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Ehemaliger DDR-Bürgerrechtler soll Merkels Koalition spalten

Von David Nauer. Aktualisiert am 05.06.2010

In Deutschland hoffen SPD und Grüne auf Abweichler im Regierungslager, damit der neue Bundespräsident Joachim Gauck heisst.

Kandidat der Opposition: Joachim Gauck.

Kandidat der Opposition: Joachim Gauck.
Bild: Keystone

Einen Tag nach der Kanzlerin hat auch die Opposition ihren Kandidaten fürs Schloss Bellevue präsentiert: Joachim Gauck, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler, Pastor, Kämpfer für die Freiheit. «Gauck bringt ein Leben mit in seine Kandidatur», sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel in Berlin. Bei CDU-Kandidat Christian Wulff sei es dagegen «nur eine politische Laufbahn».

Grünen-Chef Cem Özdemir schloss sich der Einschätzung an. Gauck stehe für die «freiheitliche Tradition in der Bundesrepublik», sagt er. Andere Oppositionspolitiker lobten den Kandidaten als parteipolitisch unabhängig. Er sei im bürgerlichen wie im linken Lager anerkannt.

«Reisender Demokratie-Lehrer»

Einen Namen hatte sich Gauck unter anderem als Chef der Stasiunterlagenbehörde gemacht, welche die Verbrechen des DDR-Geheimdiensts aufarbeitete. Zu DDR-Zeiten war er in seiner Heimatstadt Rostock eine der treibenden Kräfte hinter der Bürgerbewegung. Zuletzt betätigte sich der 70-Jährige als Buchautor und «reisender Demokratie-Lehrer», wie er selber sagt.

Mit seiner Nominierung für das höchste Amt im Staat ist der Opposition ein Coup gelungen, der das Regierungslager in Verlegenheit bringt. Eine moralische Autorität wie Gauck zu kritisieren oder gar abzulehnen getraut sich kaum jemand in Deutschland. Der Mann sei ein «respektabler Kandidat», sagte denn auch Sachsens CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich – und fügte pflichtschuldig an, Wulff sei aber besser. Die FDP erklärte, auch sie hätte mit einem Bundespräsidenten Gauck «wunderbar leben können», wenn er der einzige Kandidat wäre.

Am 30. Juni wird gewählt

Rechnerisch sind die Chancen des Oppositionskandidaten nicht gut. CDU und FDP verfügen in der deutschen Bundesversammlung, welche am 30. Juni das neue Staatsoberhaupt wählen soll, über eine komfortable Mehrheit. Zudem hat die Linkspartei angekündigt, Joachim Gauck sei für sie nicht wählbar. Er sei ein «Mann der Vergangenheit», so Linke-Chefin Gesine Lötzsch. Die Genossen mögen den Mann nicht wegen seiner Rolle als Kritiker des DDR-Regimes und der Sozialistischen Einheitspartei SED.

Der Bewerber selber gibt sich realistisch. «Ich kann auch zählen», sagte er gestern mit Blick auf die Kräfteverhältnisse im Wahlgremium. In den kommenden Wochen will er eine Art Wahlkampf betreiben. Auf Einladung gehe er auch bei CDU und FDP vorbei.

«Mehr als ein Alibikandidat»

Die Opposition versichert, dass Gauck mehr sei als ein Alibikandidat. Grünen-Chef Özdemir nennt die Kandidatur ein «echtes Angebot» an die Koalition. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann ist sich sogar sicher, dass Gauck zahlreiche Stimmen aus den Regierungsparteien bekommen werde. In der öffentlichen Meinung jedenfalls steht Gauck gut da. Bei einer Online-Umfrage von tagesschau.de sprachen sich weit über 60 Prozent für ihn aus. Auf Wulff entfielen weniger als 20 Prozent der Stimmen.

Ähnlich sehen die Reaktionen in der Presse aus. Die Nominierung Wulffs wird von den meisten deutschen Blättern kritisch gesehen. Der CDUMann sei eine «Notlösung», schreibt die konservative «Welt». Die linke «Tageszeitung» hält Wulff für «gar nicht qualifiziert». Und das stramm bürgerliche Massenblatt «Bild» stellt fest: «Gauck ist ein ebenbürtiger Gegner bei der Bundespräsidenten-Wahl.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2010, 23:39 Uhr

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