Dialektik des Populismus

Der bald mächtigste Mann der Welt hat Nigel Farage der britische Premierministerin vorgezogen. Für Theresa May war Trumps Geste eine Demütigung.

Nigel Farage (links) hat Donald Trump im Wahlkampf unterstützt.

Nigel Farage (links) hat Donald Trump im Wahlkampf unterstützt.

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Wie sehr sich die Welt seit Donald Trumps Wahl zum amerikanischen Präsidenten verändert hat, zeigte am Samstag eine bizarre Begegnung im New Yorker Trump Tower: In goldglänzendem, Las-Vegas-mässigem Ambiente stand dort der Hausherr, breit grinsend, den Daumen nach oben gereckt, für einmal ohne Krawatte und das Hemd weit offen. Neben ihm stand Nigel Farage, derzeit Vorsitzender ad interim der EU-feindlichen britischen Unabhängigkeitspartei Ukip, und lachte, den Mund so weit aufgesperrt, dass man weite Teile seiner Zunge sehen konnte. Farage hatte Trump im Wahlkampf unterstützt. Dass er nun als erster ausländischer Gast seit dessen Wahl empfangen wurde, war der Dank.

Für die britische Premierministerin Theresa May war Trumps Geste eine Demütigung: Der Mann, der schon bald der mächtigste der Welt sein wird, hatte ihr den Chef einer relativ kleinen Oppositionspartei vorgezogen, dessen einziges politisches Mandat ein Sitz im EU-Parlament ist. Allein die Tatsache, dass zwischen May und Farage seither ein Fernduell stattfindet, ist für die Premierministerin peinlich. Sie selbst hätte ihren Kontrahenten wohl kaum für satisfaktionsfähig erklärt, doch Kabinettskollegen und Medien taten dies an ihrer Stelle: Aussenhandelsminister Liam Fox, so hiess es bereits letzte Woche, wolle sich Farages guten Draht zu Trump zunutze machen.

Besonders beunruhigen muss May, dass aus­gerechnet der Daily Telegraph fordert, Farage einzubinden. Was Tory-Wähler, aber auch einfache Abgeordnete umtreibt, lässt sich nirgendwo besser ablesen als auf der Meinungsseite dieser Zeitung.

Bisher hat Theresa May auf Farages Angebot, die Beziehungen zwischen Trump und der britischen Regierung zu reparieren, äusserst schmal­lippig reagiert: Trump habe der Premierministerin am Telefon erklärt, er strebe mit ihr eine Beziehung an wie jene zwischen Margaret Thatcher und Ronald Reagan, sagte Mays Sprecher. «Ich kann mich nicht erinnern, dass es in dieser ­Beziehung eine dritte Person gegeben hätte.»

Sie sind nun einmal da

Trump und Farage sind Populisten. Im deutschen Sprachgebrauch hat dieses Wort einen negativen Beigeschmack, im amerikanischen eher den Charakter einer nüchternen Feststellung. Man muss Populisten nicht mögen, doch ihre Anhänger sind nun einmal da. Manchmal verhelfen Populisten Ideen zum Durchbruch, die sonst ignoriert worden wären: Ob Grossbritanniens Austritt aus der EU richtig oder falsch ist, muss sich erst noch zeigen, doch legitim ist die Forderung allemal. Wäre Farage nicht gewesen, die meisten Politiker würden EU-Gegner noch immer als Spinner verunglimpfen (das heisst umgekehrt natürlich nicht, dass jede populistische Idee legitim wäre).

Möglicherweise liegt darin die Dialektik des Populismus: Indem er diejenigen, die sich von den etablierten Parteien nicht verstanden fühlen, einbindet, kann er vielleicht sogar eine stabilisierende Wirkung entfalten. Im Gegensatz zu Theresa May scheint Nigel Farage dies begriffen zu haben: Gestern bot er an, in Mays Konservative Partei zurückzukehren. Für die Premierministerin würde das ganz sicher unbequem werden. Doch ihre Partei und deren Glaubwürdigkeit könnte es stärken, nicht schwächen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.11.2016, 13:52 Uhr

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