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Rettungsfonds und Fiskalpakt: Historisches Ja in Berlin

Aktualisiert am 30.06.2012 46 Kommentare

Erfolg für Angela Merkel: Mit klarer Mehrheit stimmt Deutschlands Parlament dem Fiskalpakt und dem Rettungsfonds ESM zu. Unumstritten war das Geschäft nicht.

Hatte im Bundestag Überzeugungsarbeit geleistet: Angela Merkel neben Wolfang Schäuble. (29. Juni 2012)

Hatte im Bundestag Überzeugungsarbeit geleistet: Angela Merkel neben Wolfang Schäuble. (29. Juni 2012)
Bild: Keystone

Eurogruppen-Vorsitz noch offen

Die Entscheidung über die Besetzung zweier politischer Spitzenposten der Eurozone ist abermals verschoben worden. Weder über den Vorsitz der Eurogruppe noch über die Führung des permanenten Euro-Rettungsschirms ESM sei eine endgültige Einigung erzielt worden, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem zweitägigen EU-Gipfel in Brüssel.

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy sagte, die Runde der 17 Eurostaaten sei nicht mehr beschlussfähig gewesen, weil die CDU-Chefin wegen ihrer anstehenden Rede im Bundestag zeitig abreisen musste. Es sei aber «hochwahrscheinlich», dass Anfang Juli über die Personalien entschieden werde. (dapd)

Nach dem Verhandlungsmarathon beim EU-Gipfel in Brüssel streiten die Staats- und Regierungschefs nun über die Auslegung der Vereinbarungen. (Video: Reuters )

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Der EU-Gipfel in Brüssel

Der EU-Gipfel in Brüssel
Die Vertreter der EU-Staaten haben sich auf einen Fiskalpakt geeinigt.

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Historische Entscheidung in Berlin: Die beiden Parlamentskammern, Bundestag und Bundesrat, haben gestern Freitag mit breiter Mehrheit den europäischen Fiskalpakt und den dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM gebilligt.

Bei den namentlichen Abstimmungen im Bundestag wurde die Zweidrittelmehrheit jeweils deutlich übertroffen, knapp 80 Prozent der Abgeordneten stimmten zu. Kanzlerin Angela Merkel kann damit einen Erfolg im Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise verbuchen. Es gab jedoch einen Dämpfer: Bei der ESM-Abstimmung verfehlte Merkels schwarz-gelbe Regierungskoalition eine eigene Mehrheit. Beim Fiskalpakt indes schafften Union und FDP eine Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Erkaufte Zustimmung

Auch in der Länderkammer wurde die Zweidrittelmehrheit locker übertroffen. Von 69 Vertretern stimmten in beiden Abstimmungen 65 zu. Die Regierungskoalition hatte sich die Zustimmung des Bundesrats vorab gesichert, indem sie Ländern und Kommunen Zusagen in Milliardenhöhe gemacht hat. Der Fiskalpakt ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der den 25 Teilnehmerstaaten strenge Sparvorgaben auferlegt. Ausser Grossbritannien und Tschechien wollen alle EU-Staaten mitmachen.

Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) soll angeschlagenen Euro-Staaten Finanzhilfe gewähren. Das Ausleihvolumen beträgt maximal 500 Milliarden Euro, das Stammkapital 700 Milliarden. Er soll noch im Juli in Kraft treten und nach und nach seinen Vorläufer EFSF ablösen. Der deutsche Anteil am eingezahlten Kapital beträgt 21,7 Milliarden Euro, am abrufbaren Kapital rund 168 Milliarden Euro.

Gauck wartet mit der Unterschrift

Auf Bitte des Bundesverfassungsgerichts wartet Bundespräsident Joachim Gauck jedoch noch mit der formellen Ausfertigung der beiden Gesetze, um dem höchsten deutschen Gericht ausreichend Zeit zur Prüfung verschiedener Eilanträge zu geben. Klagen will unter anderem die Linksfraktion und der Verein «Mehr Demokratie». Zentrales Argument der Kläger: Die Autonomie der Bundestagsabgeordneten, über den Haushalt zu bestimmen, gehe verloren. Wesentliche Kompetenzen würden an EU-Organe übertragen.

Zu Beginn der zweieinhalbstündigen Debatte hatte die Kanzlerin mit einem leidenschaftlichen Appell um Zustimmung zum Fiskalpakt und zum ESM geworben. Deutschland sende damit «ein Signal der Geschlossenheit und Entschlossenheit nach innen wie nach aussen». Die CDU-Vorsitzende versicherte: «Wir stehen zum Euro. Wir wollen ihn als stabile Währung.» Beide Verträge seien «unumkehrbare Schritte hin zu einer nachhaltigen Stabilitätsunion».

