Ausland
Die verschwundenen Giftschiffe der Mafia
Von Kordula Doerfler, Rom. Aktualisiert am 21.09.2009 4 Kommentare
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Es war eine Entdeckung, die Stoff für einen Roman von John Le Carré liefern könnte. Vor der Küste Kalabriens, etwa 20 Seemeilen vor der Kleinstadt Cetraro in der Provinz Cosenza, entdeckten Umweltschützer vor einigen Monaten einen Schatten auf dem Meeresgrund. «Es handelt sich um etwas sehr Grosses, das mindestens 80 Meter lang ist», hielt die kleine kalabrische Organisation Arpacal in einem Bericht fest und übergab das Dokument einem Mann, der einer ebenfalls brisanten Aufgabe nachgeht.
Ermittlung gegen Ökomafia
Staatsanwalt Bruno Giordano in der benachbarten Stadt Paola war sofort alarmiert. Seit dem Sommer des vergangenen Jahres untersucht er Verbrechen der örtlichen Mafia, genauer gesagt: Er ermittelt gegen die «Ökomafia».
Schon seit Jahren gibt es konkrete Hinweise darauf, dass auch die kalabrische Mafia, die Ndrangheta, Milliarden mit illegalem Giftmüll verdient – und ganze Schiffe mit toxischer Fracht einfach im Mittelmeer versenkt hat.
Eine tickende ökologische Bombe
Giordano wandte sich an den Umweltminister der Region Kalabrien, den Meeresbiologen Silvestro Greco, der den «Schatten» untersuchen liess: zunächst mit einem Roboter, der bis in 500 Meter Tiefe vorstiess und jetzt Bilder lieferte, die einen weiteren alten Verdacht bestätigten.
Vor Cetraro liegt eine tickende ökologische Bombe auf Grund, möglicherweise ist es sogar radioaktiver Müll. Im Bug des Wracks klafft ein riesiges Loch, das vermutlich durch eine Explosion entstanden ist. Zwei Fässer ragen daraus hervor, im Inneren des Rumpfs sind Stapel von weiteren Fässern zu sehen.
Versenktes Schiff mit Gift an Bord
Dass es sich bei dem Fund um eine kleine Sensation handelt, weiss auch Giordano. Vielleicht ist es die Cunsky, ein Schiff, das seit Beginn der 90er-Jahre verschwunden ist. Schon im Jahr 2006 sagte ein Überläufer der 'Ndrangheta gegenüber den Behörden aus, dass er das Schiff versenkt habe, mitsamt seiner hochgiftigen Ladung. Nach Angaben des «pentito» Francesco Fonti wurden auch zwei andere Schiffe auf diese Weise «entsorgt». Doch damit nicht genug: Der einstige Mafioso behauptete auch, dass die drei Frachter Ende der 80er-Jahre von der italienischen Regierung angeheuert worden seien, um Giftmüll zu transportieren, angeblich auch radioaktive Abfälle aus dem christlichen Teil des Libanon. Offiziell wurde die Cunsky 1992 verschrottet.
Giordano warnt trotzdem vor voreiligen Schlüssen. «Das Schiff, das wir jetzt gefunden haben, entspricht zwar in den Ausmassen der Cunsky», sagt er, doch seien weitere Untersuchungen notwendig: «Niemand aber kann mehr sagen, dass es die Giftschiffe im Mittelmeer nicht gibt.» Mindestens 32 weitere Wracks, so befürchtet der Staatsanwalt, liegen vor Italiens Küsten. Er stützt sich dabei auch auf Untersuchungen der Umweltschutzorganisation Legambiente. Sie fordert seit Jahren, dass die Umstände aufgeklärt werden, unter denen sich seit Mitte der 80er-Jahre Schiffe mitsamt Ladung und Besatzung in Luft aufgelöst haben.
Viele Fälle wurden nie aufgeklärt
So kam etwa die Nikos, ausgelaufen in La Spezia, nie an ihrem Bestimmungsort in Lomé, der Hauptstadt von Togo, an. Vermutlich liegt sie zwischen Griechenland und dem Libanon. Ebenfalls nie aufgeklärt wurde das Verschwinden der Mikigan, die vor der kalabrischen Küste liegt, sowie der Schiffe Rigel, Anni, Rosso, Marco Polo, Four Star und Koraline. Ihre Fracht bestand von angeblichem Marmorstaub über giftige Schwermetalle bis hin zu radioaktivem Abfall.
«Wir hoffen, dass nach dem Fund vor Cetraro die Ermittlungen in einigen Fällen wieder aufgenommen werden», sagt Sebastiano Venneri, Vizepräsident von Legambiente – erst recht, weil in den vergangenen Jahren der Handel mit Giftmüll immer grössere Ausmasse angenommen hat.
Entsorgung in Entwicklungsländern
Jährlich 20 Milliarden Euro erwirtschaften die drei Mafia-Organisationen in Süditalien in einem längst globalen Geschäft, heisst es in einem neuen Bericht von Legambiente. 258 Clans der Camorra rund um Neapel, der 'Ndrangheta in Kalabrien und der Cosa Nostra auf Sizilien sind in dieses höchst lukrative Geschäft verstrickt. Hochgiftiger und strahlender Müll wird aufgekauft, als harmloser Abfall umverpackt und illegal in Süditalien entsorgt, auf dem Seeweg in Entwicklungsländer gebracht – oder einfach in internationalen Gewässern verklappt. Besonders beliebt ist dabei das Horn von Afrika, wo sich die örtlichen Warlords ihr Entgegenkommen mit Waffen bezahlen lassen.
In der italienischen Hauptstadt beeilte man sich jetzt, Unterstützung zuzusichern, und im Umweltministerium fanden bereits mehrere Krisensitzungen statt. Einige Abgeordnete der Opposition aber äusserten einen weiteren schwerwiegenden Verdacht: Dass die jeweiligen Regierungen in Rom ebenfalls recht wenig Interesse an Aufklärung hatten. «Es gehört zu den grossen Geheimnissen Italiens, was aus den Giftschiffen geworden ist», sagte der Umweltexperte der Demokratischen Partei, Ernete Realacci. «Das hätte bereits vor Jahren aufgeklärt werden müssen.» Sich in das Geschäft mit dem Gift einzumischen aber, ist gefährlich. Der Marineoffizier Natale de Grazia erlag 1995, mit 38 Jahren, angeblich einem Herzinfarkt, nachdem er der illegalen Entsorgung von Schwermetallen auf der Spur war.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.09.2009, 15:54 Uhr
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4 Kommentare
Und wenn man bedenkt, dass die italienischen Küsten ein Badeparadies sind - oder waren??? Wer geht ab sofort noch nach Italien in Urlaub? ICH jedenfalls nicht - ich will mich nicht dem Risiko aussetzen, im Meer badend, VERSTRAHLT zu werden. Nein Danke! Bella Italia - Du bekommst grande Problema! Antworten
@Yvonne Stäheli: Betreffend Verstrahlung müssen Sie sich wohl keine Sorgen machen. Radioaktive Strahlung wird im Wasser sehr stark gedämpft. So sind z.B. die Reaktorkerne von Kernkraftwerken auch nur durch wenige Meter Wasser abgeschirmt. Eine Riesenschweinerei ist es aber unbestrittenermassen! Und eigentlich Grund genug, Italien als Feriendestination abzuschreiben. Antworten
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