Ausland

«Die Eurofantasten wollen ihr Baby auf keinen Fall sterben lassen»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 26.03.2013

Die Eurokrise lässt sich nicht stoppen, sagt Europa-Kenner Dieter Freiburghaus. Zypern sei nur ein weiterer Fall, «bis der Euro auseinanderbricht». Europa müsse zurückgebaut werden, so der Professor.

1/24 «Spanien, Italien, Griechenland, Portugal – ihr seid die nächsten»: Das Hilfspaket für Zypern ist beschlossene Sache, die Zyprioten sind dennoch wütend und protestieren weiter. (27. März 2013)
Bild: AFP

   

(Bild: zvg)

Zur Person

Dieter Freiburghaus (*1943) em. Prof. Dr., Studium der Mathematik, Ökonomie und Politik in Bern, St. Gallen und Berlin. In Bern leitete er die Forschungsstelle Wissenschaft und Politik. Das IDHEAP der Universität Lausanne betraute ihn 1990 mit den European Studies.

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Herr Freiburghaus, mit Zypern muss erneut ein Euroland gerettet werden. Wo stehen wir in der Eurokrise?
Mittendrin. Diese Feuerwehrübungen werden nicht aufhören. Nächstens kommt mit Slowenien ein weiterer Eurostaat, der in die Krise gerät. Und dann braucht es wieder eine Hauruckaktion. Das geht so weiter, bis der Euro auseinanderbricht.

Sie sehen es düster. Im Fall von Zypern wurden auch Fehler gemacht.
Ja, aber im Vergleich zu den gesamten Problemen der Eurozone sind das Peanuts.

Immerhin hat man mit der anfänglichen Beteiligung der Sparer mit Einlagen unter 100'000 Euro die Leute auf die Strasse getrieben.
Ich bin nicht einmal so sicher, ob das ein Fehler war. Immerhin wurde dadurch Zypern in eine Position gebracht, nicht ein zweites Mal Nein sagen zu können.

Die Eurogruppe hat mit Jeroen Dijsselbloem einen Vorsitzenden, der die Sache nicht im Griff zu haben scheint. Ist er schuld am Schlamassel?
Dijsselbloem ist nur ein Primus inter Pares. Seine Position ist mit zu wenig Macht ausgefüllt, als dass man ihm hier einen Vorwurf machen kann. Die Finanzminister der Eurozone lassen sich nicht dirigieren. Und IWF-Chefin Christine Lagarde lässt immer wieder durchblicken, wie mächtig ihre Position in der Bewältigung der Eurokrise ist. Sie macht klar, wo ihre Limite ist, und weiter lässt sie nicht mehr mit sich reden.

Die deutsche FDP forderte letzte Woche Dijsselbloems Rücktritt, weil er die Zypern-Rettung vermasselt haben soll.
Ich denke, das war mehr ein Ablenkungsmanöver denn ein wichtiger politischer Vorstoss.

Bei Dijsselbloem-Vorgänger Jean-Claude Juncker hatte man das Gefühl, er bringe die Sache auf den richtigen Weg.
Herr Juncker war ein ausserordentlicher Politiker. Aber auch er konnte die fortschreitende Krise nicht stoppen.

Sie sagen, die Krise gehe weiter, bis der Euro auseinanderbreche. Dies scheint aber nicht wirklich eine Option.
Es ist bei der politischen Elite keine Option. Die Eurofantasten wollen ihr Baby auf keinen Fall sterben lassen.

Sie stellen den Euro als Prestigeprojekt dar. Die Angst ist aber, dass mit dem Auseinanderbrechen des Euro der Kontinent in unkontrollierbare Wirren geraten könnte.
Dieses Schreckgespenst wird immer wieder an die Wand gemalt. Ich glaube nicht daran. Warum sollen die Euroländer nicht wieder zu ihren alten Währungen zurückkehren können? Klar wäre der Rückbau mit viel Aufwand, Unwägbarkeiten und Unsicherheiten verbunden. Die jetzige Entwicklung führt aber sowieso unausweichlich dahin. Diesen Weg sollte man ins Auge fassen und ernsthaft in die Planung aufnehmen.

