Ausland

Die Welt stellte sich blind

Von Enver Robelli. Aktualisiert am 24.10.2009

Eine Reise im Zug von Zagreb nach Sarajevo – auf den Spuren von Radovan Karadzic. Sein Prozess, der am Montag beginnt, wird alte Wunden in der Region aufreissen.

Karadzics Werk: Eine bosnische Muslimin betrauert die Opfer des Völkermordes von Srebrenica.

Karadzics Werk: Eine bosnische Muslimin betrauert die Opfer des Völkermordes von Srebrenica.
Bild: Keystone

Mutmasslicher Massenmörder: Radovan Karadzic.

Mutmasslicher Massenmörder: Radovan Karadzic. (Bild: Keystone)

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Der Krieg ist längst vorbei. Auf den ersten Blick ist in Bosnien-Herzegowina der Alltag zurückgekehrt. Als der Zug in der nordbosnischen Kleinstadt Doboj hält, strömen mehrere Dutzend Studenten über den Bahnhofsplatz. Es ist Sonntag, die Jugendlichen haben das Wochenende bei ihren Familien in den Dörfern rund um Doboj verbracht. Nun füllen sie den Zug, der von Zagreb nach Sarajevo fährt - viel langsamer als der Orientexpress in seinen Glanzzeiten.

Die Strecke Doboj-Sarajevo beträgt knapp 200 Kilometer und dauert über drei Stunden. Die meisten Studenten im Abteil sprechen eine Fremdsprache, Deutsch, Schwedisch oder Norwegisch, weil sie ihre Kindheit als Flüchtlinge im Westen verbracht haben. Nach dem Krieg wurden sie in ihre fremd gewordene Heimat zurückgeschoben. Sie leben in einem Staat, der ethnisch geteilt ist, die Muslime unter sich, die orthodoxen Serben und katholischen Kroaten auch. Weil die Politiker aller Ethnien sich gegenseitig blockieren und die Bedingungen für die EU-Integration nicht erfüllt haben, dürfen sich die Bosnier nicht visumsfrei im Schengen-Raum aufhalten.

An diesem Montag werden sie in Bosnien aber alle Blicke gen Westen richten. Dort, in der niederländischen Hauptstadt Den Haag, sitzt der Hauptschuldige für die bosnische Tragödie. Sein Name: Radovan Karadzic. Er wurde im Sommer 2008 festgenommen nach einer jahrelangen Flucht als Wunderheiler mit wallendem Bart. Natürlich sei es wichtig, dass der Mann nun endlich vor Gericht stehe, meint eine Medizinstudentin. Aber auch eine lebenslange Gefängnisstrafe könne seine Untaten nicht rückgängig machen. «Karadzic hat sein Ziel erreicht», sagt sie. Der mutmassliche Kriegsverbrecher ist für die Jugendlichen nur noch eine dunkle Gestalt der Geschichte. Sie haben, so scheint es, ganz andere Sorgen. Sie sind isoliert, sie haben das Gefühl, in Westeuropa unerwünscht zu sein, die Wirtschaft steht vor dem Kollaps, dem Staat droht der Bankrott.

Doch wenn nun der Prozess gegen Karadzic vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal beginnt, könnte Bosnien erneut von der Vergangenheit eingeholt werden. Vor dem Gericht soll ein Mann auftreten, der während des dreieinhalbjährigen Kriegs Präsident der serbischen Aggressoren war. Die Anklage wirft ihm die schlimmsten Kriegsverbrechen vor, die ein Mensch begehen kann. Karadzic liess die Hauptstadt Sarajevo belagern und terrorisierte täglich die Bewohner, in Srebrenica metzelten seine Soldaten im Juli 1995 über 7000 wehrlose Zivilisten, in Ortschaften wie Foca und Visegrad wurden Hunderte Frauen vergewaltigt.

Radovan Karadzic, der Dichter, Psychiater und Experte für Neurosen, bezweifelt, dass diese Untaten damals begangen worden sind, obwohl mehrere seiner Handlanger in Den Haag rechtskräftig verurteilt wurden. Im Vorverfahren hat er erklärt: «Ich werde mich hier verteidigen wie vor einer Naturkatastrophe.» Er will die DNA-Proben von seinen Anwälten überprüfen lassen. Doktor Karadzic behauptet, alles, was bisher zu Srebrenica vorgelegt wurde, sei falsch. Diese Woche hat er mitgeteilt, er werde seinen Prozess boykottieren.

