraft zur revolutionären Geste. Von Wulff sind keine Reden zu erwarten, die zu Tränen rühren, so wie von Joachim Gauck, seinem Gegner im Ringen ums höchste Amt im Staat. Der redete jüngst im Deutschen Theater in Berlin über Freiheit, Demokratie, Bürgersinn und Verantwortung. Das Publikum, eine Melange aus Intellektuellen, Journalisten, Politikern und Kulturschaffenden, applaudierte stehend, einige hatten Tränen in den Augen.
Zur selben Zeit tuckerte Wulff auf seiner «Sommerreise» durch Niedersachsen und besuchte eine Wurstfabrik in Ronnenberg im Umland von Hannover. Es ist ein Unternehmen nach seinem Gusto. Mittelständisch, solide, mit «gesundem Wachstum». Er hoffe, dass bald eine Filiale in Berlin eröffnet werde, sagte Wulff. Die Geschäftsführerin winkte ab: Eine Expansion in die Hauptstadt stehe nicht auf dem Plan. «Tja», sagte Wulf. «Das habe ich vor drei Wochen auch noch gedacht.» Alle lachten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.06.2010, 21:58 Uhr
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