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Die Parade fand statt. Das ist gut.

Von Enver Robelli. Aktualisiert am 13.10.2010 11 Kommentare

Die Angriffe auf die Belgrader Gay Pride sind Spätfolgen des nationalen Wahns im Serbien der 90er-Jahre.

Zielscheibe von Rechtsradikalen und Hooligans: Rund tausend Schwule und Lesben zogen am Sonntag durch Belgrad.

Zielscheibe von Rechtsradikalen und Hooligans: Rund tausend Schwule und Lesben zogen am Sonntag durch Belgrad.
Bild: Koca Sulejmanovic (Keystone)

Das Zentrum Belgrads bietet in diesen Tagen ein Bild der Verwüstung. Erneut haben Nationalisten und Hooligans gewütet. Dabei haben die Randalierer dieses Mal nicht gegen die Abspaltung des Kosovo protestiert. Nun waren die Homosexuellen die Zielscheibe. Etwa 6000 Schläger aus dem ganzen Land gingen am Sonntag auf «Schwulenjagd». Sie nahmen eine Parade der Homosexuellen zum Anlass, um sich Strassenschlachten mit der Polizei zu liefern. Ähnliche Umzüge von Schwulen und Lesben waren in den vergangenen Jahren aus Angst vor Ausschreitungen abgesagt worden.

Den Boden legte Serbien selber

Nun konnte die Polizei zwar die etwa 1000 Teilnehmer der Parade schützen. Es gelang ihr aber nicht, Angriffe auf die Parteizentrale der regierenden Demokraten und Sozialisten abzuwehren und Plünderungen zu verhindern.

Nach allem, was bisher bekannt ist, war der Gewaltausbruch in Belgrad von rechtsnationalen Gruppen organisiert, die sich aus Hooligans, frustrierten Nationalisten und Verlierern der Transformation zusammensetzen. Der Bodensatz für den Hass auf die Schwulen bildete sich vor allem in den 90er-Jahren, als in Serbien der nationalistische Wahn tobte. Damals rekrutierten paramilitärische Truppen ihre Anhänger in der Hooligan-Szene der Belgrader Fussballclubs. Die Medien verherrlichten Schwerkriminelle, die erbarmungslos gegen die angeblichen Feinde Serbiens kämpften.

Kein Platz für Schwule

Mit der Folge, dass die Paramilitärs mit ihren Kalaschnikows, schweren Geländewagen und den sie begleitenden langbeinigen Schönheiten zu den Vorbildern der Jugend wurden. Die Hochzeit des auch in Westeuropa bekannten Gangsters Zeljko Raznjatovic alias Arkan mit der Turbofolk-Sängerin Ceca wurde zum nationalen Ereignis hochstilisiert.

In diesem Umfeld war kein Platz für Schwule. Am antihomosexuellen Reflex hat sich aber auch zehn Jahre nach der demokratischen Wende in Serbien nicht viel geändert. Die Schwulen gelten vor allem in rechtsextremen Kreisen weiterhin als Fremdkörper, die den nationalen Schulterschluss stören. Der Wertezerfall in den 90er-Jahren hat noch immer unangenehme Folgen für die homosexuelle Szene in Serbien.

Unschöne Rolle der Kirche

Eine unschöne Rolle spielt auch die serbisch-orthodoxe Kirche. Schon vor der Gay-Pride-Parade verdammten ihre Würdenträger die Homosexualität als Krankheit und Bedrohung der Familie. Am Sonntag marschierten sogar einige Popen Hand in Hand mit kahl geschorenen Krawallmachern.

Nach Polizeiangaben kamen etwa zwei Drittel der Randalierer aus den Dörfern und Provinzstädten nach Belgrad. Diese Masse, die nichts zu verlieren hat und nur auf einen Anlass wartet, um sich mit der Polizei Gefechte zu liefern, steht unter dem Einfluss der klerofaschistischen Gruppierung Obraz. Obraz heisst so viel wie «Antlitz» oder auch «Würde». Ihre Führer wollen eine moralische und spirituelle Erneuerung Serbiens und lehnen die Annäherung an den Westen ab. Sie stellen die Serben als bedrohtes Volk dar. Gemeinsam mit Vertretern der orthodoxen Geistlichkeit betreibt Obraz den Kult um den Nationalheiligen Sava und den mutmasslichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic.

Im Duell mit dieser Gruppe hat der Rechtsstaat am Sonntag einen Sieg errungen: Die Gay Pride konnte trotz der Gewalt stattfinden. Damit sich die Verachtung von Schwulen und überhaupt von Andersdenkenden endgültig verzieht, braucht es aber eine tiefgehende Demokratisierung. Erst dann werden die alten Feindbilder überflüssig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2010, 21:11 Uhr

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11 Kommentare

Mark Keller

13.10.2010, 15:13 Uhr
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@Sandro Camenisch: auch wegen religiösen Eiferern jeder Couleur braucht es noch manche Gaypride. Mit dem Partnerschaftsgesetz in der Schweiz ist scheinbar die Anerkennung schwul-lesbischer Lebensweise immer noch nicht geschafft. Lassen Sie Schwule und Lesben ihren rechten Weg gehen. Diese lassen auch Sie Ihren rechten Weg gehen. Leben und leben lassen, das war schon immer ein erfolgreiches Rezept. Antworten


Mark Keller

13.10.2010, 09:50 Uhr
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Traurig, dass es so etwas in Europa gibt! Leider ist Serbien nicht das einzige Beispiel mit gewalttätigen homophoben Bürgern! Ein Lob der Regierung Serbiens, welche die Gay Pride in Belgrad geschützt hat. Andere Regierungen und Parlamente in osteuropäischen Ländern leisten der Homophobie noch Vorschub. Aber wo bleibt das Entsetzen der Online-Leserschaft über die Vorfälle in Belgrad? Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.