Die Stadt und der Tod

Die Narben des Kriegs sind in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo kaum sichtbar. Aus allen Winkeln der Altstadt rufen Muezzine zum Gebet, wenige Schritte von der Gazi-Husrev-Begova- Moschee befindet sich die katholische Kathedrale, daneben eine orthodoxe Kirche. Die Fassaden sind renoviert, nur am Stadtrand zeugen Einschusslöcher in den Häusern von der Bombardierung während der Belagerung von 1992 bis 1995. Damals schlugen täglich im Durchschnitt 329 Granaten in Sarajevo ein, die von den umliegenden Bergen abgefeuert wurden. Die Welt schaute zu.

Der Westen stellte sich blind, als Radovan Karadzic persönlich von einem Hügel in die Stadt hinunterschoss. Nach ihm durfte ein russischer Dichter mehrere Salven auf Sarajevo abfeuern. Danach wurde getrunken, gegessen und gegrölt. Karadzic, sein Gast und die Soldaten genossen offensichtlich den Zeitvertreib, wie in einem BBC-Video zu sehen ist. Der Serbenführer rezitierte dabei einen seiner alten Verse: «Sarajevo brennt wie Weihrauch in der Kirche. In dem Rauch sehe ich unser Gewissen.»

Heute erinnert ein Denkmal im Zentrum der bosnischen Hauptstadt an die 1600 Kinder, die Opfer der serbischen Angriffe wurden. Während der Belagerung starben nach neusten Studien insgesamt 14 000 Bürger im Talkessel von Sarajevo, in Bosnien fielen dem Krieg nach neuen Untersuchungen 100'000 Menschen zum Opfer.

Diese Zeit liegt für viele sehr weit zurück. «Wir wollen die Zukunft sehen», sagt Mirsad Purivatra. Im Krieg hat er Filme in die Stadt geschmuggelt. Seither ist Purivatra Leiter des Filmfestivals von Sarajevo, das sich mittlerweile mit Cannes und Locarno messen kann. Die Opferrolle lähme die muslimische Bevölkerungsgruppe, meint Purivatra. Er hofft, dass das Verfahren gegen Karadzic helfen wird, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen.

Dass diese Vergangenheit die Menschen nicht loslässt, hat auch damit zu tun, dass keiner der Hauptverantwortlichen für die schlimmsten Verbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bisher verurteilt wurde. Slobodan Milosevic, der den serbischen Nationalismus instrumentalisierte, um seine Macht zu erhalten, starb während des Prozesses in Den Haag. Radovan Karadzic ging den serbischen Sicherheitskräften erst vor einem Jahr ins Netz. Und Ratko Mladic, der Befehlshaber der bosnisch-serbischen Truppen, lebt immer noch in Freiheit.

«Solange die Mörder nicht verurteilt sind, können wir nicht zur Tagesordnung übergehen», sagt Bakira Hasecic. Die Mittfünfzigerin ist Vorsitzende der Initiative «Frauen - Opfer des Kriegs», die sich vor allem um die vergewaltigten Frauen kümmert. Schätzungen zufolge wurden im Bosnien-Krieg etwa 30 000 Frauen und Mädchen sexuell missbraucht. «Ich wurde dreimal vergewaltigt. Meine Familie weiss davon. Doch viele muslimische Frauen können aus Scham nicht über den Missbrauch sprechen», erzählt Hasecic. Kürzlich hat sie im Namen ihrer Organisation dem Uno-Tribunal einen offenen Brief geschickt. Darin protestiert sie gegen die «unmenschliche und gesetzeswidrige» Absicht der Richter, die Anklage gegen Karadzic zu kürzen. Um das Verfahren zu beschleunigen, wollten sich die

Richter auf die ganz grossen Verbrechen konzentrieren. Dagegen wehren sich die Opfer. Unlängst gingen vergewaltigte Frauen, ehemalige Kriegsgefangene und Überlebende des Völkermords in Srebrenica, auf Sarajevos Strassen und verbrannten die Bilder der Angeklagten und der Haager Richter.

