Ausland
Die Wut steigt
Von Peter Nonnenmacher, London. Aktualisiert am 12.12.2010 9 Kommentare
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Noch ist London nicht Athen. Ein paar Studentenproteste, die in Krawalle ausarteten, heben Big Ben und die britische Hauptstadt nicht aus den Fugen. Gemessen an den Unruhen der Thatcher-Jahre, nehmen sich die Zusammenstösse dieser Woche vor dem britischen Parlament bescheiden aus. Aber ein Warnzeichen, für die Regierung und fürs ganze Establishment sind sie trotzdem gewesen.
Ein Medienspektakel
Die brennenden Müllcontainer, der Ansturm auf Westminster Palace, die klirrenden Scheiben der Schatzkanzlei rissen die Stadt aus ihrem winterlichen Schlummer. Einen berittenen Einsatz gegen Demonstranten bekommt man ja nicht allzu oft zu sehen auf der Insel. Blutige Köpfe auf beiden Seiten, wütende Reaktionen, eingekesselte Menschen auf einer eisigen Westminster Bridge und allenthalben blinde Aggression schaukelten die Kundgebung zum Medienspektakel hoch. Vergessen waren die ernsten Anliegen der Mehrheit der Demonstranten, der Streit um die wachsende Schuldenlast und die Privatisierung der Hochschulfinanzen.
Im Gedächtnis bleiben Bilder der Zerstörung und der zornigen Konfrontation. Und besonders das des verstörten Prinzenpaares, das arglos im Rolls-Royce die Regent Street heruntergerollt kam und sich statt in einer königlichen Variété-Veranstaltung in einer Aufführung ganz anderer Art wiederfand. Charles und Camilla, an Reverenz gewöhnt, musste es zutiefst ängstigen, in ein solches Wespennest an Verachtung und Feindseligkeit gestossen zu sein.
Als «Abschaum» beschimpft
Als «Tory Scum», als «Tory-Abschaum» beschimpft zu werden, war aber ernster. Da brach sich ein Groll Bahn, der das Establishment der Insel generell für die Probleme des Landes haftbar machen möchte. Der sich aus einer Frustration und Ohnmacht speist, die derzeit zunimmt im Vereinigten Königreich, ohne sich noch richtig politisch manifestieren zu können. Denn von einer diskreditierten und um echte Alternativen verlegenen Labour Party fühlen sich die wenigsten Briten in diesem Winter vertreten. Und von den Liberaldemokraten, die in der Hochschulfrage ihre Prinzipien auf den Kopf stellten, finden sich viele Briten verraten.
Ein eigenes Legitimitätsproblem haben die Konservativen, die nach Kräften Kürzungen durchzudrücken und das Gesicht der britischen Gesellschaft zu ändern suchen. Bei den Wahlen im Mai entfiel auf die Tories nicht viel mehr als ein Drittel der Stimmen. Darüber hinaus hatte im Wahlkampf auch Tory-Chef David Cameron noch versichert, dass es unter einem Premierminister Cameron zu «keinen wirklich einschneidenden Kürzungen» kommen werde.
«Kabinett der Millionäre»
Nun wird einschneidend gekürzt, werden Bildungschancen beschnitten, wird die soziale Kluft im Lande geweitet. Bankern werden wieder die alten Privilegien eingeräumt. Den Ärmsten wird von prominenten Konservativen beschieden, es sei ihnen «noch nie so gut gegangen» – und es könne ihnen noch besser gehen, wenn sie sich nicht wie die Kaninchen vermehrten.
Für Regierung, Polizei und die rechte Presse muss die Gewalt mit aller Macht eingedämmt werden. Für viele Briten ist das Problem aber zuallererst einmal der aktuelle Kurs des «Kabinetts der 18 Millionäre», die Abgehobenheit ihrer politischen (und royalen) Elite. Der letzte Protest in London für eine andere Zukunft dürfte das nicht gewesen sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.12.2010, 16:00 Uhr
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9 Kommentare
Sieht ganz nach Klassenkampf aus. Ich befinde mich in einer Gesellschaft, die von Marx exakt so beschrieben wurde/wird. Auch die Mechanismen stimmen. Auf der einen Seite Kumulation des Kapitals dort wo die Rendite am Höchsten ist, andrerseits ein Verarmen des produktiven Teils der Bevölkerung. Ich denke, eine zweite Weltrevolution ist in Sicht. Nur, wiederholt nicht die Fehler der Ersten, bitte!! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





