Ehrlich, wütend, talentiert

Der dänisch-palästinensische Yahya Hassan prangert mit seiner Lyrik Heuchelei und Sozialbetrug seines Milieus an. Die Reaktionen auf seine Worte sind extrem: Nach Todesdrohungen musste er unter Polizeischutz gestellt werden.

Lyrik-Debütant mit Explosionskraft. Yahya Hassans (18) Gedichte über den Alltag von Muslimen in Dänemark haben die Debatte über Einwanderung angefacht.

Lyrik-Debütant mit Explosionskraft. Yahya Hassans (18) Gedichte über den Alltag von Muslimen in Dänemark haben die Debatte über Einwanderung angefacht. Bild: Jacob Ehrbahn/Keystone

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An der dänischen Buchmesse, dem Bog Forum in Kopenhagen, gewann Yahya Hassan (18) dieses Jahr den Debütanten-Preis. Mit Aussagen wie: «Ich bin fucking wütend auf die Generation meiner Eltern» trat der Secondo diesen Herbst einen sensationellen Mediensturm los. Inzwischen reicht Yahya Hassans Ruf schon über den Atlantik. Selbst das «Wall Street Journal» widmete dem Jung-Lyriker jüngst ein Porträt. Von seinem Gedichtband wurden in Dänemark sensationelle 37'000 Exemplare verkauft.

Yahya Hassan hat Talent. Und er hat eine Geschichte zu erzählen, die man in Dänemark so bis jetzt noch nicht gehört hat. Wütend und empört berichtet er aus dem Alltag im Getto von Aarhus, Dänemarks zweitgrösster Stadt, wo er mit vier Geschwistern als dänischer Staatsbürger mit palästinensischen Eltern aufwuchs. «Im Getto wird gefeiert, wenn fitte junge Männer eine frühzeitige Pension erhalten. Die Frauen schweigen meistens. Die Kinder werden mit Gewalt erzogen. Die erwachsenen Männer huren herum, stehlen und trinken. Am Abend gehen sie in die Moschee und bitten um Vergebung», sagte Hassan im Gespräch mit der dänischen Tageszeitung «Politiken».

Yahya Hassan ist wütend. Er löst kontroverse Reaktionen aus, weil er religiöse Heuchelei und Sozialbetrug in seinem eigenen Milieu aufdeckt. In Dänemark haben Rechtspolitiker seit den 90er-Jahren mit ähnlichen Aussagen viele Wählerstimmen gewonnen. Immigranten werden von ihnen als parasitäre Bedrohung für die dänische Gesellschaft dargestellt. Neu ist, dass rechtspolitische Argumente nun als authentische Geschichten erzählt werden, von einem Insider.

Bei der Preisverleihung im Bog Forum las der neue Stern am dänischen Lyriker-Firmament eines seiner Gedichte vor, in denen er sich selbst als «Pusher» porträtiert. Dabei wurde sein Talent offensichtlich. Seine Stimme ist fast schreiend, er liest in modernistischer Tradition, in der die Worte nach vorn gestossen werden.

Todesdrohungen und Hassreden

Die Reaktionen auf seine Worte sind für dänische Verhältnisse extrem. Todesdrohungen aus seinem eigenen Umfeld führten dazu, dass Hassan unter Polizeischutz gestellt werden musste. In sozialen Medien wird er entweder geliebt oder mit Hassreden zugedeckt. Das Weihnachtsgeschenk des Jahres in Dänemark ist zweifellos die Gedichtsammlung «Yahya Hassan», die bereits das Interesse ausländischer Verlage auf sich gezogen hat. Seit den 70er-Jahren, als die Texte feministischer Dichterinnen in grosser Zahl über den Ladentisch gingen, ist in Dänemark keine Gedichtsammlung derart gut verkauft worden.

Genau wie damals ist es nicht nur die elitäre Avantgarde, die sich mit den Gedichten beschäftigt – auch Herr und Frau Nielsen kaufen wieder Gedichtbände. Weil Yahya Hassan mit seiner Ehrlichkeit etwas zu sagen hat, das niemanden gleichgültig lässt.

Eine neue Ebene in der Debatte

Als Hassan Anfang Oktober in einem Interview mit «Politiken» erklärte: «Ich bin fucking wütend auf die Generation meiner Eltern», war dies der Beginn einer neuen Wende in der dänischen Debatte über Einwanderung und Demokratie. Die Debatte hatte 2005, mit der Krise um die Mohammed-Karikaturen, die Dänemark auf die Titel­seiten der internationalen Medien brachte, ihren Anfang genommen. Die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung «Jyllands Posten» löste weltweit heftige Reaktionen aus und führte zu gewaltsamen Demonstrationen in muslimischen Ländern. Es folgte eine hitzige Debatte über Demokratie, Religion und Meinungsfreiheit.

Der Islam spielt eine grosse Rolle in Hassans Showdown mit der Generation seiner Eltern. In erster Linie geht es dem jungen Dichter aber darum, dass sich diese Generation nicht in die dänische Gesellschaft integriert hat, was einem Ausfall einer ganzen Generation, die in einer modernen westlichen Gesellschaft funktionieren müsste, gleichkommt.

Hassan, der selber eine kriminelle Vergangenheit hat, klagt die Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit seiner Eltern an: «Wir waren nicht enttäuscht vom System, sondern von unseren Eltern. Wir sind die elternlose Generation», sagte er im Interview in «Politiken».