«Ein Land kalt und karg . . .»

Die Belagerung von Sarajevo dauerte 1479 Tage. Daran, wie die Menschen unter dem Granatenhagel überlebt haben, erinnert heute eine eindrückliche Ausstellung im Museum von Bosnien-Herzegowina in Sarajevo. Am Eingang der Ausstellung ist ein Gedicht des bosnischen Dichters Mak Dizdar angebracht, das er Jahrzehnte vor dem letzten Krieg verfasst hat. «Irgendwo gibt es ein Bosnien, verzeih mir / Ein Land kalt und karg / Hungrig und nackt . . .», heisst es in dieser kurzen Ballade. Unter den Exponaten befinden sich auch Nahrungspäckchen der internationalen Hilfsorganisationen, Unicef-Schulhefte, selbst gebastelte Gewehre, die zur Verteidigung der Stadt gebraucht wurden, und ganz viele Bilder, welche die Toten von Sarajevo zeigen.

Mitten im Raum steht ein Satellitentelefon, Eigentum der portugiesischen Regierung, hergestellt in den USA. Die EU-Beobachter hatten das Gerät im April 1992 in Sarajevo beim überhasteten Abzug zurückgelassen. Mehrere Monate war das Telefon die einzige Verbindung der bosnischen Behörden zur Aussenwelt. Das Leid der Menschen in Sarajevo und anderswo in Bosnien ist zweifellos eines der schmerzlichsten Kapitel des Kriegs. Doch auch das kulturelle Erbe des Landes wurde grösstenteils zerstört. Neben vielen Moscheen wurde auch die Nationalbibliothek in Brand geschossen. Dabei verbrannten zwei Millionen Bücher, Dokumente und Zeitschriften. Derzeit wird das 1894 von der k. u. k. Monarchie im maurischen Stil erbaute Gebäude mit EU-Geldern restauriert.

Foca - eine muslimfreie Stadt

Eine kurvenreiche Strasse durch dichte Wälder und entlang einem rauschenden Fluss führt von Sarajevo nach Foca. Am Ortseingang wehen mehrere Flaggen der bosnisch-serbischen Republik. Die Gemeinde im Osten des Landes hatte bis zum Ausbruch des Kriegs im Frühjahr 1992 eine knappe muslimische Bevölkerungsmehrheit. Die Kleinstadt und die Umgebung waren damals Schauplatz von massiven Kriegsverbrechen an Muslimen. In mehreren Lagern in Foca wurden zeitweise bis zu 700 Frauen und Männer festgehalten. Im Prozess gegen drei Serben vor dem Uno-Tribunal berichtete die geschützte Zeugin FWS-62, dass in Foca Frauen in Anwesenheit ihrer Kinder vergewaltigt wurden. Nach den ersten Massakern musste die muslimische Bevölkerung Foca verlassen. Die Anhänger von Radovan Karadzic nannten die Stadt Srbinje (etwa Ort der Serben), nach dem Krieg akzeptierten die internationalen Protektoren diese Bezeichnung - bis das Verfassungsgericht eingriff.

Foca war lange ein dunkler Fleck auf der bosnischen Landkarte. Nach dem Krieg galt der Ort als Hochburg der Kriegsverbrecher. Im nahe gelegenen Dorf Celebici haben Nato-Soldaten oft nach Radovan Karadzic gefahndet. Der Mann, der für ein besseres Image der Stadt kämpft, sitzt in einem grossen Büro, auf dem Arbeitstisch stehen Fussballpokale. Zdravko Krsmanovic, der Sportsfreund, gilt als einer der erfolgreichsten Bürgermeister in Bosnien. Als US-Vizepräsident Joe Biden im Frühling Sarajevo besuchte, sass Krsmanovic in der ersten Reihe im Parlamentssaal. «Wir setzen auf Leute wie Sie», sagte der Gast aus Amerika, als er dem Lokalpolitiker die Hand schüttelte.