Warum soll Europa nicht gelingen, was die USA können? Nämlich ein gemeinsamer Währungsraum von New Orleans bis Palo Alto.
Der US-Währungsraum hat viel die besseren Voraussetzungen: erstens eine Produktivität, die von Süden bis Norden näher beieinanderliegt als in Europa; zweitens sind die Amerikaner bereit, dorthin arbeiten zu gehen, wo die Maschinen laufen; und drittens haben die USA einen viel grösseren Finanzausgleich. Nicht zu vergessen ist die gemeinsame Identität der US-Amerikaner.

Trotz Ihrer Skepsis wird die Eurozone mit dem Beitritt Lettlands sogar demnächst noch um ein weiteres Mitglied wachsen. So schlimm kann es also nicht sein.
Die Letten haben in den letzten vier Jahren mit einer Rosskur sondergleichen und einer inneren Abwertung enorm an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Das schaffen eben offenbar die Südländer in Europa nicht ohne soziale Unruhen. Und eine Währungsabwertung ist eben im Euroraum nicht mehr möglich.

Sie propagieren den Rückbau der europäischen Integration. Wo war die Sache Ihrer Meinung nach noch gesund?
Mit dem Binnenmarkt von 1992 hatte Europa einen guten Stand erreicht. Da hätte ja auch Grossbritannien noch mitgemacht. Von da an aber begab sich die Kuh aufs Eis, die Entwicklung geriet ausser Kontrolle. Und was die Briten betrifft: Man kann die doch nicht gehen lassen. Da macht sich die EU lächerlich. Und lächerlich hat man sich abgesehen davon mit vielen anderen Versprechungen gemacht. Beispiel Gasp, die Gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik: Praktisch nichts ist geschehen. Bei den Aufständen in den arabischen Staaten hat sich das exemplarisch gezeigt. Jeder machte sein eigenes Ding. Beispiel Mittelmeerunion: Nichts davon ist zu sehen, das ist eine reine Worthülse.

Deutschland wird den Euro nicht aufgeben.
Dafür leg ich die Hand nicht ins Feuer. Die deutschen Steuerzahler sind nicht mehr lange bereit, für Ungleichheiten zu bezahlen. Warum sollen die Deutschen bis 67 arbeiten, während der Franzose mit 62 in Rente geht? Und dann müssen sie auch noch den Ausgleich bezahlen?

Wenn Kanzlerin Angela Merkel sieht, dass Europa in Gefahr ist, dann wird sie sogar ihre Karriere aufs Spiel setzen und wieder ihre innere Einstellung «Alles für das gemeinsame Projekt» in die Waagschale werfen.
An dieser Spekulation kann ich mich nicht beteiligen. Aber Wahlen sind Wahlen, und die werden nicht in Brüssel gewonnen.

Gerhard Schröder hatte sich mit der Agenda 2010 auch das politische Grab geschaffen. Einfach nur, um das von ihm aus für Deutschland «Richtige» zu tun.
Ja, und davon profitiert Deutschland bis heute. Man überlässt eben immer der Linken die notwendigen liberalen Massnahmen. Das wird Herr Hollande auch noch lernen.

Sie sagen, die politische Elite in Europa müsse den Tatsachen ins Auge sehen und einen Schnitt machen. Warum geschieht es nicht?
Dieses Projekt lässt niemand gerne gehen, schon gar nicht diejenigen, welche es durchgeführt haben.

Helmut Kohl ist schon lange abgetreten, François Mitterand ist tot. Der Euro ist nicht das Kind von Angela Merkel und François Hollande.
Bisher wird von den politischen Eliten einfach erwartet, dass sie sich für Europa verantwortlich fühlen. Aber das ist vielleicht eben nur eine Schönwetterhaltung. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2013, 18:52 Uhr

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