Deutsche am Rande des Nervenzusammenbruchs

Deutschlands Medien und Politiker stehen dem Phänomen «Pegida» ratlos gegenüber. Rassisten oder Neonazis sind die meisten, die da demonstrieren, nicht. Doch sie pflegen ein wirres, von der Realität weitgehend abgekoppeltes Weltbild.

«Sie wollen uns hier als Deutsche ausrotten»: Demonstranten auf einer «Pegida»-Kundgebung in Dresden am vergangenen Montag.

«Sie wollen uns hier als Deutsche ausrotten»: Demonstranten auf einer «Pegida»-Kundgebung in Dresden am vergangenen Montag. Bild: Keystone

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Das Vokabular zeigt die Ratlosigkeit: Von «Rechtspopulisten» ist die Rede, von «Menschen», die man «nicht ausgrenzen» dürfe, die es vielmehr «abzuholen» gelte. Auch das Modewort «krude» kommt immer wieder zum Einsatz: Deutschlands Politiker und Journalisten blicken verständnislos auf das Phänomen «Pegida», greifen tief in die Phrasenkiste und ziehen die üblichen Versatzstücke heraus, die in solchen und ähnlichen Situationen zum Einsatz kommen. Verstehen tun sie das, was sie da sehen, offensichtlich nicht.

Die Wahrheit ist: Es gibt hier auch wenig zu verstehen. «Pegida», jene Bürgerbewegung, die im Oktober in Dresden ihren Ausgang nahm und mittlerweile Tausende auf die Strasse bringt, ist selbst eine Reaktion auf eine Welt, die von denen, die da protestieren, nicht mehr verstanden wird: Ein konsistentes Weltbild fehlt den Demonstranten. Wenig zutreffend ist auch das Wort vom Populisten, mit dem der offiziöse «Pegida»-Führer Lutz Bachmann gelegentlich bezeichnet wird: Er gehört selbst zu den Verwirrten. Populismus aber setzt eine gewisse politische Professionalität voraus.

Im Rahmen der demokratischen Grundordnung

Das Programm der Bewegung findet sich im Internet. Was da steht, gibt zunächst einmal wenig Anlass zur Aufregung. Es befindet sich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grund­ordnung: «Gegen Radikalismus, egal ob religiös oder politisch motiviert», spricht sich der Autor des Papiers aus, ausserdem «gegen Hassprediger, egal welcher Religion zugehörig».

Dass «Pegida» «gegen Ausländer» beziehungsweise «gegen Asylanten» sei, wie deutsche Medien berichten, geht zumindest aus diesem Positionspapier nicht hervor: Zwar wird dort nach strengeren Regeln für das Asyl­antragsverfahren, nach der Umsetzung bestehender Gesetze bei Abschiebeverfahren sowie nach einer «Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten» gerufen, doch ist ausdrücklich auch die Rede davon, die Aufnahme von politisch oder religiös Verfolgten sei «Menschenpflicht».

Ein paar Neonazis – und viele Kleinbürger

Auch die Teilnehmer der «Pegida»-Kundgebungen – 15 000 waren es am Montag – wirken nicht sonderlich radikal: Zwar marschieren vereinzelt Rechtsextreme mit, doch in der Mehrheit handelt es sich um Leute, die einer Schicht angehören, die man am ehesten als Kleinbürgertum charakterisieren kann. Rassisten und Neonazis sind die meisten von ihnen sicher nicht. Dass sie sich vor einer Islamisierung Deutschlands und Europas fürchten, ist auch eine Reaktion darauf, dass Politik und Medien Probleme bei der Integration von Zuwanderern allzu lange ignoriert oder kleingeredet haben.

Dennoch wird gerade in der Rede von der Islamisierung deutlich, was an «Pegida» problematisch ist: die massive Übertreibung, die auf ein wirres, von der Realität weitgehend abgekoppeltes Weltbild schliessen lässt. Dieses kommt in zahlreichen Äusserungen zum Ausdruck, mit denen die Presse die Demonstranten zitiert: «Sie wollen uns hier als Deutsche ausrotten», sagt ein Redner, wobei offen bleibt, wer es ist, der hier angeblich einen Genozid an der einheimischen Bevölkerung plant.

«Putin, hilf uns!»

Wie verwirrt die «Pegida»-Leute sind, zeigt sich auch in ihrer Sympathie für den russischen Präsidenten: «Putin, hilf uns!», hiess es in Dresden auf einem Plakat. Unbeantwortet bleibt die Frage, was um alles in der Welt am russischen Modell so attraktiv sein soll, dass Bürger eines der reichsten Länder der Welt ausgerechnet im Kremlherrn den Weissen Ritter zu erkennen meinen, der sie aus ihrer eingebildeten Notlage erretten könnte.

Muss man sich Sorgen machen um Deutschland? Der Anblick der «Pegida»-Wutbürger deprimiert, genauso wie derjenige der ebenso stumpfsinnigen Gegendemonstranten mit ihren inadäquaten, sogenannt antifaschistischen Slogans («Nazis raus!»). Der Betrachter denkt unweigerlich an die Weimarer Republik, als Nazis und Kommunisten auf der Strasse aufeinander losgingen und es bald darauf mit der deutschen Demokratie zu Ende ging. Von solchen Zuständen sind wir weit entfernt, doch ahnen wir wieder einmal, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 18.12.2014, 09:47 Uhr)

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