Ausland

Der nette Herr Doktor

Von David Nauer. Aktualisiert am 11.05.2011 3 Kommentare

Philipp Rösler soll die deutsche FDP aus der Krise führen. Beim Postenschacher musste er bereits grosse Kompromisse machen – und der inhaltliche Neuanfang beginnt erst.

Steht ab sofort noch mehr im Fokus der Medien: FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler.

Steht ab sofort noch mehr im Fokus der Medien: FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler.
Bild: Keystone

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«Ich bin anders als Guido Westerwelle», sagt Philipp Rösler. Und es gibt wohl niemanden im politischen Berlin, der das bestreitet. Nicht eitel, nicht selbstverliebt, nicht laut und schrill. Vielmehr bescheiden, zurückhaltend, freundlich – so wirkt der designierte neue FDP-Chef. Im brutalen Betrieb des Regierungsviertels sind das nicht nur Vorteile, wie sich gestern bereits zeigte.

Nach tagelangen Spekulationen war es der Tag des grossen Postenschachers bei der FDP. Die alte Garde, welche die Partei in eine beispielslose Krise geführt hatte, sollte entsorgt werden – oder mindestens an den Rand gedrängt. Doch Rösler, der 38-jährige Shootingstar der Liberalen, vermochte es vor dem Parteitag vom kommenden Wochenende nicht, eine komplett neue Mannschaft durchzusetzen.

Stattdessen bleibt es bei einer Rochade, die stark nach Kompromiss schmeckt. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (65) wird Fraktionschef, Fraktionschefin Birgit Homburger (46) Vizepräsidentin – und Rösler wechselt vom Gesundheits- ins Wirtschaftsministerium. Das einzige frische Gesicht: Daniel Bahr, einer aus Röslers engster Umgebung, zieht neu ins Kabinett ein. Der 34-Jährige – «Spiegel online» nennt ihn einen «liberalen Blitzstarter» und «geschmeidigen Posterboy» – beerbt Rösler und übernimmt das Gesundheitsministerium.

«Zu schwach und zu weich»

Ein echter personeller Neuanfang sieht anders aus, zumal der scheidende Westerwelle weiterhin Aussenminister bleibt. Schon wird in Berlin lamentiert, Rösler sei zu schwach und zu weich, um den Knochenjob des FDP-Vorsitzenden zu meistern. Die Kommentare in der Presse sind ebenfalls ätzend: «Dass Rösler nett ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Er weist selbst gern darauf hin», spottete der «Spiegel» bereits Anfang Woche, «das ist sein Trumpf, bislang sein einziger.»

Anderseits: Viele Liberale hatten sich gerade einen gewünscht, der mehr zuhört, der integriert, statt von oben durchzuentscheiden. Die Fixierung auf die Person von Westerwelle, glauben viele, ist mit einer der Gründe für die momentane Krise.Mit diesem Zwiespalt wird Rösler leben müssen. In gewisser Weise ist sein kometenhafter Aufstieg ohnehin eine Karriere wider Willen. Schon zum Sprung nach Berlin ins Bundeskabinett musste der studierte Mediziner überredet werden. Er beschreibt sich selber als Familienmenschen, er leidet an der häufigen Trennung von Frau und Kindern, die weiterhin im fast 300 Kilometer entfernten Hannover leben.

Im Café setzt er sich dazu

Als einer der wenigen deutschen Spitzenpolitiker spricht er auch offen über Neid und Missgunst in der Branche. «Wenn ich in Hannover meine beiden Stellvertreter im Café sitzen sehe, setze ich mich einfach dazu», erzählte er in einem Interview. «Wer hier in Berlin zwei Stellvertreter im Café sieht, kommt immer auf den Gedanken, dass sie gerade besprechen, wer Vorsitzender anstelle des Vorsitzenden wird.»

Philipp Rösler stammt ursprünglich aus Vietnam, von wo er im Alter von neun Monaten nach Deutschland kam – zu Adoptiveltern. Er wuchs in Hamburg und Hannover auf, studierte Humanmedizin. Seine Facharztausbildung erhielt er bei der Bundeswehr. Parallel startete er seine politische Laufbahn, diente sich vom einfachen Parteimitglied hoch bis zum Landeschef der Liberalen in Niedersachsen. Seit 2009 politisiert er in der Hauptstadt.Den Weg nach ganz oben machten die schweren Niederlagen der FDP in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg frei. Guido Westerwelle, der die Partei ein ganzes Jahrzehnt lang geprägt hat, konnte sich nicht mehr weiter als Vorsitzender halten – und gab zähneknirschend seinen Rückzug bekannt.

Die «mitfühlenden» Liberalen

Die grosse Frage ist nun, in welche Richtung sich die Partei inhaltlich weiterentwickeln wird. Der neue Parteichef, sein Generalsekretär Christian Lindner und der künftige Gesundheitsminister Bahr stehen für einen «mitfühlenden Liberalismus». Sie wollen weg vom Image der reinen Steuersenkungspartei und etwa zuerst den Staatshaushalt sanieren, bevor die Abgabenlast reduziert wird. Auch verächtliche Sprüche über Hartz-IV-Empfänger und andere Bedürftige – wie einst von Westerwelle – wird man von ihnen nicht zu hören bekommen.

Der Staat, so ihre Überzeugung, muss dafür sorgen, dass auch die Schwächsten eine Chance erhalten. Andere Akzente setzt das Lager um Rainer Brüderle. Der neue Fraktionschef warnte jüngst vor einem «Säuselliberalismus», den die Jungmannschaft seiner Ansicht nach installieren möchte. «FDP pur», so der alte Haudegen, gebe es nur mit ihm. Diese Differenzen werden noch zu Konflikten führen.

Angesichts dieser Unsicherheit bleibt die Wählerschaft der Partei gegenüber skeptisch: Im aktuellen DeutschlandTrend der ARD liegt die FDP weiterhin unter der 5-Prozent-Hürde, sie würde also den Sprung in den Bundestag verpassen. Umfragen von vergangener Woche zufolge glauben 80 Prozent der Deutschen nicht, dass Rösler es schafft, die Liberalen wieder auf den Erfolgspfad zu führen. Der künftige FDP-Chef mag bisher auch als Person nicht zu überzeugen: Im Rating der beliebtesten Bundespolitiker steht er auf dem zweitletzten Platz. Schlechter als er schneidet nur noch Guido Westerwelle ab. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2011, 08:41 Uhr

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3 Kommentare

Dieter Wundrig

11.05.2011, 08:56 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Ein weiterer "Blender" in der D-Politik auf der Überholspur. Eine Baustelle hat er nun verlassen und die nächste wird er wohl ungebremst durchfahren. Hat Deutschland solche Politiker wirklich verdient? Antworten


Emil Roduner

11.05.2011, 08:58 Uhr
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Ich bin ja bass erstaunt, wie eine Partei, die kürzlich in Wahlen gehörige Klatschen eingefangen hat und in BW nur knapp das Quorum für die weitere Parlamentszugehörigkeit geschafft hat, so einfach in einer Parteiversammlung nach Belieben Bundesminister austauschen kann. Hat eigentlich der Koalitionspartner und insbesondere die Bundeskanzlerin dazu nichts zu sagen? Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.