Ausland

Die deutsche Lust am Demonstrieren

Aktualisiert am 10.10.2010

Am Wochenende waren in ganz Deutschland aus völlig unterschiedlichen Anlässen mehr als 200'000 Demonstranten unterwegs – eine Zahl, die an die Achtzigerjahre erinnert.

1/7 Mit Ballons und Plakaten gegen die Obrigkeit: Demonstranten in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg ...
Bild: Reuters

Tausende gegen Stuttgar 21

   

Deutliche Worte gegen die Regierung: In München fand am 9. Oktober eine Kundgebung von Kernkraftgegnern statt. (Bild: Reuters )

Massenhafte Erinnerung: In Leipzig erinnerten Tausende an das Schicksalsjahr 1989, das mit Kerzen dargestellt wurde. (Bild: Keystone )

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2010: Stuttgart wehrte sich gegen das Megaprojekt

2010: Stuttgart wehrte sich gegen das Megaprojekt
Das milliardenschwere Grossprojekt Stuttgart 21 weckte den Unmut in der Bevölkerung. Der Konflikt gipfelte im letzten Jahr.

Die Deutschen erobern die Strasse zurück: In Stuttgart mobilisierten allein die Gegner des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 nach eigenen Angaben bis zu 150'000 Teilnehmer, die Polizei sprach von rund 60'000 Demonstranten. In München demonstrierten geschätzt 50'000 Atomkraftgegner, und in Leipzig erinnerten 40'000 Menschen daran, dass vor 20 Jahren in der DDR ein zu allem entschlossenes Volk eine ignorante Staatselite mitsamt ihren Ideologien hinweg gefegt hat.

Solidaritätsappell der Kanzlerin

Die Politik ist offensichtlich alarmiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte angesichts der Proteste gegen Stuttgart 21 bereits vor einem immer stärkeren Auseinanderfallen von individuellen und übergeordneten Interessen. «Wenn wir es nicht schaffen, lokale und gesamtwirtschaftliche Interessen zusammenzubringen, dann ist dieses Land nicht mehr veränderbar», sagte sie am Wochenende auf einer Veranstaltung der Jungen Union in Marlow in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Einzelne müsse bereit sein, mit Blick auf die Gemeinschaft Nachteile in Kauf zu nehmen, so Merkel weiter: «Wenn man nur an sich denkt und nicht an kommende Generationen, ist das ein Problem für unser Land.» Deutschland habe für die Zukunft alle Chancen, sagte die Kanzlerin: «Aber mit dem Sperren gegen jede Veränderung wird das nichts werden.»

Kritik an den Plänen der Bahn

Die Stuttgarter setzten derweil ein deutliches Ausrufezeichen und forderten einen sofortigen Baustopp und neue Verhandlungen. Demonstranten zogen in mehreren Zügen durch die Stadt und trafen sich am Schlossgarten. Der ehemalige Leiter des Design-Centers der Deutschen Bahn AG, Karl-Dieter Bodack, sagte, ein zuverlässiger Bahnbetrieb und ein vernünftiger Fahrplan seien mit dem geplanten «Tunnel-Labyrinth» unter Stuttgart nicht möglich. Zudem sei es nicht zu verantworten, für einen Fahrzeitgewinn von nur drei Minuten einen Park im Stadtzentrum weitgehend abzuholzen.

Stuttgart habe, so Bodack weiter, den am besten funktionierenden Kopfbahnhof Europas. Es gebe klare Alternativen zu dem Milliardenvorhaben der Deutschen Bahn. Eine Botschaft aus dem Bahn-Tower in Frankfurt am Main habe ihm signalisiert, dass die Gegner von Stuttgart 21 inzwischen eine Chance von 50 Prozent hätten, das Projekt zu kippen. Diese Chancen liessen sich durch «friedvolle Hartnäckigkeit» erhöhen, sagte die ehemalige Bahn-Führungskraft. Die Gegner von Stuttgart 21 wollen ihre Proteste am Montag fortsetzen.

Eine Menschenkette gegen Atomkraft in München

In München bildeten Zehntausende von Atomkraftgegner eine kilometerlange Menschenkette und protestierten gegen die von der Bundesregierung geplante Laufzeitverlängerung der deutschen Meiler. Während die Polizei die Teilnehmerzahl auf rund 25'000 schätzte, gingen die Organisatoren von 50'000 Demonstranten aus. Sie zeigten sich von der Beteiligung überwältigt. Erwartet worden waren nur 15'000 Teilnehmer. Es habe sich um die grösste Anti-Atom-Demonstration in Bayern seit dem Protest gegen die damals geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den 80er Jahren gehandelt, hiess es.

Die Kernkraftgegner bildeten eine zehn Kilometer lange Kette durch die bayerische Landeshauptstadt und schlossen so ein symbolisches «Band für erneuerbare Energien». Mit Trillerpfeifen und Plakaten brachten sie ihren Unmut über die Atompolitik von Bundes- und Landesregierung zum Ausdruck und forderten die Abschaltung aller Atomkraftwerke, zuallererst des Reaktors Isar 1 in Bayern.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sagte bei der Abschlusskundgebung am Odeonsplatz, mit der gesetzlichen Regelung eines Atomausstieges habe es bereits einen gesellschaftlichen Konsens gegeben. «Dass man wieder auf die Strasse gehen muss, ist dem Wortbruch der Atomindustrie und der schwarz-gelben Regierung zu verdanken», kritisierte er.

Leipzig: Lichtfest in Erinnerung an die Revolution

Die Grossdemonstrationen fallen in eine Zeit, wo in Deutschland an die Revolution in der DDR und die Wiedervereinigung der beiden geteilten deutschen Staaten vor 20 Jahren erinnert wird. Die erfolgreiche Losung der Demonstranten in der DDR lautete damals «Wir sind das Volk». Mit einem Lichtfest und dem traditionellen Friedensgebet erinnerten am Samstagabend in Leipzig Tausende Menschen an die friedliche Revolution.

Rund 40'000 Menschen versammelten sich auf dem Augustusplatz, wie die Stadt mitteilte. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) würdigte den Einsatz der «Männer und Frauen, die damals ihre Grundrechte eingefordert und Freiheit und Demokratie für alle ermöglicht haben».

Auf dem Augustusplatz wurde die erste Stele des Projekts «Orte der Friedlichen Revolution» enthüllt. Sie steht genau an dem Ort, an dem sich vor 21 Jahren 70'000 DDR-Bürger trotz massiver Drohungen des SED-Regimes versammelten, um friedlich auf dem Leipziger Ring zu demonstrieren, teilte das Bürgerkomitee Leipzig mit. Bis zum Ende des Jahres sollen 20 Gedenktafeln im Stadtgebiet über die Originalschauplätze der Revolution informieren. (Peter Kosfeld/raa/dapd)

Erstellt: 10.10.2010, 20:58 Uhr


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.