Yahya Hassan legt sich auch mit denen, die er «Prämien-Araber», nennt, an. Die Gruppe der erfolgreichen Immigrationskinder verhalte sich in der Debatte still: «Sie sind die weltweit besten Kritiker, wenn es um Menschenrechte und Kriege im Nahen Osten geht, aber wenn es um ihren eigenen Hinterhof geht, sind sie stumm und passiv», sagt Hassan.

Wie es tatsächlich ist

Aber Secondos mit einem Hintergrund wie Hassan mischen sich jetzt in die Debatte ein. Ein Leser mit Migrationshintergrund schrieb als Reaktion auf Hassans Kritik in einem Leserbrief, dass die dänischen Politiker die Dinge aus den Augen der Migranten und Migrantinnen sehen müssen: «Yahya Hassan beschreibt nur das Leben, wie es für zu viele tatsächlich ist.» Dabei bezieht er sich auf seine eigenen Erfahrungen mit Betrug und Gewalt in der Kindheit.

Eine weitere Gruppe Secondos steht hinter den Todesdrohungen gegen Hassan. Gemäss Mehmet Ümit Necef, der zum Thema religiöse Minderheiten an der Syddansk Universitet forscht, ist diese Gruppe ein Beweis für die Parallelgesellschaft, die es Dänemark gibt. Es ist eine Gesellschaft, in welche die Dänen erst jetzt einen direkten Einblick erhalten.

So beschreibt Hassan in seinen Gedichten beispielsweise, wie ein Vater systematisch Gewalt als Erziehungs­methode einsetzt: In direktem und konfrontierenden Stil fängt zum Beispiel das Gedicht «Kindheit» mit folgenden Worten an: «Fünf Kinder in einer Reihe und ein Vater mit einer Keule.» Es ist das grausame Bild von Kindern, denen auf die Hände geschlagen wird, von einer Schwester, die sich in die Hosen macht, während Al Jazira im Hintergrund plärrt, und die Mutter zerbricht Teller im Treppenhaus.

Das Misstrauen der Lehrerin

Yahya Hassan hat vor Kurzem mit seinem Studium an der dänischen Schriftstellerschule «Forfatterskolen» angefangen. Noch ist es aber nicht lange her, dass die neue Lyriker-Sensa­tion seine ganze Habe in einer Sport­tasche mit sich trug, zwischen verschiedenen Vorsorgeinstitutionen pendelte und auch wegen Raub im Gefängnis sass. In einer der letzten Institutionen, in der Hassan wohnte, wollte eine Lehrerin wissen, wo er seine schriftliche Arbeit über Facebook gestohlen hätte. «Du hast sie ja wohl nicht selbst geschrieben», sagte sie.

Damit hat sein lyrisches Schreiben angefangen. Hassan erzählte «Politiken», dass ihn dieses Misstrauen gegenüber seinen Zielen und Fähigkeiten so wütend gemacht hatte, dass es als Katalysator für eine vertiefte Auseinandersetzung mit seinem Zorn funktionierte: «Ja, es war, als hätte sich eine alte Wunde in mir geöffnet, an einer Stelle, aus der die Wörter in Strömen kamen. Wütende Wörter.»

In sämtlichen dänischen Zeitungen überzeugt das Talent, das sich in einer illusionslosen und konfrontierenden Sprache entfaltet. Hans Hauge, Lektor für nordische Sprache und Literatur an der Aarhus Universitet, sagt in der christlichen Tageszeitung «Kristeligt Dagblad»: «Die meisten Autoren erleben nicht so viel. Hier kommt dann einer, der wirklich was erlebt hat. Zugleich hat er das Vermögen, in diese modernistische Lyriktradition einzutreten. Dann passiert etwas. Das ist ein Teil der Erneuerung der Künste.»

Der nicht erfolgreiche Secondo

Warum ist Hassans Geschichte auch im Ausland von grossem Interesse? ­Sofie Voller von der internationalen ­Abteilung des Gyldendal Verlags, verweist in «Politiken» auf Hassans Zorn als Erklärung. Seine Auseinandersetzung mit der Getto-Umgebung ist neu und, im Einklang mit Hassan, sagt Sofie Voller, «dass wir bislang fast nur Geschichten über erfolgreiche Secondos gehört haben».

Wird aber der wütende Showdown eines jungen Mannes mit seiner Kindheit von den Medien zu sehr hochgeschaukelt? Gemäss Christoffer Green-Pedersen, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Aarhus, lautet die Antwort: nein. Zusammen mit dem Kommunikationsexperten Frederik Preisler schreibt er in einem Artikel in «Berlingske», dass wir in einem komplexen Alltag konkrete Gesichter und lebendige Geschichten brauchen, wenn wir es mit schwierigen Gegenständen zu tun haben. «Die gesamte Kommunikation, politisch oder kommerziell, gibt sich rational, ist aber emotional», sagt Preisler.

Hassans Geschichte kann politische Bedeutung annehmen, wenn die Politiker sie in eine Politik integrieren, die schon auf dem Tisch liegt. Ständig hat Hassan in dänischen Medien betont, dass er weder Vorbild ist, noch je eines sein möchte. Er sei und bleibe Araber, sagt er selbst.

Nun scheint es, dass er eine wichtige Identifikationsfigur vieler Araber geworden ist. Vorbild hin oder her.

Die dänische Journalistin Liselotte Voer lebt in Zürich. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 21.11.2013, 09:24 Uhr)

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