15-stündiges Ringen in Brüssel

Wenige Stunden zuvor hatten die EU-Spitzen beim Euro-Gipfel in Brüssel das Steuer herumgerissen und mit Hilfsmassnahmen für Italien und Spanien die Finanzmärkte beflügelt. Merkel musste beim Gipfel zwar in einigen Punkten zurückstecken, konnte aber mit einem 120 Milliarden Euro schweren Wachstumspakt im Gepäck nach Berlin zurückreisen. Dort hatten SPD und Grüne ihre Zustimmung zu ESM und Fiskalpakt von genau solchen Konjunkturimpulsen abhängig gemacht.

Nach 15-stündigem Ringen hatten sich die Euro-Länder in der Nacht auf eine direkte Bankenhilfe für Spanien und einen bequemeren Zugriff auf den Euro-Rettungsschirm für Italien geeinigt. Damit sollen beide Länder von der Last immer höherer Zinsen befreit werden. Merkel verteidigte dies als gut und vernünftig.

Unumkehrbarer Weg zu soliden Finanzen

Merkel sagte, der Fiskalpakt sei noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen. Doch es habe sich gezeigt, dass eine unverantwortliche Haushaltspolitik einzelner Staaten alle übrigen im Euro-Raum gefährden könne. «Dem muss Einhalt geboten werden», sagte die Kanzlerin.

Zugleich zeigte sie sich zufrieden, dass demnächst auch eine Finanztransaktionssteuer kommt. Bis zum Jahresende solle die Gesetzgebung dazu abgeschlossen sein. Damit werde sichergestellt, dass auch die Banken als Verursacher der Krise einen Beitrag zur Überwindung der Folgen leisten. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel begründete das Ja seiner Fraktion zu Fiskalpakt und ESM mit den Worten: «Wir wollen nicht, dass verspielt wird, für das so viele vor uns gestritten und gelitten haben.»

Zugleich forderte er die Koalition auf, den plakativen Widerstand gegen eine gemeinsame Schuldenhaftung aufzugeben. Der deutsche Steuerzahler hafte nämlich längst schon mit zig Milliarden. So habe die Europäische Zentralbank (EZB) bereits mehr als eine Billion Euro an direkter und indirekter Staatsfinanzierung geleistet, sagte Gabriel.

Vorwürfe von ganz links

Die Linke-Fraktionsvize Sahra Wagenknecht warf der Bundesregierung vor: «Sie handeln wie Marionetten, die Puppenspieler sind die Banker.» Merkels Europa sei ein Projekt der Zerschlagung der sozialen Gerechtigkeit und der Demokratie sowie von Arbeitnehmerrechten. «Sie retten nicht den Euro, sondern die Euros der Millionäre», sagte Wagenknecht.

Die Grünen warfen der Bundesregierung vor, mit der rigiden Sparpolitik Europa letztlich geschadet zu haben. Die zögerliche Politik Merkels habe die Vertrauenskrise nur noch verschärft, sagte Fraktionschef Jürgen Trittin. Zugleich warnte er Schwarz-Gelb davor, eine gemeinsame Schuldenhaftung weiter vehement abzulehnen. Dass Merkel Euro-Bonds ausgeschlossen hat, so lange sie lebe, sei «falsch und verantwortungslos».

Unruhe im Parlament

Vor der entscheidenden Abstimmung herrschte grosse Unruhe im Parlament. Abgeordnete aller Fraktionen zeigten sich irritiert über die Gipfel-Beschlüsse – diskutiert wurde zwischenzeitlich sogar über eine Verschiebung der Abstimmungen. Ein Antrag der Linken dazu wurde jedoch mit breiter Mehrheit aller übrigen Fraktionen abgelehnt.

An den Märkten und Börsen kamen die Gipfelbeschlüsse gut an. Der DAX zog bis Handelsschluss um 4,3 Prozent an. Auch der Euro machte einen deutlichen Satz. (kpn/dapd)

Erstellt: 29.06.2012, 23:57 Uhr

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46 Kommentare

Hans Brunner

29.06.2012, 16:50 Uhr
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Merkel hat die Zukunft ihrer Wähler verkauft um bei der heutigen ESM-Abstimmung im Bundestag erfolgreich zu sein.
Die Regierungskoalition (ebenso wie SPD und Grüne) hat sich klar gegen den Wählerwillen gestellt. Man wird sich nicht wundern müssen, wenn dies den extremen Parteien massiv Auftrieb verschafft. Dies ist ein Pyrrhussieg für Europa.
Antworten


alessandro portmann

29.06.2012, 17:05 Uhr
Melden 110 Empfehlung 0

Wieder werden(heilige)Banken gerettet anstatt bei Misswirtschaft verstaatlicht und danach kontrolliert geschlossen.Was haben die Banker doch erst kürzlich wieder über den lästigen Staat gelästert,"Freiheit-weniger Staat"war die Losung,der Markt regelts besser.Und kaum haben sich diese verspekuliert+stehen am Abgrund ruft man nach X Milliarden durch den Staat. Banken=unglaubwürdig,Staat bald auch.. Antworten



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