«Man darf nicht vergessen, aber man muss vergeben», appelliert Krsmanovic an die ehemaligen muslimischen Bewohner von Foca. Doch es gibt wenige, die seine Botschaft hören können. Bisher sind nur etwa 20 Muslime in die Stadt zurückgekehrt. Die Sicherheit ist zwar gewährleistet, aber für die Rückkehrer fehlt eine wirtschaftliche Perspektive. In Foca, das räumt auch Bürgermeister Krsmanovic ein, war die ethnische Säuberung von Karadzics Truppen leider erfolgreich. Hier wurde auch die älteste Moschee in Bosnien-Herzegowina dem Erdboden gleichgemacht. Das Gotteshaus war von den Osmanen zwischen 1482 und 1486 gebaut worden. Über die jüngste Vergangenheit wollen die serbischen Stadtbewohner nicht sprechen. Davon, dass während des Kriegs in der Drina, die durch Foca fliesst, Hunderte Leichen trieben, will niemand etwas wissen.

In den vergangenen Jahren hat sich in Foca dank Initiativen von Krsmanovic einiges zum Besseren gewandt. Im Sommer strömen bis zu 40 000 Touristen aus ganz Europa in diese Region im Grenzgebiet zu Montenegro, wo sich der grösste Canyon des Kontinents befindet. Flossfahrten und Rafting-Touren auf der Tara und den benachbarten Zuflüssen zur Drina sind ein unvergessliches Abenteuer nicht nur für Wassersportler. Im vergangenen Jahr hat die Gemeinde allein vom Wildwassertourismus vier Millionen Euro eingenommen. Zum bevorstehenden Prozess gegen Radovan Karadzic sagt Bürgermeister Krsmanovic Sätze, die bisher kein bosnisch-serbischer Politiker zu äussern gewagt hat. Alle, die ihre Hände mit Blut befleckt hätten, müssten zur Verantwortung gezogen werden. Und er beklagt sich über die «faschistoide Rhetorik» des bosnisch-serbischen Ministerpräsidenten Milorad Dodik, der täglich vom Zerfall Bosniens spricht, die Kriegsverbrechen seiner Landsleute leugnet und kritische Journalisten mit vulgären Sprüchen beschimpft.

Der nette Doktor Dabic

Es war ein Tag im Sommer 2005, als vor dem Hauseingang von Mina Minic in Neu-Belgrad ein Mann erschien, der wie ein Landstreicher aussah. Er überreichte Frau Minic einen Blumenstrauss, küsste ihre Hand und sagte, er wolle Wunderheiler werden. Der Mann trug eine Jacke und lange Haare, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er stellte sich als Dragan Dabic vor und nahm Platz in Mina Minics Behandlungsraum im Erdgeschoss. «Er wirkte wie ein Mönch, der nach einer Vergewaltigung einer Nonne aus dem Kloster geflüchtet ist», sagt Minic, der vielleicht bekannteste Wunderheiler Serbiens. Doktor Dabic erzählte, er habe mehrere Jahre in New York gelebt, seine Familie wohne weiterhin bedroht. Minic ahnte nicht, dass sein künftiger Schüler Radovan Karadzic war, der als Experte für Erektionsstörungen und New-Age-Mystiker mitten in Belgrad lebte, Vorträge hielt und Frauen, die unter Liebeskummer litten, als Berater zur Seite stand.

«Ich staune noch heute, wie perfekt er diese Rolle gespielt hat», sagt Minic. Der mutmassliche Kriegsverbrecher besuchte mehrere Wochen verschiedene Kurse bei Minic, die beiden Männer kamen sich näher, wurden Freunde. Eines Tages fragte Dabic seinen Meister, was er über Karadzic denke. Minic zögerte, er vermutete, sein Schüler könnte ein Agent westlicher Geheimdienste sein. Heute kann Minic über diese Episode in seinem Leben nur noch lachen. Er geniesst die Medienpräsenz und ist überzeugt, dass Karadzic auch in Den Haag siegen wird. «Wir Serben sind keine Monster», sagt der knapp 80-Jährige. «Wir waren gezwungen, die andern zu töten, sonst wären wir getötet worden.» Während er das sagt, huscht ein zynisches Grinsen über sein Gesicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2009, 11:11 Uhr

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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.